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"Green Finance": Risiko und Chance

Gastbeitrag von Dr. Andreas Dombret und Anne Le Lorier (Banque de France) im Handelsblatt und in "Les Echos" vom 10.07.2017

Die Entscheidung der US-Regierung, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen, ist ein massiver Rückschlag im Kampf gegen klimabedingte Risiken. Aber die Reaktionen hierauf haben gezeigt, dass die Regierungen weltweit entschlossen sind, an der Einhaltung der vereinbarten ehrgeizigen Klimaziele festzuhalten. Ungeachtet der kurzfristigen Stimmungslage erwarten wir daher keine Kehrtwende. Der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft hat schon begonnen. 

Die Rolle der Banken und anderer Finanzinstitute in diesem Prozess wird aktuell stark unterschätzt. Denn auch der Finanzsektor ist von den Anpassungsprozessen betroffen. So könnte der Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft bei einer Reihe von Vermögenswerten Neubewertungen erforderlich machen, sobald die realen Kosten des Wandels sichtbar werden. Demzufolge müssen Unternehmen, Anleger und Kreditgeber, die in den betroffenen Sektoren aktiv sind, mit Renditeeinbrüchen rechnen. Einige drastische Abwertungen haben wir bereits erlebt. Laut Mark Carney, dem Vorsitzenden des Financial Stability Board, ist die Marktkapitalisierung der vier bedeutendsten US-amerikanischen Kohleproduzenten in den letzten sechs Jahren um gut 90 % gesunken.

Der Umgang mit diesen Risiken sollte im Finanzsektor weit oben auf der Agenda stehen. Aber viele Banken und institutionelle Anleger sind noch nicht in der Lage, die Kredit- und Marktrisiken zu identifizieren und quantifizieren, die sich ergeben, wenn ihre Forderungen unter Klimagesichtspunkten bewertet werden. Die Bewertung stellt für Banken und institutionelle Anleger aus mehreren Gründen eine Herausforderung dar: Erstens geht es um eine langfristige Entwicklung, deren Ausgang noch ungewiss ist; zweitens sind historische Daten bei der Prognose wenig hilfreich; und drittens wird der ganze Prozess in hohem Maße politisch beeinflusst – was zusätzliche Unwägbarkeiten mit sich bringt.

Aber auch Politiker und Aufseher müssen ihre Hausaufgaben machen. Die G20 haben sich das Thema "Green Finance" bereits im Jahr 2015 auf die Agenda gesetzt. Und die diesjährige deutsche G20-Präsidentschaft hat zum Ziel, in zwei wichtigen Bereichen weitere Fortschritte zu erzielen.

Erst vor wenigen Tagen hat eine vom Financial Stability Board einberufene und von Wirtschaftsvertretern angeführte Arbeitsgruppe Empfehlungen zur freiwilligen, konsistenten und vergleichbaren Offenlegung klimabezogener Finanzrisiken durch Unternehmen vorgelegt. Parallel untersuchen die G20, wie der Finanzsektor bei der Entwicklung von  Analysemethoden und -instrumenten für klima- und umweltbezogene Risiken unterstützt werden kann. Ergänzend zur Offenlegung von Informationen durch Unternehmen soll auch die Verfügbarkeit und Relevanz öffentlich zugänglicher Umweltdaten für den Finanzsektor verbessert werden.

Finanzmarktakteure sollten einen Schritt weiter gehen und die Chancen des wirtschaftlichen Wandels sehen. Der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft wird enorme Finanzmittel erfordern. Die entsprechenden Kosten werden in Billionen beziffert.

Ein Weg zur Mobilisierung der notwendigen Mittel könnten "Green Bonds" sein, also Schuldverschreibungen, die gezielt zur Finanzierung ökologischer Projekte aufgelegt werden. Hier gibt es noch viel Potenzial: Derzeit werden nur knapp 1 % aller emittierten Anleihen als "Green Bonds" begeben, und weniger als 1 % des von internationalen institutionellen Anlegern gehaltenen Bestands sind spezifische grüne Infrastrukturpapiere. Der Markt hat im letzten Jahr volumenmäßig allerdings um fast 100 % zugelegt. Zu Beginn dieses Jahres wurde erfolgreich eine grüne Jumbo-Staatsanleihe platziert. Und Finanzzentren in London, Paris und Frankfurt bringen sich bereits als globale grüne Finanzknotenpunkte in Stellung.

Aber auch Banken können eine größere Rolle spielen. Basierend auf den Angaben der wenigen Länder, die auf nationaler Ebene überhaupt Definitionen für grüne Kredite haben, sind bislang lediglich 5 bis 10 % der Bankkredite "grün". Finanzinstitute sollten den bevorstehenden Wandel hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft als vielversprechende langfristige Chance sehen. Viele Banken suchen händeringend nach neuen Geschäftsmöglichkeiten. Angesichts dessen sind wir überzeugt, dass es sich für die Bankvorstände lohnen wird, dem Bereich "Green Finance" größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Finanzinstitute, Politiker und Aufseher müssen erkennen, dass sich der Übergang zu einer ökologischeren, kohlenstoffarmen Wirtschaft nicht aufhalten lässt. Abwarten ist keine Option.

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