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Gesamtwirtschaftliche Teuerungsrate der beste Kompass für die Geldpolitik

Graphiken und Tabellen

Graphik 1: Vom Verbraucher subjektiv wahrgenommene Inflation im Euro-Raum

Vom Verbraucher subjektiv wahrgenommene Inflation im Euro-Raum

Skalierbare Graphik (EPS)

 

Graphik 2: Inflation im Euro-Raum

Inflation im Euro-Raum

Skalierbare Graphik (EPS)

 

Die Verbraucher klagen: „Alles wird teurer.“; die amtlichen Statistiker und die Euro-Zentralbanker versichern: „In den letzten zehn Jahren ist das allgemeine Preisniveau im Euro-Raum nur verhalten gestiegen.“ Manche Kritiker würden den Kreis der in die Preismessung einbezogenen Güter und Dienstleistungen gerne enger fassen. Sie sagen: „Bei der Preismessung sollte man besonders schwankungsanfällige Komponenten wie Energie und Nahrungsmittel ausklammern“. Wie passen all diese unterschiedlichen Auffassungen zusammen? Wird die Preisentwicklung im Euro-Raum unter- oder überschätzt? Wirft man einen Blick hinter die Techniken der Preismessung, zeigt sich, dass für die Zwecke der Geldpolitik die amtlich gemessene gesamtwirtschaftliche Teuerungsrate der beste Kompass ist. Denn diese Messgröße ist umfassend und zeigt frühzeitig an, wenn sich ein anhaltender Preisauftrieb, auch bei Energie und Nahrungsmitteln, zu verfestigen droht und dadurch einen spürbaren dauerhaften Anstieg des allgemeinen Preisniveaus auslösen könnte.

Carl-Ludwig Holtfrerich, Freie Universität Berlin;
Handelsblatt, 17.01.2003

„Statt sich auf die Stabilisierung der Kerninflationsrate zu konzentrieren, zielten die Bundesbank und die EZB auf die Befreiung der Welt von allen Preisübeln, ohne den dadurch bedingten Schaden im realen Bereich der Wirtschaft in Rechnung zu stellen.“

Prof. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank;
Stern, 01.06.2005

„Wie bei den tatsächlichen Preisniveauentwicklungen seit Etablierung der EZB das Verdikt ‘Teuro’ Überlebenschancen haben konnte, ist eher eine Frage an den Psychotherapeuten als den Statistiker.“

Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex, kurz HVPI, ist eine objektive und methodisch gut fundierte Messgröße für Preisänderungen. Er misst die Preisentwicklung anhand eines repräsentativen Warenkorbs, der die wichtigsten Waren und Dienstleistungen abbildet, die ein typischer Verbraucher kauft. Insofern macht der HVPI Kaufkraftverluste umfassend transparent. Genau diese Eigenschaft wird dem Index von manchen Kritikern als Nachteil ausgelegt, insbesondere dann, wenn vorübergehende, zufällige Störungen – wie Missernten oder temporäre Ölpreissprünge – auftreten. Sie plädieren dafür, die Geldpolitik stärker an sogenannten Kerninflationsraten auszurichten. Kerninflationsraten bereinigen den HVPI um besonders störanfällige Komponenten. Das prominenteste Beispiel im Euro-Raum ist der HVPIex, der die Komponenten „Energie“ und „unverarbeitete Nahrungsmittel“ (z. B. Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse) aus dem HVPI ausklammert (siehe Graphik 1).

Kernraten liefern durchaus wertvolle Informationen über die Ursachen der Preisentwicklung, sind aber nicht der beste Maßstab zur Beurteilung der Preisniveaustabilität. Für eine stabilitätsorientierte Notenbank ist letztlich unerheblich, aus welchem Grund bzw. durch welche Preiserhöhungen das Ziel der Preisniveaustabilität gefährdet ist. Der durchschnittliche Verbraucher ist von allen Kaufkraftverlusten betroffen, egal, ob sie sich nun bei Gütern mit oder ohne starke Preisschwankungen ergeben; er lebt nicht in einer Welt, in der er weder Nahrung zu sich nimmt noch Transportmittel benutzt. Darüber hinaus zeigt die Entwicklung der Rohstoffpreise in den letzten Jahren, dass störungsanfällige und daher in der Kernrate herausgerechnete Komponenten nicht nur kurzfristige Niveausprünge, sondern auch einen dauerhaften Anstieg des trendmäßigen Preisniveaus auslösen können. So trieb der bis in den Sommer 2008 hinein stark steigende Ölpreis die Inflationsraten im Euro-Raum über mehrere Jahre in die Höhe; dies durfte vom Eurosystem nicht ignoriert werden. Hinzu kommt schließlich, dass Kerninflationsraten der gemessenen Teuerungsrate oftmals nachlaufen. Eine andauernde Verteuerung bei Energie und Nahrungsmitteln kann zum Beispiel über erhöhte Preise bei öffentlichen Verkehrsmitteln und Restaurants (indirekte Effekte) und Lohnerhöhungen (Zweitrundeneffekte) mittelfristig durchaus die Kerninflationsrate nach oben treiben. Eine systematisch an der Kerninflationsrate orientierte Geldpolitik läuft deshalb Gefahr, die ersten Warnzeichen solcher Inflationstrends zu übersehen.

