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Frankfurt am Main | 16.11.2016

Niedrigzinsen und verhaltenes Wachstum begünstigen Aufbau von Risiken

Die Bundesbank sieht in den anhaltend niedrigen Zinsen und der verhaltenen globalen Wirtschaftsentwicklung mögliche Risiken für die Stabilität des deutschen Finanzsystems. Das geht aus dem Finanzstabilitätsbericht 2016 hervor, den Bundesbankvizepräsidentin Claudia Buch und Vorstandsmitglied Andreas Dombret im Rahmen einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main vorgestellt haben.

Pressekonferenz zum Finanzstabilitätsbericht 2016

Widerstandsfähiger Finanzsektor

"Im aktuellen makroökonomischen Umfeld besteht die Gefahr, dass Marktteilnehmer Risiken unterschätzen und nicht ausreichend berücksichtigen, dass die Vermögenspreise fallen und die Zinsen steigen können", sagte Buch. "Umso wichtiger ist es daher, dass die Marktteilnehmer auf eine angemessene Vertragsgestaltung achten und hinreichend hohe Risikopuffer aufbauen, um auch Verluste aus unvorhergesehenen Entwicklungen abfedern zu können", betonte Buch.

Vor allem für Banken und Lebensversicherer steigen nach Einschätzung der Bundesbank-Experten die Risiken, die von einem Anstieg des Zinsniveaus ausgehen können. Eine ausreichende Eigenkapitalbasis ist Buch zufolge daher Voraussetzung dafür, dass die Finanzmärkte ihre Funktion für die Realwirtschaft übernehmen und die realwirtschaftliche Dynamik fördern können. "Aus Sicht der Finanzstabilität müssen Risikopuffer aufgebaut werden, die auch Verluste aus unvorhergesehenen Entwicklungen abfedern können", sagte Buch. Je größer diese Puffer seien, umso geringer seien die Ansteckungseffekte und sich selbst verstärkende Mechanismen, wenn Unerwartetes einträte, sagte sie. Eine Belastung für die Finanzinstitute und die Wirtschaft sieht Buch darin nicht. "Besser kapitalisierte Banken sind wettbewerbsfähiger und vergeben tendenziell mehr Kredite", so die Bundesbankvizepräsidentin

Mögliche kollektive Fehleinschätzung

Buch warnte davor, dass das aktuelle gesamtwirtschaftliche Umfeld einen kreditfinanzierten Immobilienboom begünstigen könne. "Im deutschen Immobiliensektor steigen die Preise, und es werden vermehrt Kredite vergeben", sagte sie. Risiken für die Finanzstabilität könnten dann entstehen, wenn stark steigende Preise für Wohnimmobilien mit einer starken Kreditexpansion und nachlassenden Standards bei der Kreditvergabe zusammenfallen. Dies könne demnach vor allem dann auftreten, wenn viele Marktteilnehmer zu positive Erwartungen über zukünftige Entwicklungen der Schuldentragfähigkeit entwickeln. "Akute Anzeichen für eine Lockerung der Vergabestandards bestehen jedoch nicht", sagte Buch. "Insgesamt zeigen die Indikatoren, dass derzeit keine unmittelbaren Gefahren für die Finanzstabilität durch Entwicklungen am deutschen Wohnimmobilienmarkt bestehen", so die Vizepräsidentin.

Risiken im Bankensektor gestiegen

Der Finanzstabilitätsbericht 2016 beschäftigt sich darüber hinaus ausführlich mit Risiken im Bankensektor. So geraten dem Bericht zufolge auch die Geschäftsmodelle der deutschen Banken und Sparkassen, die stark vom Kredit- und Einlagengeschäft abhängen, unter Druck. "Die Banken vergeben in Deutschland Kredite mit längeren Laufzeiten, um ihre Zinserträge stabil zu halten", sagte Andreas Dombret, der im Bundesbankvorstand für die Banken- und Finanzaufsicht zuständig ist, auf der Pressekonferenz. Diese längeren Zinsbindungsfristen führten unter anderem dazu, dass der Bankensektor weniger flexibel auf Zinsänderungen reagieren könne. "Durch die längere Laufzeitbindung gehen Banken und Sparkassen höhere Zinsänderungsrisiken ein. Diese gilt es aktiv abzusichern", so Dombret. Hier müsse eine ausreichende Kapitalisierung vorliegen.

Insgesamt sieht Dombret die deutschen Banken und Sparkassen gut aufgestellt: "Die Solvenz und Liquidität der deutschen Banken und Sparkassen steht außer Frage. Positiv ist hervorzuheben, dass die Institute ihre Eigenmittel in den vergangenen Jahren erhöht und beim diesjährigen EBA-Stresstest gut abgeschnitten haben", erklärte Dombret weiter.

Ampel bei Profitabilität "dunkelgelb"

Dombret warnte gleichwohl, dass viele deutsche Banken zu wenig profitabel seien. Die Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds würden mittel- bis langfristig insbesondere die kleinen und mittelgroßen Institute treffen. "Bei der Ertragskraft der Banken steht die Ampel auf Dunkelgelb mit der Gefahr, auf Rot umzuschalten."

Neben der ausgedehnten Niedrigzinsphase und den Regulierungsreformen im Bankensektor stelle aber auch die Digitalisierung der Finanzbranche eine Herausforderung für die deutschen Banken und Sparkassen dar. Vor diesem Hintergrund widmet sich der Finanzstabilitätsbericht auch der zunehmenden Verbreitung technologischer Finanzinnovationen, den sogenannten Fintechs. Die neuen Technologien können dazu beitragen, das Finanzsystem stabiler zu machen, indem sie beispielsweise die Kreditvergabe und die Streuung von Risiken verbessern. Sie können aber auch gleichgerichtetes Verhalten begünstigen. Aus diesem Grund werden diese Märkte sehr genau beobachtet.

Außerdem wird im Bericht die gestiegene Bedeutung sogenannter zentraler Gegenparteien (Central Counterparties, CCPs) thematisiert. Die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) hatte im Jahr 2009 beschlossen, dass das Clearing standardisierter außerbörslich gehandelter Derivate nur noch über solche zentrale Gegenparteien erfolgen soll. Nach Auffassung der Bundesbank kann dies dazu beitragen, Ansteckungskanäle zwischen Banken zu reduzieren. Gleichzeitig müssten sie aber angemessen reguliert werden, heißt es im Finanzstabilitätsbericht.

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