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Rede
Carl-Ludwig Thiele Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank bis 30. April 2018

Die Zukunft des Geldes

Stadtgespräch des Freundeskreises Garbsen e.V.

Garbsen | 11.06.2015

1 Einleitung

Sehr geehrter Herr Dr. Birkner,
sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihre Einladung zum Stadtgespräch des Freundeskreises Garbsen. Ich freue mich sehr, heute Abend mit Ihnen über die Zukunft des Geldes zu sprechen und zu diskutieren.

Die "Zukunft des Geldes" – dieser Vortragstitel klingt sehr ambitioniert. Was genau in ferner Zukunft passieren wird, das kann Ihnen hier und heute niemand beantworten. Über die nahe Zukunft des Geldes kann ich dagegen durchaus mit Ihnen sprechen. Dabei möchte ich sowohl auf verschiedene Funktionen eingehen, die dem Geld üblicherweise zugesprochen werden, als auch auf das Zusammenspiel von baren und unbaren Zahlungsinstrumenten.

Doch lassen Sie uns zunächst schauen, vor welchem Hintergrund wir uns hier Gedanken über die Zukunft des Geldes machen. Wie sieht die aktuelle wirtschaftliche und geldpolitische Lage aus?

2 Wirtschaftliche und geldpolitische Lage

2.1 Griechenland

Die Situation in Griechenland lässt viele Kommentatoren an der Zukunft des Euro zweifeln. Dort ist die Lage tatsächlich prekär. Noch bis Herbst 2014 schien Griechenland auch dank schmerzlicher Reformen auf einem guten Weg zu sein. Erstmals seit Krisenbeginn war die griechische Wirtschaft im vergangenen Jahr wieder gewachsen; und auch für dieses Jahr sahen die Prognosen günstig aus.

Anfang dieses Jahres hat jedoch die neue Regierung in Athen Hoffnungen auf eine fortschreitende Besserung zunichte gemacht. Die Wirtschaft Griechenlands entwickelt sich nun deutlich schlechter als noch zu Jahresbeginn erwartet. So hat die Europäische Kommission ihre Wachstumsprognose für Griechenland von +2,5 % auf +0,5 % gesenkt.

Die Geldgeber Griechenlands sind überzeugt, dass an wirtschaftlichen Reformen kein Weg vorbei führt. Griechenland wies Leistungsbilanzdefizite von bis zu 14 % des Bruttoinlandsproduktes aus und es wurde offenkundig, dass der Konsum und die Staatsausgaben zum guten Teil vom Ausland finanziert werden mussten. So entstanden zunehmende Zweifel an der Tragfähigkeit der öffentlichen und privaten Verschuldung.

Die Kapitalmärkte entzogen Griechenland das Vertrauen. Und die europäischen Partner finanzierten im Rahmen ihrer Hilfsprogramme die Haushaltslücke, um dem Land Zeit für wirtschaftliche Reformen zu verschaffen.

Diesen notwendigen Reformprozess zu verlangsamen, das wäre den Steuerzahlern in den Hilfe leistenden Ländern wohl nicht zu vermitteln gewesen. Denn diese verfügen zum Teil über deutlich geringere Pro-Kopf-Einkommen als die Griechen und haben selbst erhebliche Lasten zu tragen.

Wenn Griechenland nun geholfen werden soll, weil sich das Land in einer akuten wirtschaftlichen Notlage befindet, so müssen sich die Solidarität zeigenden Länder darauf verlassen können, dass ihre Zahlungen nicht nur die gegenwärtige Situation verbessern. Sie müssen auch darauf setzen können, dass das Land in absehbarer Zukunft finanziell wieder auf eigenen Füßen stehen kann.

Genau deshalb dringen sie in den gegenwärtigen Verhandlungen auf entsprechende Reformzusagen. Denn nur ein tragfähiger Reformkurs bringt Griechenland auf einen nachhaltigen Wachstumspfad.

2.2 Euro-Raum

Nun darf die aktuelle Situation in Griechenland nicht den Blick auf den Euro-Raum insgesamt verdüstern. Die Entwicklung hier zeigt klar nach oben.

