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Interview 27.12.2016

"Haushaltsregeln müssen mehr Biss bekommen"

Interview in der Bild-Zeitung, Titel: "Lohnt sich Sparen über­haupt noch?"

Das Gespräch mit Jens Weidmann führte Jan W. Schäfer.

Welcher Finanzminister hat Ihnen und EZB-Chef Draghi das größte Weihnachtsgeschenk gemacht?

Es gab keine Geschenke, warum fragen Sie danach?

Weil die Minister durch den Nullzins pro Jahr mehr als 100 Milliarden Euro Zinsen sparen!

Die Länder des Euroraums sollten die historisch niedrigen Zinsen nutzen, um ihre Finanzen zu sanieren. Doch etliche tun zu wenig oder erhöhen sogar die Ausgaben. Das ist gefährlich. Denn wenn die Zinsen wieder steigen, müssen die Länder für ihre hohen Schulden mehr zahlen. Das kann schnell zu einer neuen Vertrauenskrise führen. 

Ist die nächste Schuldenkrise also nur eine Frage der Zeit?

Die Regierungen sollten sich jedenfalls nicht zurücklehnen, denn die Schulden sind vielfach immer noch sehr hoch. Das muss sich ändern, und dazu braucht es einen gewissen Druck. Wer zu viele Schulden macht, sollte am Markt auch entsprechend höhere Zinsen zahlen. Zudem müssen die Haushaltsregeln mehr Biss bekommen. Dabei könnte ein unabhängiges Gremium helfen, das die nationalen Haushalte überwacht. In dem Gremium sollten Experten sitzen, keine Politiker.

Das werden die Euro-Länder doch kaum mit sich machen lassen!

Die hohen Schuldenberge vieler Euro-Länder belasten künftige Generationen und können die Stabilität des Euro gefährden. Die Regierungen stehen hier in der Verantwortung.

Von welchem Land geht 2017 die größte Gefahr für den Euro aus?

Wir haben 2016 die Brexit-Überraschung erlebt und das Referendum in Italien. Doch es gab kaum Auswirkungen auf die Konjunktur. Das zeigt: Nicht jede Abstimmung gefährdet den Aufschwung. Die Wirtschaft ist robuster, als manche denken. Die Politik setzt aber die Rahmenbedingungen für langfristiges Wachstum und Beschäftigung.

Wann steigen die Zinsen wieder?

Wir sehen jetzt schon, dass die Inflation ansteigt. Die EZB geht davon aus, dass die Inflationsrate spätestens 2019 nahe beim Ziel von knapp zwei Prozent liegt. Aber die Geldpolitik erst dann wieder zu straffen, wäre zu spät. Denn die Inflation reagiert mit Verzögerung auf unsere Maßnahmen. Wir müssen vorausschauend handeln. Das heißt, sobald sich die Inflation auf einem nachhaltigen Pfad hin zu unserem Ziel befindet, gilt es, die Zügel anzuziehen.

Lohnt sich Sparen wegen des Nullzinses überhaupt noch?

Ja. Nur wer heute Geld zurücklegt, kann es im Alter ausgeben. Die Nullzinsen sind auch kein Dauerzustand. Es hilft aber sicherlich, neben dem Sparbuch andere Anlageformen zu wählen.

Ist Börsen-Zockerei also besser als Sparen?

Zockerei ist sicher keine Antwort, aber nicht jede Börsenanlage ist Zockerei. Welche Geldanlagen man wählt und welche Risiken man eingeht, hängt von der persönlichen Lebenssituation ab. Eine höhere Rendite gibt es nur gegen ein höheres Risiko. Wer sein Geld bald braucht, sollte Anlagen mit größeren Wertschwankungen vermeiden. Und die Deutschen ändern ihr Anlageverhalten auch allmählich, sie sparen mittlerweile zum Beispiel zunehmend in Aktien und Investmentfondsanteilen.

Italiens Bank Monte dei Paschi steht vor der Pleite. Muss sie mit Steuergeld gerettet werden?

Hier müssen viele Fragen noch geklärt werden. Grundsätzlich haben wir neue Regeln beschlossen. Diese sollen insbesondere den Steuerzahler schützen und Investoren in der Verantwortung halten. Staatliche Gelder sind nur als letztes Mittel vorgesehen, deswegen liegt die Messlatte entsprechend hoch.

Was heißt das konkret?

Für die von der italienischen Regierung beabsichtigte Maßnahme muss die Bank im Kern wirtschaftlich gesund sein. Das Geld darf auch nicht dazu dienen, bereits absehbare Verluste zu decken. Außerdem müsste es ohne die Stützung zu schweren wirtschaftlichen Verwerfungen kommen. All dies ist nun sorgfältig zu prüfen. Wenn trotz allem Staatsgeld in Sachen Monte dei Paschi fließt, sollte es wegen der bereits hohen italienischen Staatsschulden auf jeden Fall gegenfinanziert werden.

Ist es Zeit für einen Deutschen an der Spitze der Euro-Bank EZB?

Für diese Debatte ist es doch deutlich zu früh, denn die Amtszeit von EZB-Präsident Draghi dauert noch fast drei Jahre. Was wir brauchen, ist eine stabilitätsorientierte Geldpolitik. Da ist die Nationalität des Präsidenten egal.

Stünden Sie als Draghi-Nachfolger bereit?

Damit setze ich mich derzeit nicht auseinander.

© BILD Bundesausgabe, 26.12.2016, Jan W. Schäfer.

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