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Das Buchgeld


Vertiefung: Geldschöpfung und TARGET2-Überweisungen

In der Darstellung im voranstehenden Abschnitt „Geldschöpfung“ wickeln die Geschäftsbanken die Überweisungen ihrer Kunden im so genannten Korrespondenzbankverfahren ab. Vielfach nutzen die Banken aber auch das so genannte TARGET2-System. TARGET2 (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System) ist die zweite Ausbaustufe des Zahlungsverkehrsystems der Zentralbanken des Eurosystems. Im Eurosystem sind alle Banken direkt oder indirekt (zum Beispiel über ein sogenanntes Spitzeninstitut) an TARGET2 angeschlossen. Wir betrachten in diesem Abschnitt zwei Fälle, in denen Kunde 1 bei der A-Bank einen Geldbetrag an Kunde 2 bei der B-Bank überweist, wobei beide Banken im gleichen Land beheimatet sind und für die Überweisung TARGET2 nutzen. Die Abwicklung einer Überweisung mittels TARGET2 zwischen zwei Banken, die nicht im gleichen Land beheimatet sind, ist komplizierter als eine rein nationale Überweisung.

Nationale Überweisung über TARGET2

Jede Geschäftsbank ist verpflichtet, auf ihrem Konto bei ihrer nationalen Zentralbank eine Mindestreserve vorzuhalten, also eine Sichteinlage in Zentralbankgeld. Die Höhe der Mindestreserve berechnet sich, grob gesagt, nach dem Gesamtvolumen der Kundeneinlagen der Geschäftsbank. Das für die Mindestreserve benötigte Zentralbankgeld kann sich die Geschäftsbank zum Beispiel über Kreditaufnahme bei der nationalen Zentralbank im Rahmen eines Refinanzierungsgeschäfts beschaffen.

Im Eurosystem muss eine Geschäftsbank die Mindestreserve nicht zu jedem Zeitpunkt und auch nicht an jedem Tag in voller Höhe vorhalten, sondern nur im Durchschnitt über die so genannte vier- oder fünfwöchige Mindestreserveperiode. Als Mindestreserve angerechnet wird diejenige Sichteinlage, die jeweils zu Geschäftsschluss eines Tages auf dem Mindestreservekonto bei der Zentralbank liegt. Diese „freizügige“ Regelung ermöglicht es den Geschäftsbanken, ihre Guthaben an Zentralbankgeld für Überweisungen im Rahmen von TARGET2 zu nutzen.

Fallbeispiel 1

Im Fallbeispiel 1 hat A-Bank dem Kunden 1 einen Kredit in Höhe von 100 gewährt und ihm diesen Betrag als Sichteinlage (SE) gutgeschrieben. A-Bank und B-Bank, die in diesem kleinen Modell die beiden einzigen Geschäftsbanken sind, haben in der (fiktiven) Ausgangssituation als Mindestreserve jeweils eine Sichteinlage in Höhe von 200 auf ihrem Konto bei der Zentralbank, die sie sich über Aufnahme eines Kredits bei der Zentralbank beschafft haben. Die Bilanzen von A-Bank, B-Bank und der Zentralbank stellen sich in der stilisierten Bilanz so dar:

Fallbeispiel 1, Ausgangssituation (stilisierte Bilanzen):

AktivaPassiva

A-Bank

200 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
100 Kredit an Kunde 1SE Kunde 1100
300300
AktivaPassiva

B-Bank

200 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
200200
AktivaPassiva

Zentralbank

200 Kredit an A-BankSE an A-Bank200
200 Kredit an B-BankSE an B-Bank200
400400

Nun überweist Kunde 1 einen Betrag in Höhe von 80 an Kunde 2 bei der B-Bank. Um die Überweisung des Kunden 1 abzuwickeln, belastet die A-Bank das Konto des Kunden 1 mit dem Überweisungsbetrag. Gleichzeitig veranlasst sie auf ihrem Konto bei der Zentralbank eine Umbuchung zu Gunsten der B-Bank mit der Maßgabe, dass die B-Bank den umgebuchten Betrag ihrem Kunden 2 gutschreibt. Auf die stilisierten Bilanzen der drei beteiligten Banken wirkt sich das so aus:

Fallbeispiel 1, nach der Überweisung von Kunde an Kunde 2 (stilisierte Bilanzen):

AktivaPassiva

Zentralbank

200 Kredit an A-BankSE an A-Bank120
200 Kredit an B-BankSE an B-Bank280
400400
AktivaPassiva

A-Bank

120 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
100 Kredit an Kunde 1SE Kunde 120
220220
AktivaPassiva

B-Bank

280 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
SE Kunde 280
280280

Durch diese Umbuchungen fließt das Geld vom Konto des Kunden 1 bei A-Bank über das TARGET2-System zum Konto des Kunden 2 bei der B-Bank.