  • Für 2015 erwartet der Stab des Eurosystems ein Wachstum von 1,5 %, für 2016 von 1,9 %.
  • Alle ehemaligen Krisenländer werden laut EU-Kommission im laufenden Jahr ein Wachstum verzeichnen, und die Arbeitslosigkeit wird in diesen Ländern zurückgehen.
  • Die hohen strukturellen Haushaltsdefizite konnten dort bereits zügig zurückgeführt werden: in Portugal und Spanien seit 2009 um etwa sieben Prozentpunkte, in Griechenland um beeindruckende 16 Prozentpunkte.
  • Auch die Leistungsbilanzdefizite wurden weitgehend abgebaut und im Falle Irlands sogar in einen kräftigen Überschuss verwandelt.
  • Und diese Länder haben ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit verbessert.

Dies alles sind die Früchte der beachtlichen Spar- und Reformanstrengungen, die diese Länder umgesetzt haben; sie verdienen hierfür unser aller Respekt.

Der spanische Finanzminister Cristóbal Montoro sagte zu Recht – und nun zitiere ich: "Spanien ist ein Beispiel dafür, dass die Austeritätspolitik funktioniert."

Bei einer "Austeritätspolitik" geht es im Kern um die Einsicht, dass ein Land auf Dauer nicht über seine Verhältnisse leben kann – und sich gegebenenfalls in seiner Verschuldung einschränken muss.

Solide Staatsfinanzen stehen also nicht im Gegensatz zu Wachstum. Im Gegenteil: Auf einem Berg von Schulden kann kein nachhaltiges Wachstum entstehen.

Wachstum entsteht vielmehr in einem wettbewerbsorientierten wirtschaftlichen Umfeld. Diesem haben sich die früheren Krisenländer mit strukturellen Reformen wieder angenähert und ernten bereits die Früchte.

Allerdings gleicht ein solcher Anpassungsprozess einem Marathonlauf. Die zweite Hälfte ist schwieriger als die erste. So ist es wichtig, dass die Länder in ihren Anstrengungen nicht nachlassen. Gerade das macht übrigens den griechischen Fall so bedauerlich. Hier läuft ein Land Gefahr, sich um den Lohn seiner Anstrengungen zu bringen.

Wenig hilfreich ist es, wenn die Europäische Kommission in dieser Phase zunehmend lax mit der Auslegung der fiskalpolitischen Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspakts umgeht. Eigentlich ist es doch ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese Regeln eingehalten werden.

Frankreich zum Beispiel verletzt die 3 %-Grenze für das Haushaltsdefizit seit 2008 Jahr für Jahr – und hat von der Kommission im Frühjahr zum dritten Mal Aufschub bekommen, das übermäßige Defizit abzubauen – jetzt bis zum Jahr 2017.

Zu Recht fühlt sich der Mannheimer Ökonom Clemens Fuest hier an das Scherzwort von Mark Twain erinnert: "Verschiebe nicht auf morgen, was Du auch auf übermorgen verschieben kannst."

Deutschland hingegen ist bei der Einhaltung der Fiskalregeln derzeit vorbildlich und hat damit die Phase in den Jahren 2002 bis 2005 hinter sich gelassen, als auch wir uns nicht an die Regeln des Stabilitätspakts hielten. Heute ist der Staatshaushalt von Deutschland strukturell im Überschuss und die Schuldenquote ist zwar noch hoch, sinkt aber zügig.

Dabei kommt uns die recht gute Konjunkturlage zugute. Die Binnenwirtschaft profitiert aktuell von der guten Arbeitsmarktlage und den kräftigen Einkommenszuwächsen. Die Steuereinnahmen sprudeln kräftig. Hinzu kommen die Zinsersparnisse der öffentlichen Haushalte.

Nichts desto trotz gibt es auch in Deutschland wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf. Die fortschreitende Globalisierung, energiepolitische Verschiebungen, eine hohe Staatsverschuldung und die Alterung der Gesellschaft werden die deutsche Politik noch fordern.

