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Interview 09.07.2012

„Regeln werden gebrochen”

Interview mit Sabine Lautenschläger, Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, erschienen im Magazin FOCUS am 09.07.2012

Die Frankfurter Banken hat sie aus dem Blick verloren. Vor einem Jahr übernahm Sabine Lautenschläger das Amt der Vizepräsidentin der Bundesbank und musste als eine ihrer ersten Amtshandlungen das Chefbüro in der zwölften Etage räumen. Vor den Fenstern dort breitet sich die Skyline der deutschen Großbanken wie auf einer Panoramapostkarte aus. Hinter den Baumwipfeln des Grüneburgparks ragen die Türme von Deutscher Bank, Commerzbank und DZ-Bank in den Frankfurter Himmel – all die Konzerne, über die die Juristin als oberste deutsche Bankenaufseherin wacht. Und bei denen sie im Extremfall sogar die Abberufung der Vorstände veranlassen könnte. Von ihrem Übergangsbüro schaute sie nun statt dessen auf den Parkplatz der Bundesbank – das Gebäude wird saniert.
Ihr Ausblick ist wenig beeindruckend, ihre Einblicke in die Zahlen und Konzerngeheimnisse der Banken dafür umso mehr. Die Juristin ist eine der mächtigsten Banken-Kontrolleurinnen in der deutschen Geschichte. Ihre Machtfülle braucht sie, denn die Staatsschuldenkrise bedroht auch die deutschen Finanzinstitute. Die Last dieser Verantwortung verbirgt Lautenschläger gut. Sie sieht ausgeruht aus, Lachfältchen zeigen sich um ihre Augen.

Frau Lautenschläger, Sie wissen, wie die deutschen Banken wirklich dastehen. Wie groß ist aktuell für sie die Gefahr durch die europäische Schuldenkrise?

Die deutschen Institute sind heute widerstandsfähiger als noch vor drei Jahren bei der letzten Krise. Sie haben Risiken abgebaut, Kapital aufgenommen und sich mit Liquidität vollgesogen. Trotzdem darf man sich nicht täuschen. Würde sich die Staatsschuldenkrise dramatisch zuspitzen und es zu eklatanten Verwerfungen kommen, wäre keine europäische Bank vor erheblichen Verlusten gefeit.   

In Griechenland und Spanien ziehen die Menschen ihr Erspartes von den Konten ab und bringen es ins Ausland. Gibt es das auch vermehrt in Deutschland?

Wir haben dafür keine Anhaltspunkte. Unsere Statistiken zeigen, dass die Einlagen bei deutschen Banken steigen. Es kann aber schnell gehen, dass die Menschen ihre Konten räumen wollen. 2008 standen wir kurz davor. Angela Merkel und Peer Steinbrück sind vor die Kameras getreten und haben die Einlagen staatlich garantiert, um einen Run zu verhindern.

Wieso sind wir schon wieder in Gefahr?

Sie dramatisieren. Nochmals, ich sehe dieses Risiko nicht. Deutsche Institute halten große Mengen an Liquidität bereit. Der deutsche Staat und sein Bankenmarkt sind robust. Derzeit fließt Geld nach Deutschland, es fließt nicht ab. Wir gelten als sicherer Hafen. Trotzdem fühlen sich die meisten Deutschen den Banken ausgeliefert.

Wo haben Sie Ihr Geld?

Auf meinen Bankkonten in Deutschland.

Wie legen Sie es an?

Sehr konservativ.

Haben Sie nie gezockt?

Nein, niemals. Ich finde, das lässt sich mit meinem Amt nicht vereinbaren.

EU-Politiker haben ständig neue Ideen, wie sie der Krise Herr werden wollen. So soll künftig eine europäische Aufsicht über die großen Banken wachen. Ist das Aktionismus oder ein wirksames Instrument?

