„Geld drucken löst das Problem nicht”
Interview mit Dr. Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, in Dein Spiegel am 19.06.2012
Jens Weidmann, 44, ist Präsident der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main. Den Kinderreportern Dalia, 14, und Sami, 13, verriet er, worüber er sich in der Finanzkrise am meisten ärgert und womit er sein erstes Geld verdient hat.
Herr Weidmann, können wir bei der Bundesbank ein Konto eröffnen?
Nein, das geht nicht. Wir sind keine Bank wie die Sparkasse nebenan, wo man ein Konto führt oder einen Kredit aufnimmt. Als Zentralbank leihen wir Banken Geld, mit dem sie dann Geschäfte machen können.
Was ist denn dann die Aufgabe der Bundesbank?
Wir bringen zum Beispiel das Bargeld in Umlauf. Alle Euro-Geldscheine und Münzen im Euro-Raum sind zusammen 900 Milliarden Euro wert. Aneinander gelegt könnte man damit 50 Mal die Erde umspannen.
Ist das Ihr ganzer Job?
Nein, wir beaufsichtigen außerdem die Banken in Deutschland, damit sie mit dem Geld ihrer Kunden sorgsam umgehen. Aber unsere wichtigste Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass das Geld seinen Wert behält. Ein Geldschein ist ja zunächst einmal nicht mehr als ein bedrucktes Stück Papier. Er wird erst dadurch wertvoll, dass er knapp ist und du ihn gegen etwas eintauschen kannst, gegen einen Kaugummi zum Beispiel oder einen Haarschnitt.
Haben Sie keine Angst, dass ein Mitarbeiter mal einen Stapel Hunderter mitgehen lässt?
Da müsst ihr euch keine Sorgen machen. Unsere Mitarbeiter sind sehr zuverlässig, und außerdem wird das Geld gut bewacht. Kameras filmen jeden Arbeitsschritt, und keiner arbeitet allein.
Wir haben gehört, dass Sie hier einen Keller voller Gold haben. Können wir den mal sehen?
Zeigen kann ich euch den leider nicht: Das Gold ist streng bewacht. Man braucht ganz viele verschiedene Schlüssel, um zum Tresorraum zu kommen. Die Bundesbank verwaltet insgesamt 3400 Tonnen Gold. Die sind 135 Milliarden Euro wert. Aber nur ein Teil davon liegt hier in Frankfurt. Der Rest lagert in Zentralbanktresoren in New York, Paris und London.
Wie sieht es im Goldkeller denn aus?
Es gibt ganz viele Regale, ähnlich wie im Baumarkt. Und da liegen die Goldbarren drauf, andere sind in Metallkisten verstaut. Es ist beeindruckend, wenn man einen Barren in die Hand nimmt und sich vorstellt, dass man davon ein ganzes Haus kaufen könnte.
Und wem gehört das Gold?
Das gehört der Bundesrepublik Deutschland – und damit uns allen.
Was fällt Ihnen bei dem Wort "Griechenland" als erstes ein?
Zwei große Probleme: Der griechische Staat hat erstens zu viele Schulden gemacht. Nun möchte ihm daher keiner mehr Geld leihen. Das zweite Problem ist, dass in Griechenland sehr viele Unternehmen nicht fit genug sind für den Wettbewerb mit Unternehmen aus anderen Ländern. Um die Probleme in den Griff zu bekommen, muss die griechische Regierung weniger Schulden machen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Firmen erfolgreicher werden und wieder mehr Menschen Arbeit geben können. Die anderen Länder sind bereit, den Griechen dafür ausnahmsweise noch einmal Geld zu leihen. Sie verlangen aber, dass die Griechen dafür ihre Versprechen einhalten – nämlich zu sparen und ihre Wirtschaft stärker zu machen.
Wenn Europa Geld braucht, können wir nicht einfach welches drucken?
Ein Geldschein ist wie gesagt ja nur ein bedrucktes Stück Papier. Selbst wenn wir viel mehr davon drucken, gibt es deswegen nicht mehr Sachen, die man damit kaufen kann. Stattdessen verliert das Geld an Wert, wenn zu viel davon im Umlauf ist. Jeder versucht, von dem zusätzlichen Geld etwas zu kaufen, und dadurch steigen die Preise. Das nennt man Inflation.
Und was ist daran so schlimm?
Das benachteiligt zum Beispiel die Leute, die etwas gespart haben. Die Notenbanken wie die Bundesbank sollen dafür sorgen, dass der Wert des Geldes stabil bleibt. Außerdem: Euro zu drucken löst die Probleme von Griechenland nicht. Die Wirtschaft wird dadurch nicht stärker.
Wenn ein Politiker so etwas vorschlägt, werden Sie richtig sauer?
So sauer, wie ein Notenbanker werden kann. Wir sind ja traditionell eher zurückhaltende Leute. Aber ich sage schon deutlich, wenn ich etwas für falsch halte. Und solche Vorschläge ärgern mich.
Muss man gut in Mathe sein, um bei der Bundesbank zu arbeiten?
Es schadet zumindest nicht, weil wir viel mit Zahlen hantieren. Außerdem muss man sich mit Wirtschaft auskennen. Aber hier arbeiten mehr als 10 000 Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen. Auch solche, in denen man kein Rechenkünstler sein muss.
Bevor Sie zur Bundesbank kamen, waren Sie Berater von Angela Merkel. Was hat Ihnen mehr Spaß gemacht?
Das kann man schwer vergleichen. Die Zeit in Berlin war schön, ich habe dort viel gelernt. Aber ich arbeite gerne bei der Bundesbank. Es ist eine spannende Arbeit, und ich möchte nicht mehr tauschen. Außerdem wohnt meine Familie in der Nähe, das ist mir sehr wichtig. Vorher war ich nur am Wochenende zu Hause. Es ist schöner, wenn wir gemeinsam in den Tag starten und miteinander frühstücken können.
Wofür haben Sie früher Ihr Taschengeld ausgegeben?
Als Kind habe ich immer eine Zeitschrift gekauft, die es heute nicht mehr gibt: „Yps“ hieß die. Zu der gab es ein Spielzeug oder etwas zum Experimentieren, das fand ich toll. Später habe ich gespart, um mir etwas Größeres zu kaufen: Eine Schallplatte zum Beispiel.
Womit haben Sie ihr erstes Geld verdient?
Ich habe in den Ferien in einer Firma elektronische Bauteile gelötet. Da war ich aber schon ein bisschen älter als ihr jetzt: 15 oder 16.
Leihen Sie Ihren Kindern Geld, wenn die sich unbedingt etwas kaufen wollen?
Nein, sie bekommen Taschengeld: Sie sollen lernen, wie man damit umgeht – und dass man sparen muss, wenn man sich etwas kaufen möchte.
Dalia kommt aus Fulda und geht dort in die neunte Klasse der Freiherr-vom-Stein-Schule. In ihrer Freizeit liest sie gerne und schreibt Geschichten. Daher kommt auch ihr Berufswunsch: Autorin.
Sami wohnt in Oberursel und besucht dort die siebte Klasse des Gymnasiums. Er macht Karate und spielt gern Geige. Sein Vorbild ist der Star-Geiger David Garrett.