Auch hierzulande muss der wettbewerbsorientierte Nährboden gehegt und gepflegt werden. So sollten zum Beispiel Unternehmensgründungen durch weniger Bürokratie vereinfacht werden.

2.3 Institutionellen Rahmen stärken

Für mehr Wachstum und Wohlstand braucht Europa aber auch eine Stärkung seines Ordnungsrahmens. Vor allem gilt es, Eigenverantwortung wieder konsequenter zu leben. Diese steht laut Walter Eucken für das griffige Prinzip: "Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen." Das kennen die Unternehmer hier im Raum aus erster Hand. Dies muss in Europa künftig umfassend gelten – auch für Banken und Staaten.

Die europäische Bankenunion ist hier ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ab 2016 wird der gemeinsame europäische Abwicklungs- und Restrukturierungsmechanismus in Kraft treten. Und in seinem Rahmen sollen nicht-überlebensfähige Banken abgewickelt werden können – ohne dass Gefahren für die Finanzstabilität entstehen. Künftig werden vorrangig die Eigentümer und Gläubiger "den Schaden tragen". Erst danach springt ein europäischer Abwicklungsfonds ein, der sich aus Beiträgen der Banken speist. Die Steuerzahler werden nur in allerletzter Instanz zur Kasse gebeten.

Nach Möglichkeit soll es natürlich gar nicht erst so weit kommen. Deshalb müssen die Banken schrittweise höhere Eigenkapitalanforderungen erfüllen. Darüber hinaus ist die Europäische Zentralbank seit November 2014 für die gemeinsame europäische Bankenaufsicht verantwortlich. Das soll eine neutrale, nicht auf nationale Besonderheiten Rücksicht nehmende Überwachung der Banken gewährleisten.

Und nicht nur für Banken, sondern auch für Mitgliedstaaten muss künftig das Haftungsprinzip gelten. Auch für sie muss im Extremfall eine Insolvenz möglich sein. Andernfalls könnte das Eurosystem auch unter Druck geraten, insolvenzgefährdete Staaten zu erschwinglichen Bedingungen zu finanzieren.

Zwar enthält der Vertrag von Maastricht das Verbot der monetären Staatsfinanzierung. Jedoch ist die Trennlinie dünn zwischen dem, was erlaubt, und dem, was verboten ist. Dies zeigt die Debatte um den Ankauf von Staatsanleihen durch das Eurosystem, mit dem das Eurosystem Solvenzrisiken erwirbt.

Mit dem Staatsanleihenkaufprogramm, das die EZB seit März umsetzt, wurde eine Risikoteilung zwischen den Notenbanken des Eurosystems für den überwiegenden Teil der Wertpapierkäufe ausgeschlossen.

Dennoch bleiben ökonomische Bedenken gegen dieses Programm bestehen: Es macht nämlich die Zentralbanken des Eurosystems zu den größten Gläubigern der Mitgliedstaaten der Währungsunion.

Angesichts der günstigen Finanzierungsbedingungen könnte die Motivation dieser Staaten zu weiteren Reformanstrengungen gemindert werden. Und gleichzeitig erhöht es die Gefahr von politischem Druck auf den EZB-Rat, an der sehr expansiven Geldpolitik möglichst lange festzuhalten.

Daher steht die Bundesbank Staatsanleihekäufen skeptisch gegenüber. Sie stellen in einer Währungsunion eben kein geldpolitisches Instrument wie jedes andere dar.

Die Bundesbank will demgegenüber die Währungsunion als "Stabilitätsunion" erhalten, mit soliden Staatsfinanzen und einer unabhängigen, auf Preisstabilität ausgerichteten Geldpolitik.

3 Position der Bundesbank hinsichtlich der Verwendung verschiedener Zahlungsinstrumente

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Sie sehen, dass der Euro-Raum in einer schwierigen Lage ist. Vor diesem Hintergrund wird auch im Hinblick auf das Bargeld derzeit Unkonventionelles gefordert. Die Stimmen, die eine Abschaffung des Bargelds befürworten, häufen sich und werden immer lauter.