Diese Einschätzung fällt mir schwer, denn noch sind keine Details bekannt. Ein Konzept müsste unter anderem Auskunft darüber geben, welche Banken auf europäischer Ebene geprüft werden sollen und auf welcher Rechtsgrundlage die Aufsicht handeln soll. Auch muss eine Antwort darauf gefunden werden, wie eine künftige europäische Aufsicht finanziert wird, wer sie kontrolliert und wer haftet, wenn sie etwas falsch macht. Und dann stelle ich mir die Frage, ob eine europäische Aufsicht die Staatsschuldenkrise hätte verhindern können.

Die Politik versucht, diese Krise zu lösen. Muss man aber nicht gleichzeitig die Banken strenger kontrollieren? Gerade haben sich Banker der US-Bank JP Morgan mit Milliarden Dollar verspekuliert. Das wäre in Deutschland doch auch möglich . . .

Die Details dieses Falls kenne ich nicht, da ich JP Morgan nicht beaufsichtige. Immerhin benötigt die Bank keine Staatshilfe. Die Folgen des Fehlverhaltens tragen die involvierten Angestellten und die Aktionäre – wie es in einer Marktwirtschaft sein soll. Und das ist ein wichtiges Signal. Besser ist es natürlich, es kommt gar nicht erst zu solchen Verstößen. In Deutschland sorgen dafür verschiedene aufsichtsrechtliche Regeln. So wurden die Anforderungen durch die Aufsicht an die interne Kontrolle der Banken erheblich angezogen. Aber wir stellen natürlich nicht hinter jeden Bankmitarbeiter einen Aufseher, der diesen rund um die Uhr überwacht. Auch in Deutschland werden Regeln gebrochen.

Wie schnell könnten Sie denn handeln?

Sehr schnell. Wir können alle Unterlagen einer Bank anfordern und zu jeder Zeit eine Prüfung vornehmen.

Haben Sie genug Instrumente zur Hand, um wirklich durchgreifen zu können?

Als Aufseher hätte man immer gern einen noch größeren Instrumentenkoffer. Aber tatsächlich hat sich unser Werkzeugkasten seit der Krise 2008 gut gefüllt.

Welches dieser Instrumente ist am wichtigsten?

Entscheidend ist nicht das einzelne Werkzeug, sondern wann ich es einsetzen darf. Vor der Krise 2008 durften wir erst eingreifen, wenn sich die Gefahr schon fast realisiert hatte. Jetzt können wir bereits handeln, wenn eine Gefahr droht. Das ist ein erheblicher Unterschied.

Machen Sie davon vermehrt Gebrauch?

Ja, und die Banken beschweren sich auch hier und da.

Sie haben einmal gesagt, dass sich Vorstände Ihnen gegenüber schon mal im Ton vergriffen hätten. Ist das zurzeit besonders ausgeprägt?

Nein. Die Vorstände, ebenso wie die Anteilseigner verstehen, dass die Aufsicht auf Gefahren jetzt schneller reagieren kann – und dass das von uns erwartet wird. Die Bankmanager sind sich bewusst, dass die Zeit der Deregulierung vorbei ist. Dennoch haben Banken noch Möglichkeiten zu spekulieren. Der amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaft, Paul Krugman, hat 2009 gefordert, die Banken sollten endlich langweilig werden.

Wieso sind sie es nicht?

Sie sind doch schon viel langweiliger geworden – gerade in Deutschland. Die Institute haben ihre Auslandsaktivitäten bereits erheblich abgebaut und werden das auch weiter tun. Es wurden Geschäftsbereiche wie das Investmentbanking bei allen großen Instituten verkleinert, wenn nicht eingestellt. Viele deutsche Großbanken sind deswegen heute bedeutend lokaler und kleiner.

Wird das so weitergehen? Was wird sich in den nächsten Jahren verändern?

Die deutschen Banken sind dabei, sich auf ihre Kernfelder zu konzentrieren. Das sind die Geschäfte mit Privat- und Firmenkunden, die Betreuung Vermögender und die Immobilienfinanzierungen. 
Davon können aber nicht alle Institute leben.

Wird es zum Bankensterben kommen?

Ich könnte mir vorstellen, dass der Wettbewerb härter wird und letztlich für eine gewisse Auslese sorgt.

Interview: Alexandra Kusitzky

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