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Rede
Dr. Andreas Dombret Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

Verabschiedung von Dr. Alexander Erdland als Vorstandsvorsitzender der W&W

Stuttgart | 16.03.2017

1 Der Wert des Ehrenamtes

Lieber Herr Erdland,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

mit Alexander Erdland verabschieden wir heute Abend nicht nur einen verdienten Vorstandsvorsitzenden der Wüstenrot und Württembergischen Gruppe. Wir verabschieden auch eine Person, die sich über die Unternehmensgrenzen hinweg durch hohes gesellschaftliches Engagement auszeichnet. Lieber Herr Erdland, dabei denke ich etwa an Ihre Mitgliedschaft im Stifterverband im Landeskuratorium Baden-Württemberg oder im Vorstand des Universitätsbundes Hohenheim. Aber eben auch an Ihr besonders wichtiges Ehrenamt als Präsident des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft. Letzterem geben Sie seit 2012 eine starke Stimme und vertreten so die Interessen der deutschen Versicherer, auch über den heutigen Tag hinaus.

Wer im Rahmen seines Ehrenamtes öffentlich für eigene Positionen einsteht, der erntet nicht nur Ruhm und Ehre, sondern mitunter auch Kritik und Widerspruch.

Der deutsche Humorist Wilhelm Busch soll einst gesagt haben, ich zitiere:

"Willst du froh und glücklich leben,
lass kein Ehrenamt dir geben.
Willst du nicht zu früh ins Grab,
lehne jedes Amt gleich ab."

Und vielleicht spielt Busch mit seiner Warnung ja tatsächlich auf die besondere Herausforderung des Ehrenamtes an, sich dem öffentlichen Streit zu stellen. Denn weiter heißt es:

"So ein Amt bringt niemals Ehre,
denn der Klatschsucht scharfe Schere,
schneidet boshaft dir, schnipp-schnapp,
deine Ehre vielfach ab."

Anders als Busch bin ich aber davon überzeugt, dass gerade in der Teilnahme am öffentlichen Dialog eine ganz wichtige Aufgabe des Ehrenamtes liegt. Denn nur durch den Austausch auf Augenhöhe können wir Lösungen entwickeln und Antworten auf die brennenden Fragen finden, die sich derzeit stellen. Und diesen Austausch brauchen wir heute mehr denn je.

Nicht zuletzt aus Sicht der Finanzaufsicht ist ein Meinungsaustausch mit der Wirtschaft wünschenswert. Ein Beispiel: Wenn wir Regulierungsvorschriften erlassen, müssen wir dabei im Blick haben, inwiefern diese Regeln dazu beitragen, Risiken zu verringern oder Finanzmärkte leistungsfähiger und zuverlässiger zu machen. Natürlich dürfen wir uns dabei nicht von den Interessen des einzelnen Unternehmens abhängig machen. Daraus folgt aber lange noch nicht, dass Regulierung für die Finanzwirtschaft zur "Black Box" werden sollte. Im Gegenteil – ein angemessenes Maß an Transparenz ist äußerst wichtig. Und um das beste aufsichtliche Regelwerk zu finden, müssen wir die Lage der Unternehmen insgesamt gut kennen. Hierzu ist ein regelmäßiger Austausch zwischen Aufsicht und Finanzwirtschaft unerlässlich. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass Herr Erdland in den vergangenen Jahren zu diesem Dialog ganz erheblich beigetragen hat.

2 Niedrige Zinsen belasten Finanzinstitute und bergen Risiken

Ich bin mir sicher, dass Ihnen, lieber Herr Erdland, die Branche dafür dankbar ist. Denn in der Tat waren die letzten Jahre für die Finanzindustrie eine herausfordernde Zeit.

Sie waren Vorstandsvorsitzender eines einmaligen Mischkonzerns, der im Wesentlichen aus einer Bausparbank und einer Versicherung besteht. Damit mussten Sie die Probleme zweier Branchen gleichzeitig managen und im Blick behalten. Auch wir als Aufsicht wissen um die Schwierigkeit einer solchen Tätigkeit. Als "Wanderer zwischen den Welten" haben Sie dieses komplizierte Gebilde erfolgreich durch die letzten Jahre und durch das Niedrigzinsumfeld geführt. Von Vorteil waren Ihnen dabei sicherlich Ihre Erfahrungen in der genossenschaftlichen Finanzgruppe, etwa als Vorstand der genossenschaftlichen Zentralbank in Hannover oder der DG Bank in Frankfurt, um nur einige Stationen zu nennen. Die Genossen sind heute noch voll des Lobes für Sie.

Meine Damen und Herren, ich habe es eben schon angesprochen: Wir leben in herausfordernden Zeiten.

Lassen Sie mich aber eine positive Nachricht vorwegschicken: Neun Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise präsentiert sich die wirtschaftliche Gesamtsituation in Deutschland vergleichsweise gut. Die Konjunktur ist hierzulande robust. Die deutsche Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um fast 2 % gewachsen – das beste Ergebnis seit 2012.[1] Und auch die Arbeitslosenquote hierzulande sinkt seit 2010 Jahr für Jahr.

