Finanzierungsrechnung
Diagramm zur Vereinfachten Struktur des deutschen Finanzsystems
(Quelle: Bundesbank)
Die gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung (FR) ist Teil der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR), die ein die gesamte Volkswirtschaft umfassendes statistisches Rechenwerk darstellen. Im Mittelpunkt der VGR steht – historisch gesehen – die Ermittlung der in einem Land in einem bestimmten Zeitabschnitt produzierten Güter und Dienstleistungen sowie der im Zusammenhang damit entstandenen Einkommen. Dieser „klassische Kern“ einer Darstellung des gesamtwirtschaftlichen Güter- und Einkommenskreislaufs wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Industrieländern sukzessive durch weitere Kontensysteme ergänzt. Dazu gehört unter anderem die FR. Deren theoretische Grundlage bildeten insbesondere die Arbeiten von John M. Keynes, der im Gefolge der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre die real- und finanzwirtschaftlichen Interdependenzen des Wirtschaftskreislaufs betont hat.
Die FR – zumeist von Notenbanken wegen der dort vorhandenen finanziellen Primärstatistiken erstellt – ergänzt somit das Bild der realwirtschaftlich orientierten VGR der Statistischen Ämter um diejenigen Transaktionen, die parallel zu den realen Vorgängen in der Finanzsphäre ablaufen. Die Ergebnisse zeigen auf, wer in einer Volkswirtschaft in welchem Umfang und in welcher Form finanzielle Mittel bereitgestellt oder beansprucht hat und welche Finanzintermediäre in den Finanzierungskreislauf eingeschaltet worden sind. Dies ermöglicht sowohl Vorstellungen von der Grundstruktur der Finanzströme, das heißt von den Kanälen der inländischen Geldvermögensbildung sowie der externen Mittelbeschaffung, als auch vom finanziellen Verhalten, insbesondere der privaten Haushalte und Unternehmen.
Weltweit gibt es kaum gesonderte Erhebungen für die spezifischen Belange der FR, sodass zu deren Erstellung stets auf bestehende statistische Informationen zurückgegriffen werden muss, die primär anderweitigen Zwecken dienen. Das beste Beispiel hierfür sind die Bankenstatistiken, die von den Zentralbanken primär zur Erfüllung ihrer geldpolitischen und aufsichtsrechtlichen Aufgaben erhoben werden. Die FR erhält dadurch den Charakter einer Sekundärstatistik, in der sich als Bausteine die Statistiken aus den verschiedenen finanziellen Bereichen wiederfinden und in konsistenter Weise miteinander verknüpft werden. Die methodische Grundlage für alle Teile der VGR bildet das Europäische System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (ESVG). Derzeit gilt das ESVG 95, welches aber im Jahr 2014 durch das ESVG 2010 ersetzt werden wird.
Die Deutsche Bundesbank begann bereits Mitte der 1950er Jahre als eine der ersten Notenbanken weltweit mit der Erstellung und Veröffentlichung der FR. Genutzt werden die Ergebnisse unter anderem für die Analyse des Anlage- und Finanzierungsverhaltens von Unternehmen und Privathaushalten, woraus sich wiederum Hinweise für den geldpolitischen Transmissionsprozess ergeben können. So stehen beispielsweise Untersuchungen über Verschiebungen in den Finanzstrukturen, etwa über den Zusammenhang zwischen der Kreditvergabe der inländischen Banken und den übrigen Finanzierungsquellen (etwa Kapitalmärkte und ausländische Kreditgeber) im Fokus der Betrachtung.
Für die Bundesbank war es von Anfang an ein wichtiges Anliegen, die Daten der FR und der realwirtschaftlichen VGR des Statistischen Bundesamtes eng miteinander zu verzahnen. Im Mai 2006 hat auch die EZB erstmals sogenannte integrierte Sektorkonten für den Euro-Raum veröffentlicht. Die Bundesbank erstellt die FR auf Quartalsbasis. Die Ergebnisse werden regelmäßig in Pressenotizen, Monatsberichten sowie der Statistischen Sonderveröffentlichung Nr. 4, die auch weitere methodische Erläuterungen beinhaltet, publiziert. Darüber hinaus werden sie der EZB übermittelt, die zusammen mit den Beiträgen der anderen EWU-Mitgliedsländer die FR für das Eurowährungsgebiet erstellt und veröffentlicht. Auf EU-Ebene werden die Daten von Eurostat zusammengestellt und publiziert.