Nicht nur amerikanische Ökonomen wie Kenneth Rogoff fordern offen, das Bargeld abzuschaffen; auch in Deutschland unterstützt Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrates, diese Position. Begründet wird dies damit, die Märkte für Drogen und Schwarzarbeit austrocknen zu wollen. Auch würde man sich im Supermarkt Zeit sparen, wenn Kunden an der Kasse nicht mehr nach Cent-Münzen kramen würden. Und zu guter Letzt argumentieren die Befürworter dieser Position, dass es nur in einer Welt ohne Bargeld möglich sei, die Zinsen für die Bürgerinnen und Bürger unter Null zu drücken.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die Bundesbank diese Sicht der Dinge nicht unterstützt. Wir lehnen die Forderung nach einer Abschaffung des Bargelds ebenso ab wie Restriktionen für die Bezahlung von Waren und Dienstleistungen mit Bargeld. Bargeld ist als gesetzliches Zahlungsmittel ein unverzichtbarer Bestandteil des Mix an Zahlungsinstrumenten und wir werden der Bevölkerung nicht vorschreiben, wie sie zu bezahlen hat. "Bargeld ist geprägte Freiheit" – diese Abwandlung eines Dostojewski-Zitats hat nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt.

Davon profitieren in erster Linie die rechtschaffenen Bürgerinnen und Bürger, denn sie haben ein Recht auf den Schutz ihrer Privatsphäre. Menschen haben ein Bedürfnis, sich nicht vollkommen gläsern zu machen. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Achtung des Privatlebens ist ein hohes Gut, welches nicht aufgeweicht oder preisgegeben werden sollte. Und wer glaubt, dass aufgrund eines Bargeldverbots Drogenhandel oder Schwarzarbeit eingedämmt werden könnten, der irrt meines Erachtens.

Bargeld hat neben der Zahlungsmittelfunktion auch die Wertaufbewahrungsfunktion. Das Eurosystem hat bislang Banknoten im Wert von über einer Billion Euro emittiert, wovon ein großer Teil der Hortung dient. Gerade in Not- und Krisenzeiten zeigt sich, dass die Menschen der Devise "Nur Bares ist Wahres" folgen.

Das heißt im Umkehrschluss natürlich nicht, dass unbare Zahlungsinstrumente keine Vorteile hätten. Beispielsweise lassen sich mit Überweisungen Geldbeträge über Distanzen hinweg sicher und schnell verschicken. Doch da gerade das Bargeld immer wieder der Forderung nach einer Abschaffung ausgesetzt ist, ist es mir wichtig, die damit verbundenen Vorteile zu betonen. Aus meiner Sicht ist ein breiter Mix verschiedener Zahlungsinstrumente vonnöten, da er die Wahlmöglichkeiten der Konsumentinnen und Konsumenten sichert. So sind für die Bürgerinnen und Bürger oft die gleichen Kriterien bei der Wahl des Zahlungsinstruments an der Ladenkasse wichtig – einfach, schnell und sicher soll es sein. Die Bevölkerung spricht diese Eigenschaften jedoch verschiedenen Zahlungsinstrumenten zu. Die einen finden, dass Bargeld einfach, schnell und sicher genutzt werden kann, die anderen meinen, dass Kartenzahlungen oder andere Lösungen wie das Bezahlen per Smartphone diese Eigenschaften erfüllen. Lassen wir den Menschen also die Wahl, dann kann sich jede Person für die Bezahlweise entscheiden, die ihr persönlich vorteilhaft erscheint.

Neben den Stimmen, die Bargeld am liebsten abschaffen würden, gibt es auch die, die meinen, Banknoten und Münzen seien schlicht anachronistisch und hätten sich im Zeitalter der digitalen Gesellschaft zukünftig bald von selbst erledigt. Lassen Sie mich diesen Gedanken im Folgenden näher ausführen.

4 Zahlungsverhalten in Deutschland

In den vergangenen Jahren ist die Digitalisierung des privaten und beruflichen Lebens stark vorangeschritten. So hat fast jeder inzwischen sein Smartphone durchgängig zur Hand und ist laufend im Internet. Dies hat zu spürbaren Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft geführt. Die neuen Kommunikationstechnologien und -strukturen fördern die Vernetzung. Räumliche und zeitliche Beschränkungen verlieren zunehmend an Bedeutung.

