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Frankfurt am Main | 28.12.2016

Nachruf: Zum Tod von Hans Tietmeyer

Im Garten der Bundesbank steht ein Baum, an dessen Fuß ein Schild angebracht ist. Darauf steht in westfälischem Plattdeutsch geschrieben: "Mit düsse Meidelske eick säg wie Di Danke. Deine Heimatfreunde." (Mit dieser Metelener Eiche sagen wir Dir danke. Deine Heimatfreunde). Der Stamm der Eiche ist fest und schon tief im hessischen Boden verwurzelt. Über den ehemaligen Bundesbankpräsidenten Johannes Bernhard Josef (Hans) Tietmeyer, dem sie kurz vor Ende seiner Amtszeit von Freunden aus der Heimat geschenkt wurde, verrät sie eine ganze Menge. Denn Tietmeyers Wurzeln liegen im Münsterland, in einem kleinen Ort namens Metelen, zwanzig Kilometer von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt. Hier wurde Hans Tietmeyer am 18. August 1931 geboren.

Mut zum selbständigen Handeln

Hans Tietmeyer wuchs als zweites von insgesamt elf Kindern in einer sehr religiösen katholischen Familie auf. Zwei seiner Brüder wurden später Pfarrer. Auch Tietmeyer selbst begann Theologie zu studieren, wechselte aber nach zwei Semestern zu den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Drei Dinge seien ihm in seiner Kindheit und Jugend mit auf den Weg gegeben worden, sagte Tietmeyer später: Dass die Selbstverantwortung, also vor allem die eigene Arbeit und Leistung, die Grundlage jeglicher Solidarität darstellt. Dass jeder Einzelne Mitverantwortung für die Familie und die Gemeinschaft zu tragen hat und man drittens stets den Mut zur Selbständigkeit und zu einem eigenständigen Urteil haben sollte. Prinzipien, die erklären, warum das gesellschafts- und wirtschaftspolitische Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft den jungen Studenten Tietmeyer besonders prägte und in seinem Denken beeinflusste. Tietmeyer studierte bei einem der Mitbegründer der Sozialen Marktwirtschaft, Alfred Müller-Armack. Seinen beruflichen Werdegang begann er im Bundeswirtschaftsministerium unter der Führung von Ludwig Erhard. "Soziales Engagement bedarf einer ökonomischen Basis" – davon war Tietmeyer schon als junger Mann überzeugt und blieb es. Die Soziale Marktwirtschaft ebne "einen Weg zur Versöhnung von primär am Eigennutz orientiertem wirtschaftlichen Verhalten und gemeinwohlorientierten Ergebnissen", schrieb er im Jahr 2002 in einem Aufsatz.

In den 1970er Jahren übernahm Hans Tietmeyer die Leitung der Grundsatzabteilung "Wirtschaftspolitik" des Bundeswirtschaftsministeriums. Im Jahr 1982 wurde das CDU-Mitglied Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und verhandelte in dieser Funktion über Währungsfragen und internationale Finanzbeziehungen. Von 1985 bis 1987 war er Vorsitzender des EG-Währungsausschusses.

Zur Bundesbank wechselte er Anfang 1990. Dort war er zunächst als Mitglied des Direktoriums für die Bereiche Ausland, Internationale Währungsfragen sowie Organisation und Abkommen zuständig. Von April bis Juni 1990 verhandelte er im persönlichen Auftrag des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl die Details der deutsch-deutschen Währungsunion, die zum 1. Juli in Kraft treten sollte. Im Sommer 1991 wurde er Vizepräsident.

