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Frankfurt am Main | 14.10.2013

1973: Das Ende von Bretton Woods
Als die Kurse schwanken lernten

Am 1. März 1973 kam es bei der Sitzung des Zentralbankrates der Deutschen Bundesbank zu einem Showdown. Einen Tag darauf war das System fester Wechselkurse von Bretton Woods, welches die Währungsordnung über Jahrzehnte hinweg bestimmt hatte, faktisch aufgelöst. Was war passiert?

Die Entstehung des Bretton-Wood-Systems

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs einigten sich die wichtigsten Handelsnationen der Welt auf eine neue Währungsordnung. National motivierte Abwertungswettläufe, wie sie in den 1930er Jahren stattgefunden hatten, sollte es nicht mehr geben. Im Jahr 1944 wurde in Bretton Woods, im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire, ein System fester Wechselkurse festgelegt. Als Ankerwährung fungierte der US-Dollar, die anderen Währungen mussten sich ihm gegenüber in engen Bandbreiten bewegen. Deutschland trat dem Festkurssystem 1952 bei. Im Rahmen des Abkommens verpflichtete sich die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed), die Dollarreserven jedes Mitgliedslands in Gold zu tauschen. Die Vereinigten Staaten verfügten 1945 immerhin über 70 Prozent der weltweiten Goldbestände.

Gegenseitige Abhängigkeit

Aus sicherheitspolitischen Gründen verzichtete Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich oder der Schweiz, seine Forderungen gegenüber der Fed gegen Gold einzutauschen. Schließlich war Deutschland in Zeiten des Kalten Krieges auf die Schutzmacht Amerika angewiesen. "Nicht zuletzt deshalb glaubten die USA, jedes Defizit finanziert zu bekommen. Die Folgen, die sich daraus für andere Länder ergaben, haben die USA wohlwollend nicht beachtet – das war das `benign neglect‘", sagt Alt-Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger im Interview (siehe rechts). Mit dem Vietnam-Krieg in den 1960er Jahren wuchs das amerikanische Defizit mehr und mehr an, genauso wie die Probleme für Deutschland oder Japan.

Der US-Dollar geriet unter Druck

Das System von Bretton Woods basierte jedoch auf einer starken Ankerwährung, und das war der US-Dollar nicht mehr. 1971 geriet der "Greenback" unter Druck, er landete gegenüber der D-Mark oft am unteren Interventionspunkt. Dies war der Punkt, an dem die Bundesbank intervenieren musste, um den Dollar zu stützen. Im April und Anfang Mai 1971 musste die Bundesbank sechs Milliarden US-Dollar aufkaufen, gab dafür 22 Milliarden D-Mark in den Markt. Die gestiegene Geldmenge war ein Inflationsherd. Deshalb verfügte Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller am 6. Mai 1971 eine vorübergehende Wechselkursfreigabe der D-Mark. Nur zwei Monate später kam es zum sogenannten „Nixon-Schock“: Der amerikanische Präsident verkündete, dass die Vereinigten Staaten die Goldeinlösung des US-Dollars aussetzten und alle Importe mit einem Zoll von zehn Prozent belegt wurden. In der Folge gingen fast alle wichtigen Welthandelsnationen zum sogenannten "Floaten" über, wobei die Währungen gegenüber dem Dollar schwankten. Diese Phase endete im Dezember 1971 mit dem sogenannten Smithsonian-Agreement. Darin einigten sich die Staaten auf eine Neufestsetzung der Wechselkurse. Der US-Dollar wurde abgewertet, die Bandbreiten für mögliche Wechselkursschwankungen wurden erhöht. Allerdings überlebte das Smithsonian-Agreement keine 15 Monate. Anfang 1973 erfasste die Spekulationswelle an den Devisenmärkten zunächst die Schweiz, die Ende Januar ihre Interventionen einstellte.

Showdown im Zentralbankrat

Danach verlagerten sich die Spekulationen auf die D-Mark. Allein Anfang Februar 1973 musste die Bundesbank knapp sechs Milliarden US-Dollar im Gegenwert von 18,5 Milliarden D-Mark aufnehmen. Die Situation spitzte sich weiter zu. Am 2. Februar bat das Direktorium der Bundesbank die Regierung, sie von der Interventionspflicht zu befreien; vor allem Finanzminister Helmut Schmidt lehnte dieses Ansinnen jedoch entschieden ab. Nachdem die Deutsche Bundesbank am Vormittag des 1. März 1973 1,7 Milliarden US-Dollar aufnehmen musste, weil die amerikanische Währung erneut unter den Interventionspunkt gesunken war, kam es in der Sitzung des Zentralbankrats (ZBR) vom 1. März 1973 zum Showdown. Vizepräsident Otmar Emminger verließ die ZBR-Sitzung, um zu einer kurzfristig anberaumten Sitzung der Bundesregierung von Willy Brandt nach Bonn zu fahren. Kurz zuvor hatte Emminger die Regierung aufgefordert, die Bank von der Verpflichtung zu befreien, US-Dollar anzukaufen. Einen Tag später, am 2. März 1973, lenkte die Regierung schließlich ein. Die Bundesbank durfte die Dollar-Ankäufe einstellen. Mit dem Ausstieg Deutschlands aus dem System fester Wechselkurse war das Ende von Bretton Woods besiegelt. Kurz darauf wurde es auch offiziell außer Kraft gesetzt.

Quelle: Bundesbank Magazin 4 / 2013

Zusatzinformationen

"Ein Befreiungsschlag für die Bank"  

Alt-Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger im Interview mit dem Bundesbank Magazin, Ausgabe 4 / 2013
Der frühere Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger hat den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1973 "live" miterlebt.

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Aus unserem Archiv:
Der „Blessing-Brief"  

Karl Blessing

Der sogenannte „Blessing-Brief“, datiert auf den 30. März 1967, entstammt einem Schriftwechsel des damaligen Präsidenten der Bundesbank, Karl Blessing, mit William Martin, früherer Vorsitzender des Federal Reserve Board der US-amerikanischen Zentralbank. Blessing geht auf die Sorgen der Amerikaner ein, die Deutsche Bundesbank könne massenhaft Dollar in Gold eintauschen.

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