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Interview 13.06.2017

"Erste Institute wenden sich Frankfurt zu"

Interview im Handelsblatt

Das Gespräch mit Joachim Wuermeling führten Michael Brächer und Jan Mallien.

Herr Wuermeling, das Thema Clearing klingt etwas sperrig. Worum geht es?

Beim Clearing werden Standard-Derivategeschäfte statt wie früher üblich bilateral zwischen den Geschäftspartnern über eine "zentrale Gegenpartei" verrechnet. Das erhöht die Transparenz und Sicherheit im Derivatemarkt und wurde als Lehre aus der Finanzkrise obligatorisch. Mit solchen Finanzinstrumenten sichern sich Banken etwa gegen Zinsänderungen oder Währungsschwankungen ab.

Klingt nach einem Bankerproblem.

Mitnichten. Die Clearing-Verpflichtung gilt nicht nur für Banken, sondern grundsätzlich auch für die Realwirtschaft. Beispielsweise sichern viele Mittelständler ihre Exporterlöse mit Derivaten gegen Währungsschwankungen ab. Clearing ist also nicht nur ein Thema für den Finanzteil!

Die große Mehrheit der Marktteilnehmer verrechnet ihre Euro-Derivate derzeit beim Londoner Clearinghaus LCH. Wird das so bleiben, wenn Großbritannien die EU verlässt?

Mit dem Austritt aus der EU verlöre das Londoner Clearinghaus ohne weitere Anschlussregelungen seine Zulassung als EU-Clearingstelle. Mit der Folge, dass im Grundsatz europäische Banken und Unternehmen dort keine neuen Kontrakte mehr schließen und keine alten Verträge mehr unterhalten dürfen.

Das heißt, bei einem harten Schnitt zwischen Großbritannien und der EU muss das Clearing auf den Kontinent?

Bei einem so genannten harten Brexit wäre das schlicht eine Konsequenz der gegenwärtigen Rechtslage, solange sich die EU und Großbritannien nicht auf Anschlussregelungen einigen.

Großbritannien und der EU bleiben weniger als zwei Jahre, um den EU-Austritt zu verhandeln. Lässt sich da eine Anschlussregel für so ein kompliziertes Thema finden?

Darauf sollte man als Clearingkunde heute nicht bauen. Zuerst will die EU mit Großbritannien nur über die "Scheidung" verhandeln. Erst danach wird über eine Anschlussvereinbarung geredet, um die künftigen Handelsbeziehungen zu regeln. Dabei geht es um jedwede Art von Produkten und Dienstleistungen von Autos bis zu IT-Clouds. Clearing ist da zwar ein wichtiges, aber eben nur ein Element eines großen, allumfassenden "Deals". Ein solches Freihandelsabkommen zu schließen, dürfte mehrere Jahre dauern, siehe CETA oder TTIP.

Werden die Banken so lange warten?

Im Markt ist schon jetzt Bewegung. Erste Institute wenden sich Clearinghäusern auf dem Kontinent und vor allem hier in Frankfurt zu. Vermutlich wird sich das im Verlauf der Verhandlungen massiv verstärken, wenn die Wahrscheinlichkeit für einen harten Brexit zunehmen sollte.

Was würden Sie Bankchefs raten, die ihre Derivategeschäfte in London abwickeln?

Das Problem ist eben, dass man zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht genau weiß, wie das endgültige Regime aussehen wird, erst recht nach dem Wahlausgang letzte Woche. Deshalb würde ich mir als Bank oder anderes Unternehmen in jedem Fall ein zweites Standbein schaffen. Niemand will eine Situation riskieren, in der es etwa bei einem Verhandlungsabbruch zwischen der EU und Großbritannien nach dem Austritt zu problematischen Zuständen auf dem Clearingmarkt kommt.

Clearing ist ein lukratives Geschäft. Londons Börsenchef Xavier Rolet warnt, dass 100 000 Arbeitsplätze in Großbritannien auf dem Spiel stehen. Wandern die jetzt auf den Kontinent?

