
Graphik 1: Inflation und Inflationserwartungen im Euro-Raum
Graphik 2: Preise für Rohöl und Nahrungsmittel
Mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von etwas über 2 % hat der Euro-Raum in den letzten 10 Jahren eine Phase dauerhaft niedriger Inflation erlebt (siehe Graphik 1). Der Euro hat sich damit seit seiner Einführung 1999 als stabile Währung erwiesen, die der D-Mark in dieser Hinsicht nicht nachsteht. Damit wurden von monetärer Seite günstige Voraussetzungen für Wachstum und Beschäftigung geschaffen. Grund zur Selbstzufriedenheit besteht jedoch nicht.
Dem Eurosystem ist es gelungen, Preisniveaustabilität in einem nicht selten schwierigen Umfeld zu gewährleisten. In den zehn Jahren seit Einführung des Euro haben zahlreiche sogenannte Schocks von außen wie die starke Verteuerung von Öl und Nahrungsmitteln die kurzfristige Preisentwicklung stark beeinflusst (siehe Graphik 2). So wurden administrierte Preise und indirekte Steuern wiederholt deutlich angehoben – ein Beispiel dafür ist die deutsche Mehrwertsteuer. Außerdem erhöhte sich der Ölpreis von etwa 10 USD im Jahr 1999 auf mehr als 140 USD zur Jahresmitte 2008 und trug damit maßgeblich dazu bei, dass die Teuerungsraten im Euro-Raum insbesondere im vergangenen Jahr kräftig gestiegen sind. Mittlerweile hat sich der Preisdruck vor allem durch die spürbaren Preiskorrekturen an den internationalen Rohstoffmärkten deutlich verringert. Dieser enge zeitliche Zusammenhang aus steilem Preisanstieg bis in den Sommer 2008 hinein einerseits und dem seither nachlassenden Preisdruck andererseits führt nun dazu, dass die Teuerungsraten – gemessen als Veränderung gegenüber dem Vorjahr – in den kommenden Monaten vergleichsweise niedrig ausfallen werden. Mittelfristig dürfte die Inflationsrate aber wieder et-was anziehen; deflationäre Effekte sind im Euro-Raum aus heutiger Sicht auszuschließen.
Die Geldpolitik kann unerwarteten Störungen des Preisniveaus in der Regel nicht kurzfristig entgegenwirken, weil eine Veränderung der Leitzinsen nur mit einer zeitlichen Verzögerung von mehreren Quartalen auf die Preisentwicklung einwirkt. Gefahr droht vor allem von „Zweitrundeneffekten“, wenn nämlich wegen von außen kommender Preisschübe Bürger und Unternehmen dauerhaft mehr Inflation erwarten, die Tarifparteien daraufhin entsprechend höhere Löhne vereinbaren und die Unternehmen dann wegen gestiegener Lohnkosten höhere Preise für ihre Produkte verlangen. Eine solche Lohn-Preisspirale versucht eine stabilitätsorientierte Zentralbank durch rechtzeitiges Handeln möglichst zu verhindern. Denn ist die Spirale erst einmal in Gang gekommen, ist die Rückführung der Inflationserwartungen auf ein stabilitätskonformes Niveau meist mit hohen gesamtwirtschaftlichen Kosten verbunden.
Insoweit ist positiv zu werten, dass seit Einführung des Euro im Januar 1999 alle Umfragen für die mittel- bis langfristig erwartete Inflation im Euroraum fast durchgehend bei knapp unter 2 % liegen. Dies lässt darauf schließen, dass es dem Eurosystem von Anfang an gelungen ist, Glaubwürdigkeit aufzubauen und zu erhalten. Zu recht vertrauen Bürger und Unternehmen darauf, dass das Eurosystem bei ernstzunehmenden Inflationsrisiken zinspolitisch entschieden gegensteuert.
Das Vertrauen in den Euro beruht zu einem Großteil auf dem institutionellen Rahmen des Eurosystems, der dem der Bundesbank in der D-Mark-Zeit sehr ähnelt. Im Vordergrund stehen hierbei das klare, auf Preisniveaustabilität ausgerichtete Mandat des Eurosystems, seine Unabhängigkeit von Weisungen der Regierungen sowie seine geldpolitische Zwei-Säulen-Strategie.
Kritiker wenden manchmal ein, dass die Preisniveaustabilität im Euro-Raum weniger dem entschlossenen Einsatz der Euro-Währungshüter, sondern vielmehr dem fortschreitenden Prozess der Globalisierung zu verdanken sei. Nun sind seit Beginn der neunziger Jahre sowohl eine Beschleunigung des Globalisierungsprozesses als auch weltweit tendenziell rückläufige Teuerungsraten zu beobachten. Dies heißt aber nicht, dass zwischen beiden Phänomenen ein eindeutiger kausaler Zusammenhang besteht. Stattdessen gehen von der Globalisierung sowohl preisdämpfende (Stichwort: Verfügbarkeit billiger Importe), als auch preiserhöhende Effekte (Stichwort: steigende Nachfrage nach Rohstoffen) in den Industrieländern aus. Der Nettoeffekt dieser zum Teil gegenläufigen Schocks ist schwer zu bestimmen und variiert in der Zeit. Auf jeden Fall entbindet der Globalisierungsprozess eine Notenbank nicht von ihrer Stabilitätsorientierung. Das Eurosystem wird deshalb auch weiterhin eine Geldpolitik verfolgen, die auf Preisniveaustabilität ausgerichtet ist. Dies ist der beste Beitrag, den es für wirtschaftlichen Wohlstand und die Stärkung des Wachstumspotenzials im Euro-Raum leisten kann.