Virtuelle und reale Welt wachsen immer mehr zusammen. In der Industrie beginnt zum Beispiel ein neues Zeitalter, das durch "intelligente" Produktionsprozesse und zunehmend individualisierte Kleinfertigung statt großer Serien geprägt ist.

Diese Entwicklungen haben sich im deutschen Bezahlalltag jedoch bislang kaum niedergeschlagen. Gemäß unserer neuesten Studie zum Zahlungsverhalten in Deutschland 2014 werden mit 53 Prozent über die Hälfte der Umsätze an der Ladenkasse bar beglichen. Mit Blick auf die Anzahl der Transaktionen fällt das Bild noch deutlicher aus. Fast 80 Prozent aller Transaktionen erfolgen bar, jedoch im Vergleich zu den vergangenen Studien mit sinkender Tendenz. So werden Beträge ab 20 Euro häufiger bargeldlos bezahlt als noch vor einigen Jahren und bei Zahlungen zwischen 50 und 100 Euro hat die girocard – früher ec-Karte genannt – das Bargeld als beliebtestes Zahlungsmittel abgelöst. Wenn zu bargeldlosen Alternativen gegriffen wird, dann jedoch nicht etwa zum Smartphone, sondern in der Regel zur girocard, die fast jeder Erwachsene besitzt.

Insgesamt haben unsere Bürgerinnen und Bürger im Umgang mit Zahlungsinstrumenten relativ stabile Präferenzen. Verhaltensänderungen im Zahlungsverhalten vollziehen sich – zumindest in Deutschland – eher evolutionär.

5 Internet und Smartphone als Treiber im Zahlungsverkehr

Die Ansprüche der Kunden an Zahlungsinstrumente stiegen, vor allem durch die Allgegenwärtigkeit des Internets. So ist der Erwerb von Waren und Dienstleistungen online von fast jedem Ort auf der Welt 24 Stunden am Tag möglich. Gemäß der bereits erwähnten Studie zum Zahlungsverhalten haben mittlerweile fast zwei Drittel der Befragten schon im Internet eingekauft. Rund ein Zehntel des Einzelhandelsumsatzes in Deutschland wird im E-Commerce abgewickelt. Auf diese Weise wirken Änderungen im Einkaufsverhalten automatisch auf das Zahlungsverhalten, da die Barzahlung für Internetbestellungen nicht sonderlich geeignet ist. Wenn Sie nun stutzen: ja, das geht – klassisch per Nachnahme beim Postboten oder wenn Händler die physische Übergabe und Bezahlung der online bestellten Ware im Laden ermöglichen.

Im Vergleich zum stationären Handel stellt der Onlinehandel neue Anforderungen an Zahlungsdienste. Im Gegensatz zum Einkauf an der Ladenkasse fallen Erhalt und Bezahlung der Ware in der Regel auseinander. Während die Käufer vorzugsweise erst bezahlen möchten, nachdem sie das Paket in ihren Händen halten, präferiert der Onlinehändler den Eingang des Geldes vor dem Versand der Ware. In diesem Spannungsfeld bewegen sich Bezahldienste im Onlinehandel.

Darüber hinaus unterstützt das Smartphone die Gedanken an digitale Geldbörsen, in die nicht nur Zahlungsfunktionen, sondern auch verschiedene digitale Produkte und Dienstleistungen integriert werden. Sogar beim Kauf eines Autos kommt der Zahlungsverkehr nicht mehr nur als das unerfreuliche Ende des Kaufvorgangs vor. Vielmehr werden Zahlfunktionen bei einigen Herstellern inzwischen schon in die Bordcomputer von Neuwagen integriert. Damit können Sie sich dann auf der Fahrt beispielsweise Musik herunterladen und bezahlen.

