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Berlin | 01.12.2016

"Globalisierung ist kein Nullsummenspiel"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Bundesbankpräsident Jens Weidmann haben in Berlin den Startschuss für die deutsche G20-Präsidentschaft gegeben. China, das zuvor den Vorsitz über die "Gruppe der Zwanzig" innehatte, übergab im Beisein seines Botschafters in Deutschland, Shi Mingde, symbolisch den Staffelstab an die Bundesrepublik.

Schäuble dankte China für die hervorragende Arbeit während seiner Präsidentschaft, an die Deutschland nun nahtlos anknüpfen wolle. Bis Ende November 2017 wird nun Deutschland die Agenda der "Gruppe der Zwanzig" (G20) festlegen, dem zentralen informellen Forum für die wirtschaftliche Zusammenarbeit der bedeutendsten Industrie- und Schwellenländer.

Keine Rückkehr zu Nationalismus und Protektionismus

Schäuble unterstrich in seiner Rede die Notwendigkeit globaler Lösungen für globale Herausforderungen. "Wir werden die Probleme dieser Welt nur meistern, wenn wir weiterhin zusammenarbeiten", sagte er. "Die G20 sind wichtiger denn je." So müsse die Globalisierung besser gestaltet werden, zum Nutzen der Menschen und gegen das wachsende Gefühl der zunehmenden Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Dafür seien freier Welthandel und offene Märkte erforderlich. "Die Antwort ist sicher nicht eine Rückkehr zu Nationalismus und Protektionismus", betonte Schäuble.

Auch Weidmann sprach sich in seiner Rede vor mehreren hundert Delegierten der G20-Mitgliedstaaten für offene Märkte aus. "Die Globalisierung ist kein Nullsummenspiel", betonte er. "Durch internationalen Handel geht es uns insgesamt besser", so Weidmann. Diese Überzeugung habe die G20 nach dem starken Wirtschaftseinbruch infolge der Finanzkrise geeint.

Wenn auch eine wachsende Anzahl von Menschen die Vorzüge von offenen Märkten und über Ländergrenzen hinweg stattfindendem Handel in Zweifel zögen, dürfe nicht vergessen werden, wie eng die Volkswirtschaften miteinander verknüpft seien, sagte Weidmann. Er hoffe, dass die G20 "an ihrem Bekenntnis zu offenen Märkten mit fairem Wettbewerb festhält, dass Reformen für mehr Wachstum und Beschäftigung durchgeführt und nachhaltig solide Staatsfinanzen angestrebt werden".

Damit hohe staatliche Schulden künftig weniger Risiken für die Finanzstabilität bergen, regte Weidmann eine Diskussion im Rahmen der G20 an. So erinnerte er an den anhaltenden regulatorischen Anreiz für Banken, übermäßig in Staatsanleihen zu investieren. Dadurch entstehe eine problematische Verknüpfung von Banken und Staaten. Darüber hinaus betonte er die Vorzüge sogenannter BIP-indexierter Bonds. Bei kluger Ausgestaltung könnten sie dazu beitragen, das Risiko von staatlichen Zahlungsausfällen zu reduzieren, so Weidmann. Bei solchen Staatsanleihen hängt die Höhe der Zinsen von der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des Landes ab.

Vielversprechende Innovationen

In seiner Rede sprach Weidmann auch die Digitalisierung des Finanzsektors als einen Schwerpunkt der deutschen G20-Präsidentschaft an. "Für etablierte Akteure am Finanzmarkt bietet die Digitalisierung Möglichkeiten, kosteneffizienter zu arbeiten. Gleichzeitig stellt der verschärfte Wettbewerb in einem ohnehin schon schwierigen Umfeld eine zusätzliche Herausforderung dar", erläuterte er.

Optimistisch äußerte sich der Bundesbankpräsident insbesondere zur technologischen Dimension von Finanzinnovationen. "Ich glaube, dass sehr vielversprechende Innovationen geschaffen wurden, deren praktischen Nutzen wir uns zum Teil noch gar nicht so recht vorstellen können", sagte er. Als Beispiel nannte er die sogenannte "Distributed Ledger"-Technologie. So basiert etwa die virtuelle Währung Bitcoin auf einem solchen dezentralen Transaktionsregister. Mit der Technologie lassen sich jedoch auch andere Eigentumsrechte übertragen, beispielsweise von Wertpapieren.

Finanzielle Inklusion fördern

Von technologischen Entwicklungen im Finanzbereich profitieren Weidmann zufolge nicht nur technik-affine Verbraucher in entwickelten Volkswirtschaften. "Gerade für die weniger entwickelten Volkswirtschaften bietet die Finanzdigitalisierung große Entwicklungschancen", sagte er. So habe sich beispielsweise in Kenia innerhalb von drei Jahren der Anteil der Menschen mit einem Konto von 42 Prozent im Jahr 2011 auf 75 Prozent im Jahr 2014 erhöht. "Finanzielle Inklusion gilt als förderlich für wirtschaftliches Wachstum und weniger Ungleichheit", betonte Weidmann. Dafür müsse jedoch auch die finanzielle Bildung ausgeweitet werden.

Finanzdigitalisierung wohlwollend begleiten

Digitale Finanzinnovationen wie auch der gesamte digitale Finanzsektor sollten nach Ansicht des Bundesbankpräsidenten klug reguliert werden. "Regulierungslücken dürfen keine Geschäftsmodelle begründen", sagte er. Zu den Zielen der deutschen Präsidentschaft zählt deswegen auch eine Bestandsaufnahme unterschiedlicher regulatorischer Ansätze.

Regulierer von heute haben Weidmann zufolge die Möglichkeit, die Welt des digitalen Finanzsektors von morgen entscheidend zu prägen. "Wir sollten das als Chance sehen und die Finanzdigitalisierung wohlwollend begleiten, ohne die damit verbundenen Risiken aus den Augen zu verlieren", so der Bundesbankpräsident.

Zusatzinformationen

Jens Weidmann zu
Basel III-Verhandlungen

Jens Weidmann vor der Zentrale der Bundesbank

"Während der Verhandlungen des Baseler Ausschusses in den vergangenen Tagen in Santiago de Chile haben sich die unterschiedlichen Positionen zwar weiter angenähert und es konnten viele offene Fragen geklärt werden, eine Einigung wurde jedoch nicht erzielt. Wir werden daher weiter mit Nachdruck daran arbeiten, bis Anfang Januar – wenn sich die Chefs der Notenbanken und der Bankaufsichtsbehörden treffen – zu einem Abschluss der Verhandlungen zu kommen, denn auch die regulatorische Unsicherheit belastet die Funktionsfähigkeit des Bankensektors.

Ein erfolgreiches Verhandlungsergebnis muss zum einen die Widerstandskraft des Finanzsektors weiter stärken, zum anderen muss es aber auch regional ausgeglichen sein und darf den risikoorientierten Ansatz des Baseler Rahmenwerks nicht aushöhlen."