Auch die genau entgegengesetzte Kritik, d.h. dass der amtlich gemessene HVPI die tatsächliche Preisentwicklung unterzeichne, ist nicht stichhaltig. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Euro-Raum-weit geführte „Teuro“-Debatte, die mit der Einführung des Euro-Bargelds im Januar 2002 aufkam. Die Wortschöpfung „Teuro“ stand für den Eindruck, dass sich mit der Bargeldeinführung ein anhaltender Teuerungsschub vollzogen habe. Dieser Eindruck lässt sich jedoch nicht bestätigen. Untersuchungen des Statistischen Bundesamtes und der Bundesbank zeigen, dass die Preise im Umfeld der Euro-Bargeldeinführung in Deutschland zwar gestiegen sind, jedoch nicht in dem Ausmaß, wie dies in der Öffentlichkeit empfunden wurde. So lag die Inflationsrate in Deutschland im Januar 2002 mit 2,1 % über den Werten der Monate vor und nach der Euro-Einführung. Allerdings hing ein Großteil der Preisanhebungen nicht mit dem Euro zusammen, sondern war durch andere Faktoren, wie ein besonders kaltes Winterwetter und höhere Steuern auf Energie, Tabakwaren und Versicherungen, bedingt. An der Januar-Rate von 2,1% konnte der Euro-Bargeldeinführung selbst höchstens ein Betrag von 0,3 Prozentpunkten zugerechnet werden – und das, obwohl es vor allem bei einigen lokal angebotenen Dienstleistungen, beispielsweise bei Gaststätten-, Kino- und Friseurbesuchen, sehr auffällige Preisbewegungen gab. Insoweit lässt sich auch nachvollziehen, warum im Umfeld der Euro-Bargeld-Umstellung viele Verbraucher die Teuerung als sehr viel kräftiger empfunden haben, als sie von den offiziellen Statistiken angezeigt wurde. Es besteht jedoch kein Anlass, aus diesem Grund das Konzept der Inflationsmessung generell in Zweifel zu ziehen.

Ein konzeptionell überzeugendes Maß für die „gefühlte“ Inflation ist bislang nicht entwickelt worden. Umfrageergebnisse der Europäischen Kommission (siehe Graphik 2) zeigen aber, dass die privaten Haushalte nicht nur zur Einführung des Euro-Bargelds abweichende Vorstellungen von der allgemeinen Preisentwicklung hatten. Generell gibt es verschiedene Gründe für ein Auseinanderfallen von individuellem Preisgefühl der Verbraucher und amtlich gemessener Preisstatistik. Zum einen registrieren viele Verbraucher vor allem Preisänderungen von Gütern, die sie häufig kaufen und/oder bar bezahlen (z. B. Lebensmittel, Benzin, Kleidung). Demgegenüber nehmen sie günstige Preistrends bei seltener gekauften Produkten wie Autos, Kühlschränken, Kameras und Computern weniger wahr. Zum anderen vergleichen viele Verbraucher die aktuellen Euro-Preise noch immer mit D-Mark-Preisen aus der Zeit vor 2002 und vergessen dabei die Teuerung in den dazwischen liegenden sieben Jahren. Im Übrigen wären die allermeisten Preissteigerungen der letzten Jahre auch ohne Einführung der Gemeinschaftswährung aufgetreten. Dies gilt insbesondere für den Preisschub, den die Erhöhung der deutschen Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte im Jahr 2007 ausgelöst hat, aber auch für den starken Anstieg der Energie- und Nahrungsmittelpreise.

In jedem Fall sagen „persönliche“ Inflationsraten viel über individuelle Konsumgewohnheiten und selektive Wahrnehmungen aus, jedoch nur wenig über den allgemeinen Preistrend. Denn kaum ein Verbraucher bildet mit seinen Einkäufen exakt den durchschnittlichen Warenkorb der Statistik-Ämter ab. Daher lassen sich subjektiv wahrgenommene Inflationsraten nicht direkt mit amtlich gemessenen Teuerungsraten vergleichen. In ihrer Gesamtheit können Messgrößen der Inflationswahrnehmung allenfalls gewisse Hinweise über die Einschätzung der Preisentwicklung in der Öffentlichkeit geben. Ein Kompass für die Geldpolitik kann allein die Messung der gesamtwirtschaftlichen Teuerung sein, die an den repräsentativen Verbrauchsgewohnheiten ausgerichtet ist. Dies ist beim HVPI der Fall. Natürlich können gewisse Veränderungen in der Zusammensetzung des HVPI sinnvoll sein, beispielsweise um die Preise für selbstgenutztes Wohneigentum einzubeziehen. Es gibt aber keinen überzeugenden Grund, warum das Eurosystem seine Geldpolitik künftig nicht mehr an einem repräsentativen Verbraucherpreisindex ausrichten sollte.

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