Stabiles Geld hat eine soziale Funktion

Am 1. Oktober 1993 wurde Hans Tietmeyer zum siebten Präsidenten der Deutschen Bundesbank ernannt. Das oberste Ziel der Bundesbank, die Sicherung der Währung, verfolgte Tietmeyer aus einer tiefen und früh erworbenen Grundüberzeugung heraus: Nur stabiles Geld erlaubt es dem Menschen zu sparen, das eigene Leben zu planen und somit Verantwortung auch für andere zu übernehmen. Stabiles Geld ist Teil eines Ordnungsrahmens, den die Wirtschaft braucht, damit sich aus dem System heraus befriedigende soziale Verhältnisse entwickeln können. Aus dieser Überzeugung heraus verteidigte der Westfale Tietmeyer die Politik des knappen Geldes und die Unabhängigkeit der Bundesbank gegen alle Angriffe aus der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. So kritisierte er die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl für die hohe Kreditaufnahme zur Finanzierung der Kosten der deutschen Einheit, und er widersprach Vorschlägen, die Gold- und Devisenreserven der Bundesbank neu bewerten zu lassen, um die Maastricht-Kriterien besser einhalten zu können. Zwar stimmte Tietmeyer im Vorfeld der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) einer Neubewertung der Devisenreserven zu, die unterjährige Abführung eines höheren Bundesbankgewinns an den Bundeshaushalt lehnte er jedoch ab. Auch die Kritik des Finanzministers Oskar Lafontaine, der im Jahr 1998 verlangte, dass die Bundesbank ihr Mandat nicht ausschließlich an der Geldwertstabilität ausrichten solle, wies er entschieden zurück. Weil er trotz hoher Arbeitslosenzahlen am strikten Stabilitätskurs der Bundesbank festhielt, wurde Tietmeyer mitunter als ideologisch starr bezeichnet. Doch er ließ sich nicht beirren.

Westfälische Eichen halten Stürmen stand

"Westfälische Eichen wachsen langsam, aber sie halten dann meistens auch den Stürmen stand, aus welcher Richtung sie auch immer kommen", so beschrieb er sich einmal selbst. Als Terroristen der RAF (Rote Armee Fraktion) im Vorfeld einer Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank im September 1988 einen Mordanschlag auf ihn verübten, dem er nur knapp entging, war das für ihn kein Grund, dem Dienst fernzubleiben: Er setzte sein Tagespensum ohne Unterbrechung fort. Hans Tietmeyer verlangte viel von sich selbst und auch von anderen. In Verhandlungen vertrat er konstante und klare Positionen.

Seit seiner Mitarbeit in der sogenannten Werner-Gruppe, die bereits im Jahr 1970 an Vorschlägen zur Schaffung einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion arbeitete, befürwortete Tietmeyer die Schaffung der EWWU. Er sei "der letzte Hüter der D-Mark" gewesen, schrieben Zeitungen im In- und Ausland bei seiner Verabschiedung aus dem Amt des Bundesbankpräsidenten im Jahr 1999. Den Weg zur Europäischen Währungsunion begleitete er als Bundesbankpräsident aus dem kritischen Blickwinkel des Währungshüters: So sagte er im Jahr 1996, dass die Währungsunion aus seiner Sicht nur dann ein Fortschritt sei, wenn sie dauerhaft Stabilität ermögliche. Dazu müsse es in allen beteiligten Ländern starke Strukturen, eine nachhaltige Stabilitätskultur und eine disziplinierte Haushaltspolitik geben. Für Tietmeyer war nicht entscheidend, ein einmal gesetztes Datum für den nächsten Integrationsschritt einzuhalten. Vielmehr müssten die Voraussetzungen für diesen Schritt erfüllt sein. Seine Argumentation folgte dabei einmal mehr einer klaren Linie: Aus Sicht von Tietmeyer war Politik nämlich nur dann richtig, wenn sie auch wirtschaftlich vernünftig war. Ein weiterer Grundsatz, dem der Westfale stets treu blieb.

An die klaren, festen Linien, die Hans Tietmeyer zu Lebzeiten vorgab, erinnert heute die Eiche im Garten der Bundesbank. So wird die Erinnerung an Hans Tietmeyer, sein Wirken und seinen Einsatz für stabiles Geld mit der Erde der Bundesbank verbunden bleiben.

Wir nehmen Abschied von Hans Tietmeyer. Er starb am 27. Dezember 2016 im Alter von 85 Jahren.

Zusatzinformationen

Zitat von Hans Tietmeyer

Hans Tietmeyer im Interview

"Die wirklichen Verlierer bei einem schwachen Geld oder bei einem Geld, das inflationär ist, sind immer die Ärmsten." (1995)