Sie können den Gedanken auch weiterdrehen, und sich vorstellen, dass bald auch in den Kühlschrank ein digitaler "Dispositionsassistent" eingearbeitet wird, der feststellt, dass Ihnen eine Tüte Milch fehlt, und Sie auffordert, sich diese liefern zu lassen. Sie könnten dann etwa Bestellung und Bezahlung gleich vom Kühlschrank aus vornehmen. Schon heute ermöglicht die "mytaxi"-App das Bestellen, Bezahlen und Bewerten eines Taxis aus einer Hand.

Mehrheitlich sieht die Realität derzeit jedoch noch anders aus: Unsere Studie zum Zahlungsverhalten hat einmal mehr gezeigt, dass nur einige wenige Transaktionen von den Befragten mit kontaktlosen Zahlungskarten oder dem Smartphone durchgeführt wurden. Dennoch ist insbesondere die junge Bevölkerung offen für mobile und kontaktlose Bezahlverfahren. Das Smartphone auch zum Bezahlen zu nutzen, scheint für viele Jüngere eine quasi-natürliche Entwicklung zu sein.

Während bei einer Barzahlung das Geld gleich bei Übergabe beim Zahlungsempfänger landet, dauert es bei einer bargeldlosen Zahlung in der Regel bis zum nächsten Tag, bis das Geld auf dem Konto gebucht ist und damit wieder ausgegeben werden kann. Ob und wie man dies ändern kann, wird gerade in der Europäischen Union diskutiert. Denn in Ländern außerhalb des Euro-Raums (z. B. in Großbritannien, Schweden und Dänemark) existieren bereits solche "Instant Payments Systeme", die die Abwicklung von bargeldlosen Transaktionen in Sekundenschnelle ermöglichen.

6 Sicherheit ist unerlässlich

Datenbasierte Technologien und Dienstleistungen sorgen im Zahlungsverkehr zwar für viele Erleichterungen, bringen aber auch Risiken mit sich, die für den Einzelnen schwer einschätzbar sind. So fallen durch die Nutzung verschiedener mobiler Endgeräte immer größere Datenmengen mit teilweise sensiblen personenbezogenen Inhalten an, die auf unterschiedliche Art und Weise verarbeitet und ausgewertet werden. Wie dies geschieht, können die wenigsten überblicken. So entsteht generell ein vages Unbehagen bei der Preisgabe persönlicher Informationen, das vielfach konkret wird, wenn es um finanzbezogene Daten geht. Diese skeptische Haltung vieler Zahler kann zu Vorbehalten gegenüber der Nutzung innovativer Zahlungsdienste führen.

Schon unsere erste Studie zum Zahlungsverhalten im Jahr 2008 hat gezeigt, wie wichtig Sicherheit im Zahlungsverkehr ist. Falschgeld, Skimming, Phishing, Kreditkartenbetrug: Das sind nur einige der Schlagworte, die im Zusammenhang mit der Sicherheit von Bezahlvorgängen für die Menschen relevant sind. Was das Bargeld angeht, so sind wir als Herausgeber des Bargeldes zur Falschgeldprävention verpflichtet. Dazu bietet die Bundesbank beispielsweise unentgeltlich Schulungen, Informationsmaterialien und Lernprogramme an. Auch die starke Einbindung der Bundesbank in den Bargeldkreislauf sowie die Inverkehrgabe neuer Banknotenserien dienen unter anderem diesem Ziel. Bei der Einführung der neuen 5- und 10-Euro-Banknoten haben wir im Übrigen die Erfahrung gemacht, dass die alten Banknoten, die im Bargeldkreislauf zirkulieren, schnell durch die neuen ersetzt wurden.

Im bargeldlosen Zahlungsverkehr allerdings erfordert die Einführung von Sicherheitsstandards einen noch höheren Koordinierungsaufwand, da dieses Thema von den Anbietern der Zahlungsinstrumente gelöst werden muss. Erstmals gibt nun auch der europäische Gesetzgeber mit der überarbeiteten europäischen Richtlinie für Zahlungsdienste (Payment Services Directive) einige Grundregeln für die Sicherheit von Zahlungen im Internet vor, deren technische Details noch von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA (European Banking Authority) präzisiert werden müssen. So muss klargestellt werden, wie eine Transaktion im Onlinebanking oder bei Internetbezahlverfahren zweifelsfrei freigegeben werden kann. Eine wesentliche Herausforderung ist es dabei, Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit in Einklang zu bringen.

