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Interview 29.03.2018

Dombret: "Sicherheit wird es nicht geben"

Interview in der Wirtschaftswoche, Titel: "Sicherheit wird es nicht geben"

Das Gespräch mit Andreas Dombret führten Cornelius Welp und Saskia Littmann.

Herr Dombret, Sie haben sich acht Jahre um die Stabilität des Finanzmarkts und der Banken gekümmert. Gerade die großen deutschen Institute geben aktuell ein klägliches Bild ab. Was haben Sie falsch gemacht? 

Die deutschen Banken werden manchmal schlechter dargestellt, als sie tatsächlich sind. Auch die großen Institute sind heute deutlich besser kapitalisiert und können Schocks leichter verkraften. Als ich im Mai 2010 bei der Bundesbank angefangen habe, ging es gerade um die Rettung Griechenlands. Die Insolvenz von Lehman Brothers lag erst eineinhalb Jahre zurück. Seitdem hat es Fortschritte gegeben. Dazu haben wir als Regulierer beigetragen.

Die Börse bewertet deutsche Institute sogar schlechter als die aus Italien.

Als Aufseher haben wir tiefere Einblicke als die Öffentlichkeit. Auf dieser Grundlage mache ich mir derzeit wenig Sorgen um das deutsche Kreditwesen.

Trotzdem: Warum sind die Ergebnisse der großen deutschen Banken so schlecht?

Es geht hierbei auch um Themen und Geschäftsmodelle einzelner Institute, zu denen ich mich nicht äußern werde. Die deutsche Aufsicht hat schon mehrfach darauf hingewiesen, dass Banken und Sparkassen ihre Geschäftsmodelle überdenken und ihre Ertragskraft stärken müssen. Wenn sie nicht genug Geld verdienen, können sie nicht ausreichend Kapital aufbauen. Daraus entstehen dann langfristig neue Risiken. Wir brauchen effiziente und ertragsstarke Banken.

Banken sparen, schließen Filialen, bauen Arbeitsplätze ab. Was sollen sie noch tun?

Viele haben begonnen, niedrigere Erträge durch höhere Gebühren auszugleichen. Diesen Weg unterstützen wir ausdrücklich. Und die Institute können noch effizienter werden. Die Möglichkeiten der Digitalisierung sind sicher nicht völlig ausgeschöpft. Auch Fusionen sind kein Tabu mehr.

In der Vergangenheit waren nur wenige Zusammenschlüsse erfolgreich.

Es geht nicht nur um große Fusionen, sondern auch um Zusammenschlüsse kleiner Institute. Da ist in den vergangenen Jahren, etwa bei Sparkassen und Volksbanken, schon viel passiert. Die Erfahrung zeigt, dass gerade Zusammenschlüsse im Inland ein probates Mittel sind, um Kosten zu sparen.

Sollte die Aufsicht große Übernahmen auf europäischer Ebene fördern?

Das ist einzig und allein eine Entscheidung der Institute. Die Aufsicht sollte da keine Vorgaben machen.

Wären solche Zusammenschlüsse geeignet, die international erdrückende Dominanz der US-Institute abzuschwächen? 

Der Vorsprung der US-Banken ist tatsächlich auffällig, ich sehe das durchaus mit Sorge. Die amerikanischen Institute sind besser aus der Krise gekommen, was auch am entschlossenen Handeln der dortigen Behörden lag. Zudem haben Banken in den USA von der schnelleren Erholung der Wirtschaft profitiert. Die europäischen Banken müssen also nachlegen. Die Erholung der Wirtschaft in Europa wird dazu beitragen.

Sie könnten ebenfalls helfen, indem Sie, ähnlich wie in den USA, die Regulierung überprüfen oder zurückdrehen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die strengere Regulierung insgesamt zu einem sichereren Bankensystem geführt hat. Daran sollte man weder in Europa noch in den USA grundsätzlich rütteln. Es gibt allerdings zahlreiche Grauzonen und Ermessensspielräume. Die können und sollten wir nutzen, um an einzelnen Stellen etwas weniger streng zu sein und die Banken dadurch widerstandsfähiger zu machen.

Die Aufsicht soll also die Zügel lockern.

Mir geht es nicht um Deregulierung, sondern um die praktische Umsetzung bestehender Vorgaben. Es spricht nichts dagegen, einen Moment innezuhalten und zu prüfen, wie all die neuen Regeln zusammenwirken und ob sie vielleicht unbeabsichtigte Folgen haben. Einfach immer weiter zu regulieren erscheint mir nicht sinnvoll. Wir können dort großzügiger sein, wo das Risiko geringer ist. Ich denke zum Beispiel an Erleichterungen für kleinere Institute.

Alle Banken klagen darüber, dass die Regulierung sie übermäßig beansprucht.

