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Basel III ist ein vernünftiges Fundament

Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung vom 29.12.2017

Viele deutsche Banken hadern mit dem Abschluss von Basel III, also mit dem vor knapp einem Monat verabschiedeten globalen Mindeststandard für die Bankenregulierung. Sie sehen Basel III als Kostenfaktor, der sie in hohem Maße herausfordert. Einzelne warnen sogar vor einer Kreditklemme.

Diese Kritik ist auf den ersten Blick durchaus verständlich. Natürlich bedeuten neue, straffere Regeln Umsetzungsaufwand und schränken bestimmte riskante Geschäfte ein. Doch die Debatte nur auf regulatorische Kosten zu richten, verstellt den Blick auf ganz andere zentrale Entwicklungen. Tatsächlich wird es in Zukunft darum gehen, dass sich Banken und Sparkassen auf eine völlig neue Welt einstellen müssen – auf eine wettbewerbsintensivere und zunehmend digitalisierte Finanzwelt, aktuell gepaart mit extrem niedrigen Zinsen. Kann es da nicht auch hilfreich sein, Basel III nicht nur als Belastung, sondern als starkes Fundament für die Stabilität der Banken zu sehen? 

Schwieriger Kompromiss

Als Gesamtpaket ist Basel III ein durchdachter und ausgewogener Standard, ein zukunftsweisender Regelrahmen, der jeden fordert, aber niemanden überfordert. Ganz wichtig ist, dass wir nun einen internationalen Mindeststandard haben, so dass sich die Banken in Europa mit den USA weitestmöglich auf einem einheitlichen Spielfeld befinden. Der nun erfolgte Abschluss der Reformen erhöht die Stabilität im Finanzsystem deutlich, weil die Spielräume bei der Messung der mit Eigenkapital zu unterlegenden Risiken begrenzt werden. Zwar ist zumindest die zuletzt beschlossene Begrenzung interner Modelle durch den Output Floor von 72,5 % alles andere als ein Wunschergebnis, aber global systemrelevante Institute werden nun risikogerecht – wenn auch etwas höher – belastet. Bei kleinen oder mittleren Banken ergeben sich kaum Änderungen, viele kleine deutsche Institute werden dagegen sogar entlastet.

Eines ist mir besonders wichtig: Die Angst vor wirtschaftlichen Kollateralschäden ist im Großen und Ganzen unbegründet. Eine Kreditklemme in Deutschland wird es nicht geben. Solche Befürchtungen gab es bereits nach der Verabschiedung des ersten Teils von Basel III im Jahr 2010 – diese haben sich aber nicht bewahrheitet. Und während es damals noch um enorme Erhöhungen von 277 Mrd. Euro an zusätzlichem Eigenkapital für Europas unterkapitalisierte Banken ging, ist nun von 17,5 Mrd. Euro die Rede. Zudem haben die Kreditinstitute zehn Jahre Zeit für den Kapitalaufbau. Aufgabe der Aufsicht ist es nun, den Übergang so zu gestalten, dass die Kreditinstitute sich in Ruhe an die neuen Regeln anpassen können.

Basel III wird also kommen, und das ist gut so. Jetzt kommt es in erster Linie auf die Umsetzung an. Denn die Baseler Standards sind wenig wert, wenn sie anschließend à la carte oder in weichgespülter Form in nationales Recht umgesetzt werden. Das zeigt nicht zuletzt die Erfahrung mit Basel II, deren Regelungen weder in den USA noch in der EU vollständig umgesetzt worden sind. Dass Europas Kreditinstitute heute überproportional von der Basel-III-Finalisierung betroffen sind, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die EU den sogenannten Basel-I-Floor, quasi den Vorgänger des Output Floor, vergleichsweise halbherzig umgesetzt hat.

Dieser Floor in Höhe von 80 % wurde zwar aufsichtlich immer mit berücksichtigt; allerdings hätte eine rahmenwerkgetreue Umsetzung bereits in der Vergangenheit zu höheren risikogewichteten Aktiva und damit zu niedrigeren Kapitalquoten geführt. So neu ist der 72,5-%-Floor also nicht – und wenn man ihn mit dem Basel-I-Floor vergleicht, sogar geringer.

Man muss nun davon ausgehen, dass Basel III vollständig und so schnell wie möglich in europäisches Recht gegossen wird – auch, um Gewissheit für die Kreditinstitute zu schaffen. Die verbesserte Risikomessung und die Einschränkung der Modellefreiheit stärken die Durchschlagskraft des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus als eine der Säulen der Europäischen Bankenunion. Was nun den zeitlichen Aspekt angeht, bin ich angesichts der Wahlen zum Europäischen Parlament Mitte 2019 und der darauf folgenden Neubesetzung der Europäischen Kommission eher skeptisch. Leicht wird eine schnelle Umsetzung nicht. Gerade deshalb ist davon auszugehen, dass die europäische Politik schon im kommenden Jahr den Prozess anstößt, damit wir Ende des Jahres 2019 nicht bei null anfangen.

Bankgeschäft neu denken

Über den institutionellen und regulatorischen Rahmen hinaus geht es in Zukunft aber auch darum, „das Bankgeschäft“ an sich neu zu denken. Banken und Sparkassen leben heute als Dienstleister in einer digitalisierten Finanzwelt, in der tradierte Geschäftsmodelle immer weiter bedroht werden.

Für die Finanzinstitute geht es dabei um viel, für manche gar um alles. Durch die Digitalisierung können selbst komplexe Banktätigkeiten von Algorithmen ausgeführt werden. Fintech-Wettbewerber sind oftmals viel effizienter und innovativer. Welche Rolle können Kreditinstitute da überhaupt noch spielen?

Angesichts solcher Fragestellungen übersieht der Skeptiker leicht, dass die digitale Finanzwelt ein nie dagewesenes Innovationspotenzial für Banken und Sparkassen birgt. In 20 Jahren werden diejenigen Institute die stärksten sein, die sich schon heute neu erfinden.

Deshalb gilt es, überzeugende Lösungen für künftige Geschäftsmodelle zu finden, damit der Bankensektor nicht ins Hintertreffen gegenüber innovativen Wettbewerbern außerhalb des Finanzsektors gerät. Vor diesem Hintergrund bin ich davon überzeugt: Basel III ist ein vernünftiges Fundament für innovative Geschäftsmodelle und für die Stabilität der Banken.

Zusatzinformationen

Der Autor

Dr. Andreas Dombret

Gastbeitrag von Andreas Dombret,
Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

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