Die Frage, wie viele Arbeitsplätze verlagert werden, wird letztlich von den Marktteilnehmern beantwortet. Soweit ich weiß, bezieht Herr Rolet in seiner Berechnung ja auch Jobs ein, die nur indirekt mit dem Clearing zu tun haben. Aber wenn es wirklich zu einer Verlagerung in dieser Größenordnung kommen sollte, wäre das eine schlichte Folge des EU-Austritts und der Reaktion des Marktes darauf und nichts, das wir als Zentralbank beeinflussen.

Frankfurt und Paris hoffen darauf, zu Euro-Clearing-Zentren aufzusteigen. Zu Recht?

So einfach ist das nicht. Es kann auch sein, dass das Euro-Clearing – gegeben die heutigen Rahmenbedingungen – stärker ganz außerhalb Europas erfolgt, etwa in Chicago. Denn maßgebliche Akteure in dem Geschäft sind amerikanische Banken. Technisch und rechtlich ist das jetzt schon möglich, weil einige globale Clearinghäuser eine EU-Zulassung haben. Das ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie sehr der Brexit ein Risiko für die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Finanzstandortes Europas darstellt.

Die Deutsche Börse, die selbst ein Clearinghaus betreibt, würde sich von Ihnen sicher ein starkes Statement wünschen. Wieso sagen Sie nicht einfach: "Das Clearing muss nach Frankfurt"?

Darum geht es uns nicht. Aus der Sicht der Bundesbank ist das Entscheidende, dass die Aufseher einen regulatorischen Durchgriff auf dieses Geschäft haben. Der wäre natürlich in vollem Umfang gegeben, wenn sich das Clearinghaus im EU-Raum befindet. An ein Euro-Clearing im Vereinigten Königreich müssten künftig aus guten Gründen sehr hohe Anforderungen gestellt werden.

Trotzdem: Was würde geschehen, wenn ein Clearinghaus scheitert?

Wenn ein Clearinghaus zusammenbricht, verlieren erst einmal alle Sicherungen ihre Gültigkeit. Wer die Kontrakte hält, wäre dann von heute auf morgen dem vollen Risiko etwa von Währungsschwankungen oder Zinsänderungen ausgesetzt. Das hätte gravierende Folgen, und zwar nicht nur für den Finanzsektor, sondern insbesondere auch für die Realwirtschaft. Allerdings bestehen für EU-Clearinghäuser heute strenge Anforderungen an das Risikomanagement und ein abgestuftes Haftungssystem. An einem Abwicklungsregime für Clearinghäuser wird in Brüssel gerade gearbeitet.

Das heißt, die an Clearinghäuser angeschlossenen Banken müssen notfalls Geld nachschießen.

Exakt. Die Clearingteilnehmer sind entsprechende Verpflichtungen eingegangen.

Und falls die Banken in Schieflage geraten, müsste letztlich die Bundesbank einspringen?

Schlimmstenfalls kann es dazu kommen, dass wir als Kreditgeber der letzten Instanz ("lender of last resort") gefragt werden. Grundsätzlich könnte einem solventen Finanzinstitut mit vorübergehenden Liquiditätsproblemen zwar eine Unterstützung gewährt werden, es gibt allerdings keinerlei Ansprüche auf Gewährung von Notfall-Liquiditätshilfen.

Also steht bei Ihnen steht das rote Telefon?

(lacht) Ja, klar, das steht im Büro nebenan, ist aber schwarz! Im Ernst: Gerade, weil wir als Notenbank notfalls Liquidität bereitstellen könnten, möchten wir als Bundesbank bei der Kontrolle der Clearinghäuser eng eingebunden sein. Sonst fallen Kontrolle und Risiko auseinander, und wir haben in der Finanzkrise gelernt, welche Folgen das haben kann.

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Vorstandsmitglied - Prof. Dr. Joachim Wuermeling

Interview mit Joachim Wuermeling,
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