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Interview 06.12.2017

"Flexibel und zielorientiert"

Interview mit dem "Luxemburger Wort"

Das Gespräch mit Andreas Dombret führte Thomas Seidel

Herr Dr. Dombret, ein deutsches FinTech "CrossLend" schickt sich an, in Luxemburg nicht mehr und nicht weniger als eine Kapitalmarktbörse aufbauen zu wollen. Dabei wird der Newcomer massiv von der Luxemburger Finanzaufsicht und einem Innovationsfonds unterstützt. Warum findet das nicht in Deutschland statt?

Da müssen Sie schon das Management des FinTechs fragen. In Deutschland gibt es genauso Anreize für die Gründung von Startups im Finanzbereich wie zum Beispiel die Einrichtung von Gründerzentren. Auch die deutsche Finanzaufsicht bemüht sich innerhalb ihres Mandats, konkrete Hilfestellungen zu geben. Die "Newcomer" können sich beispielsweise jederzeit mit regulatorischen Fragen an die Aufseher in den Hauptverwaltungen der Bundesbank wenden. Wir stellen aber Unterschiede dabei fest, wie sich Aufsichtsbehörden weltweit zu dem Phänomen FinTech stellen. In Deutschland sind wir da vergleichsweise zurückhaltend. In Luxemburg dagegen hat der Finanzsektor eine ungleich höhere Bedeutung für die Gesamtwirtschaft als in Deutschland, das muss man im Hinterkopf behalten. So betragen in Luxemburg die Aktiva des Finanzsektors rund das 250-fache des Bruttoinlandprodukts, in Deutschland nur rund das 5-fache

Traditionell sind deutsche Finanzinstitute sehr gut mit ihren Geschäften in Luxemburg gefahren. Das scheint jetzt auch für FinTechs zu funktionieren. Haben die Luxemburger ein Rezept um für Finanzunternehmen attraktiv zu sein?

Finanzunternehmen profitieren in Luxemburg insgesamt von günstigen Rahmenbedingungen. Der Staat hat sich immer schon zielorientiert für seine Finanzindustrie eingesetzt. Zum Beispiel hat Luxemburg als erster Mitgliedstaat schon 1988 die EU-Vorschriften für "Organismen für die gemeinsame Anlage in Wertpapiere" (OGAW) umgesetzt. Dadurch konnten Fonds schnell und einfach aufgelegt werden. Somit bot Luxemburg rasch günstige Rahmenbedingungen und wurde zum führenden Standort für den grenzüberschreitenden Fondsvertrieb. Dabei wird es der Aufsicht natürlich dadurch etwas leichter gemacht, dass Risiken nicht in Luxemburg verbleiben, sondern von Investoren im Ausland gehalten werden. Noch heute ist das Fondsgeschäft vor der Vermögensverwaltung der wichtigste Pfeiler des Finanzsektors. Zu den günstigen Rahmenbedingungen zählen aber auch die aktive Förderung des Finanzsektors oder Steuervorteile für den Unternehmenssektor. Angesichts der Bedeutung, die der Finanzsektor in Luxemburg hat, verwundert es kaum, dass sich weitere Finanzinstitute dort ansiedeln. So ist das größte Private Banking-Zentrum der Eurozone und, was meines Erachtens noch wichtiger ist, das zweitgrößte Zentrum für Investmentfonds in der Welt sowie ein sehr großer AnleihenUmschlagplatz entstanden. Damit existiert ein Umfeld, das auch für FinTechs attraktiv ist. Kleinere Einheiten profitieren ebenfalls von kurzen Wegen zur Aufsichtsbehörde "Commission de Surveillance du Secteur Financier" (CSSF).

Gibt es grundsätzliche Unterschiede in der Herangehensweise bei der Regulierung zwischen Deutschland und Luxemburg?

Grundsätzlich gelten in allen EU-Mitgliedstaaten heute einheitliche Regeln und Aufsichtsansätze. Die Umsetzung von EU-Richtlinien lässt aber gewisse Spielräume. Diese werden von einigen Staaten mehr oder weniger gezielt genutzt. Das ist auch für den FinTech-Sektor zu beobachten. Meine Wahrnehmung ist, dass die einschlägigen Regelungen für FinTechs vom deutschen Gesetzgeber strenger interpretiert werden als in einigen anderen EU-Ländern.

Wie steht es dann um die Zusammenarbeit zwischen den Regulierern und Aufsehern?

Die Zusammenarbeit zwischen den luxemburgischen und deutschen Regulierern sowie Aufsehern war bislang immer positiv und konstruktiv. Standen früher bilaterale, direkte Kontakte im Bereich der Bankenaufsicht im Vordergrund, gestaltet sich die Zusammenarbeit heute besonders über die Einbindung in die gemeinsame Aufsicht über Banken in der Eurozone. Dort bringen sich die luxemburgischen Vertreter mit hoher Sachkompetenz ein, was im Ergebnis auch für die Weiterentwicklung der Bankenunion sehr wichtig ist. Auch ist die luxemburgische Aufsicht in den Arbeitsgruppen der EBA mit sehr viel Manpower und hoher Fachkompetenz vertreten, obwohl Luxemburg nur ein sehr kleines Land ist. Die Zusammenarbeit zwischen den Aufsichtsbehörden wird weiter gestärkt – das zeigt sich etwa bei der Umsetzung der neuen europäischen Zahlungsdiensterichtlinie, der PSD2 ("Payment Service Directive").

Luxemburg und Frankfurt hatten sich ja als neuer Standort für die European Banking Authority (EBA) beworben, die wegen des Brexit London verlassen muss. Neuer Standort wird nun allerdings Paris. Welchen Einfluss nimmt allein der Standort einer europäischen Behörde für die Prägung ihrer Arbeit ein?

Effizienzargumente hätten sicherlich für Frankfurt gesprochen, allein die Nähe zur EZB und zum Europäischen Systemrisikorat (ESRB) wären ein großes Plus gewesen. Dass sie nun künftig in Paris beheimatet sein wird, bleibt ohne Auswirkungen für ihre Arbeitsweise. Für uns als nationale Aufsicht ist es zweitrangig, in welcher Stadt die EBA letztlich angesiedelt ist. Die EBA hat ein europäisches Mandat.

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Dr. Andreas Dombret

Interview mit Andreas Dombret,
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