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Interview 10.04.2018

Dombret: Deutsche Banken haben noch einiges an Einsparpotenzial

Interview im Handelsblatt, Titel: "Es geht noch zu bürokratisch zu"

Das Gespräch mit Andreas Dombret führten Andreas Kröner und Daniel Schäfer.

Herr Dombret, Sie waren acht Jahre im Bundesbank-Vorstand. Was können Sie als Ihre größten Erfolge verbuchen?

Der Aufbau der einheitlichen europäischen Bankenaufsicht und die Einigung auf globale Kapitalregeln, also auf Basel III, waren wichtige Meilensteine. Auch das Thema Brexit sind wir zusammen mit der BaFin gut angegangen. Darüber hinaus habe ich mich zum Beispiel sehr stark für das Thema Verhältnismäßigkeit in Regulierung und Aufsicht eingesetzt und einen Beitrag zur Berücksichtigung von Klimarisiken in den Bankbilanzen geleistet. 

Und was waren Ihre größten Enttäuschungen und Niederlagen?

Vermutlich das Aufweichen von Regeln der Währungsunion und das Verwischen der Grenzen von Geld- und Fiskalpolitik im Zuge der Krise. Ich wurde am Montag, den 3. Mai 2010, ins Amt eingeführt. Am Wochenende darauf musste der erste Rettungsschirm vereinbart werden, und am 10. Mai hat der EZB-Rat ein Programm für Staatsanleihekäufe angekündigt, die ich nach wie vor für bedenklich halte. In Europa wurden viele Kompromisse gemacht, die zwar kurzfristig die Lage stabilisiert haben, aber mittel- bis längerfristig neue Probleme für die Währungsunion schaffen. 

Und abseits der Geldpolitik?

In der Bankenaufsicht hatte ich mir drei Dinge vorgenommen, die offen geblieben sind. Ich wollte einen Beitrag zur Harmonisierung der Rechnungslegungsstandards leisten. Leider liegen heute der internationale Standard IFRS und die amerikanischen US-GAAP-Regeln weiter auseinander als noch vor acht Jahren. Außerdem wollte ich in Deutschland unter Beteiligung einiger Institute einen Cyberangriff simulieren lassen, aber dafür hat die Bundesbank kein Mandat. Und drittens: Für den Kauf von Staatsanleihen müssen die Banken immer noch kein Eigenkapital vorhalten. Das Thema wird international zwar weiterhin diskutiert, aber es ist nicht annähernd so gelöst, dass ich aus deutscher Sicht damit zufrieden wäre. 

Gilt das auch für die europäische Bankenaufsicht, den Single Supervisory Mechanism?

Der SSM ist mit sehr kurzem Vorlauf aus der Taufe gehoben worden und war dennoch vom ersten Tag an ein Gewinn für die Bankenaufsicht in Europa. Die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Behörden funktioniert unter dem Strich gut. Aufgrund des Tempos haben wir Probleme in den ersten beiden Jahren mit der gebotenen Höflichkeit und Nachsicht angesprochen. Heute sprechen wir offen und konstruktiv über Reibungsverluste. 

Was stört Sie am meisten?

Es geht immer noch zu bürokratisch zu, weil bei den meisten Entscheidungen 19 Länder gleichzeitig involviert sind, und das zum Teil mit zwei Aufsichtsbehörden. Es kann nicht sein, dass Routine-Entscheidungen wie die Eignungsprüfung von Bankvorständen teils immer noch durch das Supervisory Board und den Rat der Europäischen Zentralbank gehen müssen. Daher sollte die EZB – wo rechtlich möglich – deutlich mehr Entscheidungen an die nationalen Aufsichtsbehörden delegieren, um effektiver zu werden. 

Wo hakt es in der täglichen Aufsichtsarbeit noch?

Die Vor-Ort-Prüfungen bei den Banken müssen weiter verbessert werden. Eigentlich wollten wir ja bei den bankaufsichtlichen Prüfungen viel internationaler vorgehen. Die Prüfer der Bundesbank sollten beispielsweise Institute in Spanien prüfen, für die spanisches Recht gilt, die französischen Behörden deutsche Banken nach deutschem Recht und so weiter. Außerdem wollten wir die Teams viel mehr mischen. Damit das in größerem Ausmaß möglich wird, müssen immer noch etliche länderspezifische Regelauslegungen harmonisiert werden.  