Die A-Bank ist in diesem Beispiel nicht darauf angewiesen, dass ihr die B-Bank für die Abwicklung der Kundenüberweisung einen Kredit einräumt. Doch muss sie – um ihr Mindestreservesoll zu erfüllen - den Abfluss von Zentralbankgeld früher oder später kompensieren und sich dazu Zentralbankgeld über den Geldmarkt von der B-Bank leihen (oder über Kreditaufnahme bei der nationalen Zentralbank im Rahmen eines Refinanzierungsgeschäfts).

Fallbeispiel 2

Im zweiten Geschäftsvorgang ist die Ausgangslage wieder gleich; allerdings hat A-Bank dem Kunden 1 einen Kredit in Höhe von 300 gewährt.

Fallbeispiel 2, Ausgangssituation (stilisierte Bilanzen):

AktivaPassiva

A-Bank

200 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
300 Kredit an Kunde 1SE Kunde 1300
500500
AktivaPassiva

B-Bank

200 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
200200
AktivaPassiva

Zentralbank

200 Kredit an A-BankSE A-Bank200
200 Kredit an B-BankSE B-Bank200
400400

Jetzt überweist Kunde 1 einen Betrag in Höhe von 280 an Kunde 2 bei der B-Bank.

Die Sichteinlage der A-Bank auf ihrem Zentralbankkonto reicht mit 200 nicht aus, um die Überweisung über TARGET2 abzuwickeln. Die A-Bank tritt deshalb an den so genannten Geldmarkt heran – das ist der Markt, auf dem Banken untereinander mit Liquidität handeln, genauer: sich gegenseitig kurzlaufende Kredite in Zentralbankgeld gewähren. Die A-Bank sucht also über den Geldmarkt nach einer Bank, die bereit ist, ihr einen kurzfristigen Kredit in Zentralbankgeld in Höhe von 80 zu gewähren. In diesem Fallbeispiel ist die B-Bank dazu bereit und überweist den Betrag auf das Zentralbankkonto der A-Bank. Die Zentralbank wickelt diese Überweisung durch Umbuchung ab – wobei diese Umbuchung im TARGET2-System in wenigen Sekunden vollzogen wird:

Fallbeispiel 2, nach Kreditgewährung von B-Bank an A-Bank (stilisierte Bilanzen):

AktivaPassiva

Zentralbank

200 Kredit an A-BankSE A-Bank280
200 Kredit an B-BankSE B-Bank120
400400
AktivaPassiva

A-Bank

280 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
300 Kredit an Kunde 1SE Kunde 1300
Kredit von B-Bank80
580580
AktivaPassiva

B-Bank

80 Kredit an A-BankKredit von Z-Bank200
120SE bei Z-Bank
200200

Die A-Bank verfügt nun über ausreichend Guthaben auf ihrem Zentralbankkonto, um die Überweisung von Kunde 1 in Höhe von 280 abzuwickeln. Wie im ersten Geschäftsvorfall veranlasst sie entsprechende Umbuchungen:

Fallbeispiel 2, nach der Überweisung von Kunde 1 an Kunde 2 (stilisierte Bilanzen):

AktivaPassiva

Zentralbank

200 Kredit an A-BankSE A-Bank0
200 Kredit an B-BankSE B-Bank400
400400
AktivaPassiva

A-Bank

0 SE bei Z-BankKredit von Z-Bank200
300 Kredit an Kunde 1SE Kunde 120
Kredit von B-Bank80
300300
AktivaPassiva

B-Bank

80 Kredit an A-BankKredit von Z-Bank200
400SE bei Z-BankSE Kunde 2280
480480

Wie bei der Abwicklung einer Überweisung im Korrespondenzbankverfahren ist die A-Bank bei diesem zweiten Fallbeispiel auch bei der Abwicklung über TARGET2 darauf angewiesen, dass ihr die B-Bank einen Kredit gewährt, in diesem Fall allerdings in Zentralbankgeld.