7 Neue Anbieter

Neue Zahlungsdienste versprechen grundsätzlich nur dann Erfolg, wenn sie in puncto Kosten, Sicherheit, Komfort und Akzeptanz derzeitigen Angeboten überlegen sind. Dabei spielt es grundsätzlich keine Rolle, ob die Anbieter aus Deutschland oder aus anderen Ländern kommen. Im Zuge der technologischen Entwicklung drängen internationale Anbieter, wie zum Beispiel Internetkonzerne, auch auf den Markt für Zahlungsdienste und versuchen, sich kundenwirksam als Marken im Zahlungsverkehr zu positionieren. Die Kreditwirtschaft könnte so in die Rolle eines reinen Abwicklers von Transaktionen, also in den Hintergrund gedrängt werden.

Diese neuen Anbieter nutzen Synergien zwischen ihren Kerngeschäftsaktivitäten und dem Zahlungsverkehr. Oftmals können sie sich schneller auf das sich rasch ändernde technische Umfeld und die neuen Nutzerbedürfnisse einstellen. Sie sorgen für zunehmenden Wettbewerb und entwickeln neuartige Lösungsansätze. Dies ist ein Trend, der den Zahlungsverkehr nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weltweit nachhaltig verändern wird.

8 Virtuelle Währungen

Darüber hinaus haben sich nun schon virtuelle Währungen entwickelt, bei denen nicht einmal zu verorten ist, wer sie eigentlich herausgibt. Da virtuelle Währungen derzeit von keinem Staat als gesetzliches Zahlungsmittel anerkannt sind, leitet sich ihr Wert ausschließlich aus dem Vertrauen in ihre freiwillige Akzeptanz ab.

Virtuelle Währungen haben in der jüngsten Vergangenheit insbesondere durch Bitcoin medial viel Aufmerksamkeit erlangt. Sie können ohne klassische Intermediäre wie Kreditinstitute und ohne Nutzung zentraler Systeme zwischen Personen direkt über das Internet übertragen werden – unabhängig von nationalen Grenzen, Rechts- oder Bankensystemen.

Als Zahlungsinstrument sind virtuelle Währungen bisher aber nur ein Nischenphänomen. Selbst mit Bitcoins werden zurzeit weltweit nur 85.000 bis 120.000 Zahlungen pro Tag getätigt. Im Gegensatz dazu werden allein in Deutschland arbeitstäglich fast 65 Millionen Überweisungen und Lastschriften abgewickelt.

Grundsätzlich müssen zwei wesentliche Aspekte virtueller Währungen unterschieden werden: Die Wertaufbewahrungs- und die Zahlungsmittelfunktion. Die Wertaufbewahrungsfunktion ist aufgrund der hohen Kursvolatilität und der wiederholten Angriffe auf Handelsplätze für virtuelle Währungen derzeit nicht erfüllt. Die Zahlungsmittelfunktion wiederum wird von der mangelnden Wertaufbewahrungsfunktion insofern negativ beeinträchtigt, als die Empfänger die virtuelle Währung wegen des hohen Wechselkursrisikos schnell in offizielle Währungen zu konvertieren suchen. Auch gibt es keinerlei allgemeinverbindliche rechtliche Regeln für die Abwicklung von Zahlungen mit Bitcoins. Darüber hinaus entstehen für den Nutzer Verlustrisiken, die mit der Aufbewahrung der virtuellen Währungen in Online-Wallets verbunden sind, die von kommerziellen Börsenbetreibern angeboten werden.

