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Frankfurt am Main | 06.12.2017

Shanmugaratnam:
"Die Markt-Gläubigkeit ist gescheitert"

Mit eindringlichen Worten hat der stellvertretende Premierminister Singapurs und Minister für die Koordinierung, Tharman Shanmugaratnam, für die Stärkung eines inklusiven Wachstums plädiert. Der Glaube, dass der Markt alles regele, sei gescheitert, sagte er vor  Wissenschaftlern, Professoren, Studierenden und weiteren Gästen bei einem Vortrag an der Frankfurter Goethe-Universität auf Einladung der Bundesbank. Es sei eine neue Weltanschauung -  neue Strategien, neue Regierungsformen und eine neue Orientierung - notwendig, um allen Bevölkerungsschichten eine Teilhabe am wirtschaftlichen Wohlstand zu ermöglichen. "Die Dinge dem Markt zu überlassen ist keine zukunftsfähige Strategie", betonte er.

Vortrag des stellvertretenden Premierministers von Singapur in Frankfurt

Erwartungen werden pessimistischer

In der Vergangenheit seien die Menschen in der entwickelten Welt recht optimistisch gewesen, dass ihre Kinder in besseren wirtschaftliche Verhältnissen leben werden als sie selbst. Diese Erwartungen seien jedoch zunehmend pessimistischeren gewichen, so Shanmugaratnam. So gingen gegenwärtig etwa 71 Prozent der Franzosen davon aus, dass es ihren Kindern einmal schlechter gehen werde als ihnen selbst. Zwar seien die Erwartungen nicht in allen Ländern so schlecht wie in Frankreich. In der gesamten entwickelten Welt gingen 60 Prozent davon aus, dass es ihren Kindern eher schlechter gehen werde, nur 30 Prozent erwarteten eine Steigerung der Lebensverhältnisse, so Shanmugaratnam. Die Menschen erwarteten also maximal eine Stagnation der wirtschaftlichen Verhältnisse. Dies entspreche der Stagnation ihrer Einkommen, die viele Menschen erfahren hätten. "Orte, die wirtschaftlich am Boden liegen, tun dies schon seit langer Zeit", sagte er.

Die Wahrnehmung, dass Menschen entweder ignoriert oder einbezogen würden, führe zu einer Einteilung in "uns" gegen "die" und zu einem Verlust innergesellschaftlicher Solidarität. Die Ergebnisse der jüngsten Wahlen, beispielsweise in den Vereinigten Staaten, Großbritannien aber auch in Deutschland, hätten diesen Trend bestätigt. Das Wahlverhalten hätte zudem große regionale Unterschiede gezeigt. Die Nutzung sozialer Medien würde die Spaltung der Gesellschaften verstärken. Denn Menschen konsumierten innerhalb sogenannter Filterblasen vorwiegend Informationen, die ihren eigenen Überzeugungen entsprächen, sagte Shanmugaratnam.

Inklusives Wachstum stärken

In seiner Rede beschrieb Shanmugaratnam drei Trends, die die Spaltung der Gesellschaften verstärkten. Er beschrieb drei Strategien, um diesen Trends entgegenzuwirken. Zum einen sollten Regierungen ein schnelleres Produktivitätswachstum fördern, damit die mittleren Einkommen ebenfalls schneller steigen. Dazu dürften nicht nur die führenden Firmen einer Branche von Innovationen profitieren, sondern müssten Neuerungen auf die gesamte Industrie übertragen werden. Partnerschaften zwischen Bildungsinstituten, den führenden Firmen einer Branche und kleineren Firmen seien dazu notwendig. "Die Menschen müssen für die Berufe der Zukunft vorbereitet werden", sagte er. Es ginge dabei nicht darum, dass immer mehr Menschen eine akademische Ausbildung erhielten, betonte Shanmugaratnam. Vielmehr sollten Kompetenzen vermittelt werden, die auf dem Arbeitsmarkt relevant seien.

Der zweite Trend sei, dass Menschen zunehmend Partnerschaften eingingen, in denen sich die Partner hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse und ihres Bildungsgrades ähnelten. Zudem würden die Menschen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Diejenigen, die hierbei die Möglichkeiten hätten, ihre Kinder gut auszubilden, verschafften ihnen gegenüber anderen Kindern schon früh Vorteile. Laut Shanmugaratnam sollte deshalb insbesondere den Eltern geholfen werden, die über solche Mittel nicht im gleichen Maß verfügten. Insbesondere die frühkindliche Erziehung von Kindern solle dabei gestärkt werden. "Die ersten zwei Jahre sind für den Rest des Lebens entscheidend", sagte er. Zudem plädierte Shanmugaratnam für eine verantwortungsbewusste soziale Stadtplanung. So sollten Menschen mit ganz unterschiedlichen finanziellen Verhältnissen Tür an Tür leben, sagte er. Gemischte Nachbarschaften und Schulen könnten jedem helfen, aufzusteigen.

Für die Umsetzung dieser Strategien gebe es bereits gute Vorbilder, sagte Shanmugaratnam. So könne etwa das duale Bildungssystem in Deutschland ein Beispiel seien, von dem andere Länder lernen könnten. Er selbst statte Orten, Unternehmen und Instituten immer wieder Besuche ab, um von ihnen zu lernen.

Die gesamte Veranstaltung, einschließlich der Grußworte von Otmar Issing, Präsident des Center for Financial Studies (CFS), und von Bundesbankpräsident Jens Weidmann sowie der Fragerunde sehen Sie im Video.

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