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Interview 11.12.2017

"Bitcoins sind teuer und ineffizient" 

Interview im Handelsblatt

Das Gespräch mit Carl-Ludwig Thiele führte Frank Wiebe.

Herr Thiele, stellen wir uns einmal vor, Bitcoins wären nur der Vorläufer von großen, effizienten Krypto-Währungen, die in Konkurrenz zum Euro treten. Was würde das für die Notenbanken bedeuten?

Aus meiner Sicht gibt es drei Szenarien, bei denen Krypto-Währungen eine größere Rolle für uns spielen könnten. Erstens, wenn sie sich als technisch überlegen erweisen. Zweitens, wenn sie größeres Vertrauen genießen als eine staatliche Währung. Oder drittens, wenn andere Zentralbanken digitales Geld ausgeben, das bei uns dann auch in stärkerem Maße genutzt wird. Aber alle drei Szenarien sind zurzeit unwahrscheinlich.

Der technische Fortschritt könnte doch dazu führen, dass Nachfolger von Bitcoins sehr effizient werden.

Wir betreiben zurzeit ein Forschungsprojekt zusammen mit der Deutschen Börse. Dabei testen wir den Einsatz der Blockchain in der Wertpapierabwicklung. Wir benutzen also die Technik, auf der die Bitcoins beruhen und können feststellen, dass diese Technik funktioniert. Aber es gibt bislang keinen Anhaltspunkt, dass es besser – also sicherer oder effizienter – funktioniert als die konventionelle Technik.

Mehr noch: Mit Bitcoins verband sich der Anspruch zentrale Institutionen überflüssig zu machen und ein dezentrales reines Person-zu-Person Zahlungssystem zu schaffen. Aber alle Weiterentwicklungen der ursprünglichen Bitcoin-Blockchain, die auf Effizienzsteigerung abzielen, gehen weg von dezentralen Strukturen in Richtung zentralerer Strukturen.

Als zweiten wichtigen Punkt nennen Sie das Vertrauen. Die hohen Kurssteigerungen sprechen doch dafür, dass die Anleger Vertrauen in Bitcoins haben.

Die aktuellen Kurssteigerungen zeigen gerade nicht das Vertrauen, sondern sie zeigen deutlich, dass vor allem spekulative Motive im Spiel sind. Weltweit werden per Bitcoin zurzeit gerade einmal rund 350.000 Zahlungen pro Tag abgewickelt. Der konventionelle Zahlungsverkehr allein innerhalb Deutschlands wickelt täglich rund 70 Millionen Zahlungen ab. Bitcoins funktionieren zwar als Zahlungsmittel, sie bilden aber nur eine kleine Nische. Es ist sehr fraglich, ob die hohe Bewertung durch die Anleger gerechtfertigt ist. Zahlungen via Bitcoin sind ineffizient und teuer. Nach Berechnungen von Alex de Vries, PwC und Betreiber des Blogs "Digiconomist", liegt der gegenwärtige Energieverbrauch für eine einzige Bitcoin-Transaktion bei etwa 276 kWh. Das entspricht in etwa dem Stromverbrauch eines Einfamilienhaushaltes in Deutschland für einen ganzen Monat. Bitcoins erfüllen zudem wichtige Voraussetzungen eines Zahlungsmittels nicht.

Was fehlt?

Einmal die Vertraulichkeit, weil alle Zahlungen eingesehen werden können. Gleichzeitig sind die Anforderungen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung nicht erfüllt, weil die Teilnehmer pseudonym agieren. Zu all dem kommen starke Wertschwankungen hinzu, was ihre Eignung zur Wertaufbewahrung einschränkt.

Die Idee der Bitcoins, unabhängig von der Manipulation durch Regierungen zu funktionieren, hat aber doch ihren Reiz.

Mit Bitcoins sollten Zahlungen schneller ohne das Einschalten von Banken erfolgen. Zwischenzeitlich gibt es im Zahlungsverkehr enorme Fortschritte: Mit SEPA sind Zahlungen grenzüberschreitend möglich und mit Instant Payments können die Zahlungen innerhalb von Sekunden durchgeführt werden. Die Möglichkeiten des unbaren Zahlungsverkehrs haben sich dadurch deutlich verbessert.

Im Zahlungsverkehr wird mit Euro und Dollar oder ähnlichen Währungen gearbeitet. Dieses Geld erfüllt die Funktion als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel. Dieses ist bei Krypto-Währungen nur eingeschränkt der Fall.

Wieso das?

Grundsätzlich ist stabiles Geld ein öffentliches Gut, das in der Regel durch eine unabhängigen Zentralbank und eine stabilitätsorientierte Geldpolitik am besten bereitgestellt wird.

Eine unabhängige Notenbank und eine stabilitätsorientierte Geldpolitik schaffen Vertrauen in die Währung. Denn durch den längerfristigen Zeithorizont von Notenbanken besteht für sie kein Grund, zum Beispiel politische Konjunkturzyklen zu produzieren. Umgekehrt ermöglicht ein staatliches Geldwesen eine aktive Geldpolitik. Die braucht es, um über den Konjunkturzyklus hinweg Preisstabilität zu gewährleisten. Bei Bitcoin gibt es hingegen einen festgelegten Algorithmus für das Geldangebot. Das ist einer dynamischen Volkswirtschaft nicht angemessen.

In Schweden wird über die Einführung einer E-Krona nachgedacht, einer digitalen Alternative zum Bargeld. Wie steht die Bundesbank dazu?

Wir sind im engen Austausch mit allen führenden Zentralbanken zu diesen Themen. Man muss einerseits unterscheiden zwischen digitalem Zentralbankgeld, das für einen beschränkten Teilnehmerkreis für bestimmte Zwecke genutzt werden kann, aber nicht in den Umlauf bei Nichtbanken gelangt und andererseits zwischen digitalem Zentralbankgeld, das wie Bargeld frei verwendet werden kann. Bei der zweiten Variante sehen wir weitreichende und weitgehend unerforschte Auswirkungen für das Finanzsystem, die Kreditgewährung, die Transmission der Geldpolitik und vieles mehr.

Aber die Idee ist doch faszinierend. Bürger könnten so sehr einfach viel mehr direktes Zentralbankgeld bekommen, als bisher, wo sie auf die Geschäftsbanken angewiesen sind.

Gerade deswegen hätte die Schaffung von digitalem Notenbankgeld tief greifende Folgen für das gesamte Finanzsystem. Wir verfolgen und erforschen das, wir halten aber diese Variante auf absehbare Zeit für nicht realistisch.

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Im Gespräch

Carl-Ludwig Thiele

Interview mit Carl-Ludwig Thiele,
Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank bis 30. April 2018

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