„Testamente für Banken sind nötig“
Interview mit Dr. Andreas Dombret im Handelsblatt am 03.12.2012
Das Gespräch führten D. Heß, P. Köhler u. R. Landgraf in Frankfurt
Wie wichtig ist Basel III, die neuen Regeln für das Eigenkapital der Banken?
Sie sind das Herzstück der internationalen Regulierung. Ihre Umsetzung ist äußerst wichtig für die Glaubwürdigkeit unseres Ziels, einen einheitlichen globalen Standard zu erreichen.
Treten die Regeln wie geplant 2013 in Kraft?
Anfang des neuen Jahres ist dies auch für Europa nicht mehr zu machen. Aber Mitte 2013 ist durchaus realistisch.
Ist es nicht eine Rosstäuscherei?
Nein. Ich wäre zwar nicht glücklich über eine Verzögerung, aber ein Beinbruch sieht anders aus. Entscheidend ist, dass Basel III zeitnah umgesetzt wird. In der Realität ist es doch so, dass sich die Banken im Vorfeld bereits darauf vorbereiten.
Wäre es akzeptabel, wenn die USA Basel III nicht einführten?
Die Eigenkapitalregeln von Basel III sind ausgereift und überzeugend. Basel III wird sich durchsetzen, weil dadurch das internationale Bankensystem sicherer wird und weil in einer globalisierten Weltwirtschaft alle ein Interesse an einheitlichen Standards haben, die Vertrauen schaffen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die USA genau aus diesen Gründen Basel III einführen werden. Die in Ihrer Zeitung von FDIC-Vize Thomas Hoenig vorgetragene Auffassung ist eine Einzelmeinung und spiegelt nach meiner festen Überzeugung weder die Beschlusslage noch die Absichten der US-amerikanischen Behörden wider.
Fordert der Markt in der Realität nicht bereits höhere Eigenkapitalquoten, als geplant sind?
Was der Markt fordert ist eines. Hier geht es darum, einen gleichen Standard, also gleiche Mindestanforderungen für die Banken einzuführen und für mehr Sicherheit zu sorgen.
Geht das denn ohne die geplanten neuen Liquiditätsregeln?
Basel III sieht schon jetzt gewisse Grundregeln für die Liquidität der Banken vor, doch über die konkrete Ausgestaltung wird noch diskutiert. Ganz im Gegensatz zu den Eigenkapitalvorschriften, die ausdiskutiert sind und damit feststehen.
Der nächste Stresstest für Europas Banken wird vorbereitet –verwirrt das wieder mehr als es hilft?
Die letzten Stresstests sind nicht optimal gelaufen. Das wird beim nächsten Mal hoffentlich besser. Die Vorbereitungen für den neuen Test werden noch bis ins nächste Jahr hinein laufen. Berechtigte Kritik wird sicher berücksichtigt werden, etwa an der Kommunikation der Ergebnisse und der Abfrage der Informationen bei den Banken. Zudem war die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit beim letzten Mal viel zu hoch. Nicht jede nationale Besonderheit, nicht jedes spezielle Risiko kann berücksichtigt werden.
Die Immobilienprobleme in den Kreditbüchern der Banken in Spanien hätte man erkennen müssen.
Da haben Sie recht!
Fordern Sie wie der Bundesfinanzminister eine schnelle Umsetzung der Bankentestamente, um Kreditinstitute abwickeln zu können?
Ja, das ist das wichtigste noch ausstehende Reformvorhaben. Es kommt darauf an, funktionierende Abwicklungsregime zu erarbeiten – eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Aber nur auf diese Weise kann eine glaubwürdige Drohkulisse gegenüber großen Banken aufgebaut, nur so können sie auch wirklich aufgelöst und abgewickelt werden. Es besteht dann kein Zwang mehr, systemrelevante Institute staatlicherseits zu retten. Ich bedauere es sehr, dass wir mehr als fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise immer noch keine weltweite Lösung für das „Too Big to Fail“-Problem haben. Aber wir sind auf einem guten Weg.
Führt eine harte Regulierung bei Banken nicht dazu, dass das Geschäft zu Versicherungen abwandert und sich dort Risiken bündeln?
Ich mache mir relativ wenig Sorgen um die Versicherungen, insbesondere die deutschen. Gewiss muss sich die Assekuranz an rückläufige Erträge aus ihren Kapitalanlagen anpassen. Die Nettoverzinsung ist beispielsweise bei den Kapitalanlagen der deutschen Lebensversicherer im vergangenen Jahr um 0,2 Prozentpunkte auf 4,1 Prozent gesunken. Aber die Anpassungen sind im Gange. Dazu gehört, dass gerade die großen Versicherungskonzerne ihre Kapitalanlage vorsichtig neu ausrichten. Die Kreditvergabe läuft teilweise direkt, etwa bei der Finanzierung von Immobilien- und Infrastrukturprojekten.
Das Niedrigzinsumfeld wirkt sich auch auf den Immobilienmarkt aus. Sehen Sie die Gefahr einer Blase?
Ein klares Nein. Aktuell sehen wir keine destabilisierenden Wechselwirkungen zwischen dem Preisniveau am Wohnimmobilienmarkt und der Kreditvergabe. In Deutschland nimmt die Kreditvergabe im Immobilienbereich nur moderat zu: Im Jahr 2011 waren es 1,2 Prozent. Damit ist sie zwar etwas stärker gestiegen als im Jahr 2010 mit 0,7 Prozent und 2009 mit 0,2 Prozent –aber eben immer noch moderat. Und Deutschland zeichnet sich weiterhin durch eine konservative Ausgestaltung der Finanzierung aus. Wir sehen also für Deutschland insgesamt im Durchschnitt keine Preisübertreibungen am Immobilienmarkt. Auch mittelfristig sehen wir keine Spannungen.
Bei der Vorlage des Finanzstabilitätsberichts klangen Sie besorgter.
Wir wollen angesichts der Erfahrungen anderer Länder mit anhaltend niedrigen Zinsen, die häufig zu Übertreibungen geführt haben, frühzeitig auf Risiken aufmerksam machen. Übertreibungen können wir für die Zukunft auch in Deutschland nicht ausschließen. Dies ist aber noch lange keine Warnung vor einer Blase.