Von der wirtschaftlichen Erholung profitiert nicht zuletzt auch die deutsche Kreditwirtschaft. Die Kreditvergabe an die hiesige Realwirtschaft steigt seit 2013 wieder. Und die deutschen Banken und Sparkassen haben die Krise ohnehin verhältnismäßig gut verkraftet. Hierzu hat auch die ausgeprägte Vielfalt unseres deutschen Bankensektors beigetragen. Nach der Krise haben die Institute zudem ihre Eigenkapitalbasis gestärkt und Risiken in der Bilanz abgebaut.

Rosige Zeiten, könnte man meinen. Und doch – wer das aktuelle Stimmungsbild in der Branche aufnimmt, der spürt, dass eben doch nicht alles rosig ist. Banken und Sparkassen stehen vor beachtlichen Herausforderungen. Die Gründe hierfür sind von Haus zu Haus verschieden. Aber es gibt auch Herausforderungen, die alle Institute gleichermaßen betreffen.

Eine Herausforderung möchte ich heute ansprechen: Das Niedrigzinsumfeld belastet die Ertragsseite vieler Kreditinstitute und Lebensversicherer. Für Banken und Sparkassen wird es immer schwieriger, einen auskömmlichen Zinsüberschuss zu erwirtschaften. Denn sie können auslaufende höherverzinste Kredite häufig nur durch geringer verzinste ersetzen. Bei Lebensversicherern hingegen stehen die geringeren Erträge aus neuangelegten Mitteln den Rückzahlungspflichten aus alten Verträgen gegenüber. Diese sind oft noch mit vergleichsweise hohen Zinsgarantien versehen.

Aber nicht nur anhaltend niedrige Zinsen sind für die Finanzinstitute ein Problem. Auch eine Zinswende ist mit Risiken verbunden – gestern wurde in den USA ja z. B. der Leitzins schon erhöht. In der Niedrigzinsphase hat bei vielen Banken und Sparkassen die Fristentransformation zugenommen. Während sie tendenziell länger laufende Kredite ausgeben, erhalten sie vermehrt kurzfristige Einlagen. Hierdurch erhöhen sich die Liquiditäts- und Zinsänderungsrisiken.

Lebensversicherer hingegen haben in den vergangenen Jahren darauf hingearbeitet, die Durationslücke zu schließen. Das heißt, sie erhöhen tendenziell die Laufzeit ihrer Anlagen und passen diese somit der langen Laufzeit ihrer Versicherungsverträge an. Auch hierdurch steigen die Zinsänderungsrisiken. Denn die Marktwerte länger laufender, festverzinslicher Kapitalanlagen reagieren empfindlicher auf Zinsänderungen. Gehen die Marktwerte bei einem plötzlichen Zinsanstieg stark zurück, kann das zum Problem werden. Vor allem dann, wenn viele Versicherungsnehmer ihre Verträge binnen kurzer Zeit kündigen. Denn die Neubewertung der Anlagen kann dann dazu führen, dass Zahlungsverpflichtungen nicht mehr vollständig kapitalgedeckt sind.

Sie sehen: Sinkende Erträge und steigende Risiken aus einer Zinswende erfordern von den Finanzinstituten entschlossenes Handeln. Sie müssen Kapital aufbauen, um kurz- bis mittelfristige Ertragsrückgänge auffangen zu können. Ebenso sollten sie ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen, um auch in Zeiten niedriger Zinsen so profitabel arbeiten zu können wie nur möglich. Das sind große Aufgaben für Ihren Nachfolger.

Wir als Aufsicht begleiten die Institute in diesen schwierigen Zeiten. Deshalb haben wir bereits 2015 deutsche Kreditinstitute zu ihrer Ertragslage und Widerstandsfähigkeit befragt. Und auch in diesem Jahr führen wir wieder eine Umfrage zu Niedrigzins- und Stressszenarien durch.

3 Fazit

Meine Damen und Herren, das aktuelle Umfeld, in dem wir uns befinden, erfordert es, dass Aufsicht und Finanzinstitute im engen, vertrauensvollen Dialog stehen. Damit ermöglichen wir es, gute Entscheidungen für Alle zu treffen und umzusetzen. Für uns als Aufsicht bedeutet das: Wir müssen die Bedingungen, unter denen Unternehmen wirtschaften, noch besser verstehen. Dazu brauchen wir den Austausch mit Ihnen. Und indem wir in gebotenem Maße transparent sind, ermöglichen wir es Ihnen wiederum, sich frühzeitig auf künftige regulatorische Anforderungen einzustellen.

Lieber Herr Erdland, ich bedanke mich im Namen des Vorstands der Deutschen Bundesbank bei Ihnen für die immer besonders angenehme Zusammenarbeit in den letzten Jahren und ich freue mich darüber, dass Sie uns in Ihrer Funktion als Präsident des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft erhalten bleiben. Die Anwesenheit von Herrn Thiele und mir zeigt, wie sehr Sie bei uns im Hause geschätzt werden. Ihnen, Herr Junker, bieten wir unsere Zusammenarbeit an und wünschen Ihnen viel Erfolg und Ihrem neuen Amt.

Fußnote:

  1. Deutsche Bundesbank Monatsbericht Februar 2017.

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