Banken und Sparkassen werden sich nicht beschweren, wenn es zu wenig Regulierung gibt. Die Regeln müssen umso anspruchsvoller sein, je komplexer ein Institut ist. Mehr Komplexität bedeutet immer auch mehr Risiko. Man kann ein Bankensystem aber auch überfrachten. Diese Grenze wäre erreicht, wenn Institute mit gutem Geschäftsmodell wegen der Regulierung nicht mehr ausreichend Geld verdienen können. Einige Regeln, etwa beim Verbraucherschutz, haben tatsächlich viel Aufwand verursacht. Das darf hinterfragt werden.

Die größte Sorge können Sie den Banken nicht nehmen. Es sind die niedrigen Zinsen.

Die Sorge gibt es leider seit Jahren. Bisher haben sich aber auch die Geschäftsmodelle als hinlänglich stabil erwiesen, die auf dem Zinsgeschäft basieren.

Die Immobilienpreise sind stark gestiegen. Wann platzt die Blase?

Wir halten die Immobilienpreise in den Städten für 15 bis 30 Prozent zu hoch. Trotzdem rechneten in unserer Niedrigzinsumfrage 80 Prozent der Institute mit weiter steigenden Preisen. Ich sehe aber bisher keine Beweise für eine Blase.  Dafür müsste sich das Kreditwachstum beschleunigen, es hat sich zuletzt aber sogar verlangsamt. Zudem haben die Banken ihre Kriterien nicht gelockert. Mittelfristig stellt sich aber die Frage, ob Sicherheiten zu hoch bewertet sind.

Und wenn die Zinsen plötzlich steigen?

Auf dieses Szenario sind deutsche Banken und Sparkassen mittlerweile besser vorbereitet. Nach unseren Abfragen hätte ein plötzlicher Zinsanstieg Ende 2016 noch 55 Prozent der kleinen und mittleren Institute in Bedrängnis gebracht. Heute wäre das nur noch bei 44 Prozent der Fall.

Welches Risiko wird von den Banken derzeit am meisten unterschätzt?

Auf Cyberattacken sind wahrscheinlich nicht alle Institute ausreichend vorbereitet. Ein erfolgreicher Angriff könnte für enorm viel Unruhe sorgen. Um alle Beteiligten dafür zu sensibilisieren, hätte ich gerne einen Angriff auf das deutsche Finanzsystem simuliert. Andere Zentralbanken haben das gemacht und daraus viel gelernt.

Die politische Unruhe ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Welche Folgen hätte ein Handelskrieg für die Banken?

Die geopolitischen Herausforderungen sind heute größer als zu Beginn meiner Amtszeit und können auch den deutschen Banken schaden, die auf freien Waren- und Finanzverkehr ausgerichtet sind.

Eine Folge des wachsenden Nationalismus ist der Brexit. Sind Europas Banken mittlerweile gut vorbereitet?

Einige haben früh reagiert und bei Behörden auf dem Kontinent eine Lizenz beantragt. Einige wenige unternehmen fast gar nichts. Die größte Gruppe ist bei den Vorbereitungen weit fortgeschritten, passt diese aber an jede Änderung der Nachrichtenlage an. Diese Banken wollen am liebsten ganz genau wissen, was passiert, bevor sie handeln.

Das erscheint nachvollziehbar.

Diese Sicherheit wird es nicht geben. Wir wissen nicht, ob die nun angestrebte Übergangsfrist wirklich zustande kommt. Wir dringen deshalb darauf, dass die Banken ihre Lizenzanträge bei der Aufsicht bis Ende Juni stellen und bei Bedarf später anpassen. Nur so sind sie ausreichend vorbereitet, wenn es Ende März 2019 zu einem harten Brexit kommt. Die Vergabe von Banklizenzen ist ein komplexer Prozess. Wenn sehr viele Institute ihre Unterlagen in letzter Minute einreichen, ist nicht garantiert, dass Aufseher die rechtzeitig bearbeiten können.

Wie viele Banker werden umziehen?

Die großen Institute haben alle erkannt, dass sie eine Basis in Kontinentaleuropa brauchen und wollen deshalb auch hier vertreten sein. Wie groß diese Präsenz dann ist, hängt von Größe und Komplexität des Geschäfts ab.  Es reicht sicher nicht, hier nur eine Alibipräsenz errichten zu wollen. Gerade bei anspruchsvolleren Geschäftsmodellen muss es auch ein adäquates Risikomanagement vor Ort geben.

Sie waren früher selbst Investmentbanker und haben nun die Aufsicht genau kennengelernt. In welcher Funktion wollen Sie dieses Wissen nun zu Geld machen?

Ich freue mich zunächst auf eine Auszeit, die sowohl von der Bundesbank wie auch von der EZB vorgeschrieben ist. Nach deren Ablauf werde ich wieder aktiv sein. Derzeit führe ich keine Gespräche. Da könnte es leicht zu Interessenkonflikten kommen, und ich werde alles tun, um die zu vermeiden.

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Dr. Andreas Dombret

Interview mit Andreas Dombret,
Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

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