Attraktiv für die Akzeptanten von virtuellen Währungen als Zahlungsmittel dürfte vor allem die Aussicht sein, Entgelte an Intermediäre im Zahlungsverkehr zu umgehen. Dabei wird aber häufig nicht berücksichtigt, dass sich Nutzer virtuelle Währungen in der Regel über Börsen beschaffen müssen; dieses ist ebenso mit Kosten verbunden wie der "Rücktausch" von Bitcoins in "echte" Währung. Zudem besteht zum Beispiel auch im Bitcoin-Netzwerk die Notwendigkeit, die Transaktionen zu verifizieren und eindeutig zu dokumentieren. Dies wird von sogenannten Minern durchgeführt, die als Entlohnung neu geschaffene Bitcoins erhalten. Insgesamt erhalten die Miner für die Verifikation beziehungsweise Dokumentation der Transaktionen zurzeit umgerechnet rund acht US-Dollar. Demgegenüber dürften die Stückkosten im europäischen Massenzahlungsverkehr eher im niedrigen Cent-Bereich liegen.

Wettbewerbsfähiger könnten Bitcoins als Zahlungsmittel im kostenträchtigen, grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr außerhalb des Euro-Raums sein, der vielfach über das Korrespondenzbankgeschäft abgewickelt wird. Wegen der hohen Entgelte wird auch der Geldtransfer von Migranten in ihre Heimatländer (Remittances), der heute zum Beispiel unter Einschaltung von Geldversendediensten wie Western Union oder MoneyGram erfolgt, öffentlich problematisiert.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Innovationsabteilungen der Kreditwirtschaft beginnen auszuloten, wie die innovative Technologie genutzt werden kann. Potenzial wird dabei weniger den virtuellen Währungssystemen wie Bitcoin selbst zugeschrieben. Es geht häufig eher um die dahinterliegende Technologie. Das sogenannte "ledger", wie es etwa in der Blockchain-Technologie von Bitcoin zum Einsatz kommt, gilt als die Schlüsselinnovation virtueller Währungen. Ein solches Transaktionsregister muss nicht mehr zentral von einer einzigen Instanz verwaltet werden, sondern ist dezentral bei den Nutzern abgelegt. Die dezentrale Verwaltung eines Transaktionsregisters macht zentrale Intermediäre obsolet, sorgt für Transparenz und kann vor Manipulation schützen.

9 Ausblick

"Die Zukunft des Geldes": so lautet das Thema dieses Stadtgesprächs. Seien Sie gewiss, meine Damen und Herren, es bleibt dabei, dass Währungen Vertrauen brauchen. Und um dieses zu erhalten, braucht es eine unabhängige Institution, die sich den anstehenden Fragen mit Besonnenheit widmet. In dieser Art und Weise werden wir uns auch den neuen Technologien widmen, die es beispielsweise ermöglichen, virtuelle Währungen herauszugeben. Die real existierende virtuelle Währung Bitcoin – wenn man bei virtuellen Währungen überhaupt von realer Existenz reden kann – verdient Ihr Vertrauen in jedem Fall nicht. Denn die Einrichtung unabhängiger Zentralbanken, die allein für die Erhaltung der Währungsstabilität zuständig sind, ist das Ergebnis unserer geldpolitischen Erfahrung in marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften.

Und allen unbaren und virtuellen Entwicklungen zum Trotz ist Bargeld auch im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung in Deutschland weiterhin gefragt. Das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern, auch wenn wir tendenziell einen Rückgang bei der Nutzung von Bargeld an der Ladenkasse feststellen können. Auch erfüllt Bargeld darüber hinaus noch weitere Zwecke wie die Wertaufbewahrung und hier sehen wir nach wie vor eine deutliche Zunahme der Nachfrage nach Bargeld.

Die Bundesbank möchte den Bürgerinnen und Bürgern keine Vorschriften bei der Wahl der Zahlungsinstrumente machen. Den Bürgerinnen und Bürgern soll vielmehr ein Mix an sicheren und effizienten Zahlungsinstrumenten zur Verfügung stehen, aus dem sie frei nach ihren Präferenzen wählen können. Bargeld ist ein Bestandteil dieses Zahlungsmittelmixes und wird es auch in der digitalisierten Welt von morgen bleiben.

Meine Damen und Herren, ich freue mich auf Ihre Beiträge, Einschätzungen und Erfahrungen.

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