Kritik gab es zuletzt wegen der Abwicklung der lettischen Bank ABLV. Sie wurde zwar von der europäischen Bankenaufsicht beaufsichtigt, aber die entscheidenden Hinweise auf Geldwäscheverdachtsfälle kamen von den US-Behörden.

Das Beispiel hat allen vor Augen geführt, dass die europäische Bankenaufsicht im Anti-Geldwäsche-Bereich bislang über keine Kompetenzen verfügt. Da sollte meines Erachtens der Gesetzgeber handeln und dem SSM zusätzliche Befugnisse einräumen. Aktuell hinken wir bei solchen Themen leider viel zu häufig hinterher. Ich finde es bedenklich, dass uns die amerikanischen Behörden voraus sind, weil wir über die nötigen Informationen schlicht nicht verfügen. Wir haben überhaupt kein Gefühl dafür, ob sich Banken bei den Vorschriften zur Geldwäsche an die Regeln halten oder nicht.  

Sollte man das europäische Aufsichtssystem grundlegend hinterfragen und Geldpolitik und Bankenaufsicht trennen?

Eindeutig ja! In der mittleren Frist wäre es viel besser, wenn Bankenaufsicht und Geldpolitik getrennt wären. Damit hätte man möglichen Interessenkonflikten vorgebeugt. Es könnte zwar einen kleinen Effizienzverlust geben, aber beide Institutionen wären deutlich unabhängiger.  

Also sollte die EZB-Bankenaufsicht bei der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) angedockt werden?

Die beiden Behörden unter einem Dach zu haben – getrennt von der EZB – fände ich eine sehr vernünftige Aufstellung. Es gibt keine Dringlichkeit, dieses Thema unmittelbar anzugehen, aber man darf diese Idee auf gar keinen Fall aus dem Auge verlieren. 

Die deutschen Großbanken fallen international immer weiter zurück. Die meisten US-Geldhäuser übertrumpfen die hiesigen Konkurrenten bei den Gewinnen und bei der Marktkapitalisierung. Bereitet diese Entwicklung Ihnen als Aufseher Sorgen? 

Das deutsche Bankenwesen besteht nicht nur aus großen, sondern aus einer Vielzahl von Instituten mit zum Teil sehr unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Diese Vielfalt trägt ganz klar zur Stärke des deutschen Kreditwesens bei. Und international fallen deutsche Banken beim Thema Solidität auch nicht negativ auf. Sie haben ihre Eigenkapitalquoten in den vergangenen zehn Jahren immerhin im Schnitt auf über 16 Prozent verdoppelt. 

Aber bei den Ergebnissen hinken deutsche Großbanken weit hinter ihren Konkurrenten her.

Bei den Erträgen gibt es in vielen Fällen zweifellos Verbesserungsbedarf. Wenn in Deutschland dauerhaft so wenig verdient wird, und das in Zeiten, in denen es kaum Wertberichtigungsbedarf gibt, muss man sich mittelfristig auch als Aufseher Sorgen machen. Denn es schränkt die Möglichkeit der Institute ein, intern Kapital zu bilden und von außen anzuziehen. Mit Blick auf die Großbanken muss man allerdings festhalten: Nicht nur die deutschen, sondern auch viele europäische Geldhäuser sind gegenüber der US-Konkurrenz zurückgefallen.  

Wie lässt sich der Rückstand reduzieren?

Wir sind bereits dabei, aufzuholen. Die europäischen Volkswirtschaften entwickeln sich deutlich besser, und auch die Vorhersagen für die nächsten zwei bis drei Jahre sind positiv. Das wird den europäischen Banken Rückenwind verleihen – auch in Ländern, wo es vor kurzer Zeit noch kräftigen Gegenwind gab. Ich warne deshalb davor, heute bereits eine katastrophale Bilanz zu ziehen, ohne diese Zukunftsaussichten mit zu berücksichtigen. 

Was können die deutschen Banken aus eigener Kraft machen, um profitabler zu werden?

