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Vernetzte Finanzzentren

Gastbeitrag im Handelsblatt vom 02.03.2018

In knapp 400 Tagen wird das Vereinigte Königreich aus der EU ausscheiden. Ganz gleich, wie die Welt danach aussehen wird, eines steht bereits fest: In der EU-27 wird es kein global relevantes Finanzzentrum mehr geben.

Wichtige Finanzierungskanäle für die kontinentale Wirtschaft in Europa könnten wegfallen oder zumindest stark beeinträchtigt werden. Aber so weit muss es nicht kommen: Die EU-Finanzzentren wie Frankfurt, Dublin, Paris und Co. könnten sich digital so vernetzen, dass sie wie ein Finanzplatz arbeiten, wie eine "Digital City of Europe".

Auf einer EU-Finanzplattform würden dann Liquidität, Produktvielfalt und Expertise mit dem Ziel gebündelt, global wettbewerbsfähig zu sein und für eine effiziente Binnen- und Außenfinanzierung zu sorgen, auf dem Kontinent und darüber hinaus.

Was wäre für eine solche digitale Finanzplattform in Europa nötig, und worauf können wir aufbauen?

Die Bestandsaufnahme ist ermutigend: Die EU bleibt auch nach dem Brexit die zweitstärkste Volkswirtschaft der Welt und verfügt zweifelsohne über die relevante Größe und Nachfrage für einen globalen Finanzplatz. Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital bewegen sich frei und schnell im Binnenmarkt. Die politischen Verhältnisse sind stabil, der Rechtsrahmen ist verlässlich.

Mit dem Euro verfügt der Kontinent über eine gemeinsame und hochstabile Währung, die als Nummer zwei der Reservewährungen weltweit Vertrauen genießt. Die regulatorischen Anforderungen sind weitgehend vereinheitlicht. Die Bankenunion stärkt die Krisenresistenz. Die Kapitalmarktunion bringt die europäische Finanzintegration weiter voran. Leistungsfähige Marktinfrastrukturen - nicht zuletzt durch das Euro-System bereitgestellt - ermöglichen schnelle und einfache grenzüberschreitende Transaktionen.

Konkurrenz der Finanzinstitutionen

Nur: Das Standortpotenzial ist über die gesamte EU-27 verstreut und wirkt nicht kumulativ. Die Finanzzentren konkurrieren aktuell untereinander um Marktanteile, Steuereinnahmen und Arbeitsplätze. Dabei weist jedes der größeren Finanzzentren einzelne der Faktoren auf, die für einen globalen Erfolg notwendig sind, aber kein Finanzzentraum vereint alle relevanten Faktoren.

Ein Beispiel ist die Marktliquidität. Angebot und Nachfrage sind nirgends so reichlich vorhanden, dass die gesamte mögliche Produktpalette angeboten und über Skaleneffekte eine global wettbewerbsfähige Kostenstruktur erzeugt wird. Die beschränkte Zahl der Akteure an jeweils einem Ort reicht für ein umfassendes Finanzsystem nicht aus. Die physische Distanz hat bisher verhindert, dass die regionalen Erfolgsfaktoren für eine globale Wettbewerbsfähigkeit zusammenwirken.

Räumliche Nähe verliert jedoch im Zuge der digitalen Entwicklung zunehmend an Bedeutung - wenn das technologische Potenzial genutzt wird. Die Finanzmärkte befinden sich derzeit in einem disruptiven Umbruch, der die Funktionsweise traditioneller Finanzzentren grundsätzlich infrage stellt.

Mit der Digitalisierung haben sich die Erfolgsfaktoren für Finanzplätze verändert. Es sind nicht mehr hauptsächlich Agglomeration und räumliche Nähe entscheidend, die London groß gemacht hatten. Sondern technische Modernität und agile digitale Zusammenarbeit geben den Ton an.

Dadurch eröffnet sich für den Kontinent eine völlig neue Perspektive, indem die örtlichen Trümpfe addiert und gemeinsam ausgespielt werden - im Sinne aller EU-Finanzzentren. Daraus könnte ein europäisches Finanznetzwerk entstehen, das wie ein Finanzplatz an einem Ort arbeitet - nicht als Kopie alter Systeme, sondern als hochinnovatives, zukunftsweisendes Tech-Projekt.

Vor allem IT-Innovationen bieten exzellente Möglichkeiten, geografische Entfernungen zu überwinden. Distributed Ledger, also die Technologie hinter Blockchain; globale Hubs - Internetknotenpunkte zum globalen Datenaustausch - oder 5G-Netze, die nächste Generation der Mobilfunktechnik: das sind nur einige Stichworte. Anbieter und Nachfrager können sich über Plattformen verbinden, als wären sie an einem Standort konzentriert. Die Netzwerkökonomie macht es möglich.

So wie heute in der Industrie Wertschöpfungsketten über Kontinente hinweg geschmiedet werden, könnten innereuropäische Finanzmetropolen digital miteinander arbeiten. Sogar belastbare, vertrauensvolle persönliche Verbindungen können über die Zeit online geknüpft und aufrechterhalten werden.