Fallbeispiel 2, alternativer Abwicklungsvorgang

Zur Abwicklung des zweiten Vorgangs über TARGET2 kann A-Bank auch einen alternativen Weg gehen: Dabei nimmt sie in einem ersten Schritt bei der Zentralbank einen Innertageskredit auf. Das Eurosystem gewährt solche Kredite, sofern sie der Abwicklung des Zahlungsverkehrs dienen und sofern die kreditnehmende Bank ausreichende Sicherheiten (Pfänder) hinterlegt. Solch ein Kredit muss bis Geschäftsschluss des gleichen Tages wieder getilgt sein.

Im alternativen Abwicklungsvorgang für Fallbeispiel 2 nimmt die A-Bank bei der Zentralbank einen Innertageskredit in Höhe von 80 auf. Die Zentralbank schreibt der A-Bank den Kreditbetrag als Sichteinlage gut, so dass die A-Bank nunmehr über Sichteinlagen von 280 bei der Zentralbank verfügt. Die A-Bank kann nun die Überweisung ausführen. Sofern der A-Bank im Laufe des Tages kein Zentralbankgeld aus eingehenden Überweisungen zugeht, muss sie sich bis Tagesultimo Zentralbankgeld in Höhe von 80 auf anderem Wege beschaffen, um ihren Innertageskredit bei der Zentralbank zu tilgen. In diesem Fallbeispiel verfügt die B-Bank über ausreichend Zentralbankgeld, sie gewährt der A-Bank einen Kredit und überweist der A-Bank diesen Betrag über TARGET2. Bank B erhält für diesen Interbankenkredit typischerweise einen höheren Zins als sie von der Zentralbank für eine Einlage in gleicher Höhe in der Einlagefazilität erhalten würde. Dank TARGET2 kann der Betrag binnen Sekunden auf das Konto der A-Bank umgebucht werden, so dass diese anschließend ihren Innertageskredit bei der Zentralbank tilgen kann. Auch diese Variante läuft darauf hinaus, dass die B-Bank der A-Bank einen Kredit in Zentralbankgeld gewährt.

Reaktionen des Eurosystems auf die Banken- und Finanzkrise seit 2008

Mit dem Ausbruch der Banken- und Staatsschuldenkrise nahm die Unsicherheit, dass einzelne Banken über Nacht Konkurs anmelden könnten, stark zu. Viele Banken waren deshalb nicht mehr bereit, anderen Banken einen Kredit zu gewähren – sei es im Korrespondenzbankgeschäft, sei es über den Geldmarkt in Zentralbankgeld. Übernachtkredite wurden unter den Banken nicht mehr oder nur zu sehr hohen Zinsen angeboten - der Geldmarkt „trocknete aus“. Als Folge drohte der Zahlungsverkehr zusammenzubrechen, was die Krise noch verschärft hätte. Um solch einer Entwicklung vorzubeugen, stellte das Eurosystem den Banken seit dem Sommer 2008 über zusätzliche Refinanzierungsgeschäfte – darunter ab Ende 2010 auch über Kreditgeschäfte mit dreijähriger Laufzeit – in großem Stil zusätzliches Zentralbankgeld zur Verfügung. Diese Zunahme des Zentralbankgeldes durch zusätzliche Kredite spiegelt sich in der Zunahme der Bilanzsumme des Eurosystems.

Diese zusätzlichen Kredite wurden vor allem von Banken in jenen Ländern, die am stärksten von der Krise betroffen sind, sowie von anderen angeschlagenen Banken aufgenommen, da diese Institute wegen des allgemeinen Misstrauens unter Banken nicht mehr in der Lage waren, sich Zentralbankgeld über den Geldmarkt zu beschaffen. Im Zuge des Zahlungsverkehrs floss das so geschaffene Zentralbankgeld Zug um Zug anderen Banken zu – die dafür keinen Bedarf hatten, da sie ihr Mindestreservesoll bereits erfüllt hatten. Diese Banken legten diese „Überschussliquidität“ in der Einlagefazilität des Eurosystems an, die dementsprechend stieg.

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