Die Banken und Sparkassen haben noch einiges an Einsparpotenzial, vor allem durch die Digitalisierung: Hier müssen sie im Moment zwar noch investieren, aber werden dadurch in Zukunft viel Geld sparen. Zweitens können die Geldhäuser ihre Kosten durch Fusionen senken. Die Bereitschaft dazu ist durchaus vorhanden: Bei unserer letzten Niedrigzinsumfrage kam heraus, dass sich jedes zweite deutsche Institut in den kommenden fünf Jahren einen Zusammenschluss vorstellen kann. Und drittens wird die perspektivische Normalisierung der Geldpolitik den deutschen Banken und Sparkassen die Chance bieten, ihre Ergebnisse weiter zu verbessern.

Wäre ein Zusammenschluss auch die Lösung für die Probleme der deutschen Großbanken?

Das sind privatwirtschaftliche Entscheidungen der jeweiligen Institute. Die Aufsicht kommt immer erst dann ins Spiel, wenn Fusionsvorschläge auf dem Tisch liegen. Dann müssen wir kritisch prüfen, ob das kombinierte Institut stabiler ist und ob es die richtige Corporate Governance hat. 

Die EZB ist da weniger zurückhaltend und fordert offen auch grenzüberschreitende Fusionen.

Die Aufsicht sollte sich nach meiner Überzeugung komplett neutral verhalten. Zwar sind internationale Fusionen in einem gemeinsamen Währungsraum naheliegend. Aber nationale Fusionen haben grundsätzlich eine größere betriebswirtschaftliche Logik. Die Erfahrung zeigt, dass dabei in der Regel deutlich mehr Kosten eingespart werden können als bei grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen. 

Sie haben lange als Investmentbanker gearbeitet. Wie sehen Sie die Zukunft des Handelsgeschäfts, in dem viele europäische Banken keine auskömmlichen Renditen mehr erwirtschaften?

In diesem Bereich gibt es durchaus Überkapazitäten. Durch die strikteren Finanzregeln lohnen sich manche Geschäfte heute einfach nicht mehr. Und eine sehr niedrige Volatilität führt auch nicht gerade dazu, dass man im Handel weiterhin hohe Erträge erzielt. Deshalb werden einige Banken ihre Handelsaktivitäten vermutlich weiter zurückfahren. 

Braucht Deutschland weiterhin eine Großbank mit großem, globalem Investmentbanking?

Das muss allein der Markt entscheiden. Aber die deutsche Wirtschaft betont doch auffallend häufig, dass aus ihrer Sicht eine in Deutschland verankerte globale Großbank gebraucht wird. Eine so exportstarke Volkswirtschaft wie Deutschland profitiert natürlich davon, wenn Bankentscheidungen vor Ort mit guter Kenntnis der Kundschaft getroffen werden. 

Fürchten Sie, dass das Pendel der Regulierung zehn Jahre nach der Finanzkrise zurückschlägt?

Zurückschwingen wäre ein ernstes Problem. Denn die Regulierung hat das Bankensystem sehr viel sicherer gemacht und das Vertrauen zurückgebracht. Aber eine gewisse Pause in der Regulierung wäre meines Erachtens schon angezeigt, um zu schauen, wo unbeabsichtigte Folgen auftreten oder wo bei der Regulierung übertrieben wurde. Nicht jede Regel war tatsächlich auch sinnvoll. 

Diese Diskussionen gehören zu Ihren letzten Amtshandlungen. Wie lange wollen Sie sich danach eine Auszeit nehmen – für ein Jahr?

Eine Auszeit ist vorgeschrieben, und das finde ich auch richtig so. Zu meinem genauen Zeitplan kann ich Ihnen heute aber noch nichts sagen. Mir haben viele Banken ihre Betriebsgeheimnisse anvertraut, die bei mir absolut sicher sind. Nicht nur wegen der gesetzlichen, sondern auch aufgrund einer moralischen Verpflichtung. Was auch immer ich künftig tun werde, ich werde alles daran setzen, Interessenkonflikte zu vermeiden. 

Zieht es Sie denn überhaupt zurück in die Finanzbranche?

Das weiß ich noch nicht. Ich werde mich aber nicht zur Ruhe setzen, sondern die vorgeschriebene Auszeit dazu nutzen, um mir in aller Ruhe Gedanken zu machen. 

Werden Sie in Deutschland bleiben?

Auch da habe ich mich noch nicht festgelegt. Ich bin erst einmal für vieles offen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mich in den ersten sechs Monaten nicht festzulegen. 

Herr Dombret, vielen Dank für das Interview.

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