Was noch zu tun bleibt für ein digitales Finanzzentrum der EU-27, ist nicht ganz lapidar. Vor allem drei Herausforderungen müssen wir begegnen.

Erstens: Kooperation und Spezialisierung. EU-Mitgliedstaaten und nationale Marktteilnehmer haben natürlich unterschiedliche und zum Teil gegenläufige Interessen und Motive. Entscheidend ist es aber, den innereuropäischen Wettbewerb nicht als Nullsummenspiel zu verstehen, bei dem der Gewinn des einen Unternehmens oder Finanzplatzes der Verlust des anderen ist, sondern gemeinsam das Potenzial zu entwickeln, von dem dann jeder Einzelne profitiert.

Globaler Wettbewerb

Dazu kann auch gehören, den jeweils eigenen Leistungsumfang einzugrenzen und zugleich online mit anderen Finanzplätzen zu kooperieren. Statt eines kräftezehrenden Standortwettbewerbs könnten mit marktgetriebener Spezialisierung Skaleneffekte realisiert und Innovationspotenziale gehoben werden. So würden Kostenstrukturen optimiert und globale Wettbewerbspositionen aufgebaut.

Zweitens: digitale Vernetzung. Die Kooperation braucht eine digitale Infrastruktur in Form von europaweiten und international zugänglichen Plattformen. Die Finanzplätze müssen so vernetzt sein, dass Agglomerationseffekte, also Vorteile durch die dichte Ansiedlung von Marktakteuren, wie sie in London und anderswo real zu beobachten sind, auf einer digitalen Ebene erzeugt werden.

Bei der digitalen Infrastruktur gibt es Nachholbedarf. Beispielsweise wurde für den Hochfrequenzhandel ein separates Kabel im Atlantik verlegt, um London und New York zu verbinden. Etwas Vergleichbares existiert zwischen Paris und Frankfurt nicht. Aber nur, wer durch digitale Intermediation Anbieter und Nachfrager schneller, besser und mit geringeren Kosten als im "analogen" Handel miteinander verbindet, hat Chancen im Wettbewerb mit klassischen globalen Finanzzentren.

Bestehende IT-Architekturen müssen friktionsfrei zusammengeführt werden. Dazu ist ein hohes Maß an Standardisierung nötig. Für einen Investor sollten im Idealfall technische oder administrative Belange innerhalb der EU keine Rolle für Anlageentscheidungen spielen.

Drittens: wettbewerbsfähiger Rechtsrahmen. In der EU-27 fehlt trotz aller Harmonisierung nach wie vor ein einheitliches, international vermittelbares und mit dem britischen "common law" konkurrenzfähiges Vertragsregime. Eine Lösung könnte das von der EU in anderen Bereichen angewendete "28. Regime" sein. Damit ist ein Privatrecht gemeint, das nationale Rechtsvorschriften nicht aufhebt, sondern eine neue Option auf europäischer Ebene bietet, wie etwa die Rechtsform "Europäische Gesellschaft" für Aktiengesellschaften (Societas Europaea, kurz SE genannt).

Über die Anwendung können die Vertragsparteien autonom entscheiden. Die Vertragspartner hätten damit ein verlässliches juristisches "level playing field". Ziel muss es sein, dass durch grenzüberschreitendes Geschäft innerhalb der EU keinerlei zusätzliche Transaktionskosten entstehen - weder direkt durch Steuern oder Gebühren noch indirekt, beispielsweise über Rechtsberatung.

Die Macht des Marktes

Die Idee einer "Digital City of Europe" und politische Impulse für ein solches Projekt sind die eine Sache. Echte Erfolgsaussichten entstehen jedoch erst mit der Macht des Marktes als Treiber. Hier sind in erster Linie die Finanzinstitutionen gefragt. Aber nicht nur sie. Bei digitalen Innovationen sind immer auch die IT-Branche und Fintechs treibende Kräfte.

Die Politik kann die Rolle eines Katalysators übernehmen, der maßgebliche Akteure an einen Tisch bringt, und sie kann das Umfeld gestalten. Und das sollte sie auch tun. Eine "digitale Finanzmarktunion" wäre nach dem Finanzbinnenmarkt, der Bankenunion und der Kapitalmarktunion ein hochambitioniertes neues Projekt, für das sich der Einsatz lohnt.

Auch aus dem Blickwinkel einer Zentralbank wäre ein Gelingen wünschenswert. Denn dann würden sich die wesentlichen Teile des Finanzgeschäfts Europas auch auf unserem Territorium abspielen. So könnten wir die Stabilität des Finanzsystems in normalen, vor allem aber in Krisenzeiten besser sichern. Für die Finanzierung unserer Realwirtschaft wären wir nicht auf Transaktionen außerhalb des Kontinents angewiesen. Zugleich hätten wir Anteil an offenen, weltumspannenden Kapitalflüssen und Finanzmärkten - als eigenständiger relevanter Akteur.

Zusatzinformationen

Der Autor

Joachim Wuermeling

Gastbeitrag von Joachim Wuermeling,
Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

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