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„Die Zukunft der Girocard ist digital und europäisch“

Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung vom 05.07.2018

Echtzeitzahlungen im SEPA-Raum bieten die Chance für moderne, einfache und sichere europäische Zahlungsmittel. Vor 50 Jahren wurde mit dem eurocheque die Grundlage für ein europäisches Zahlungssystem gelegt. Im Oktober 1968, vier Jahrzehnte vor dem Start des „Einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraums“ (SEPA), einigten sich 14 europäische Länder auf ein gemeinsames Zahlungssystem, den eurocheque. Bis 1998 schlossen sich weitere 31 Länder an, in denen eurocheques zumindest akzeptiert wurden. In Verbindung mit der in allen Ländern einheitlichen ec-Karte, welche die Einlösung des Schecks garantierte, konnten die Verbraucher sowohl im Inland als auch grenzüberschreitend bargeldlos im Handel bezahlen.

Die europäischen Länder entwickelten die ec-Karte ganz unterschiedlich weiter: Schrittweise wurde sie mit neuen Funktionalitäten ausgestattet, etwa der Möglichkeit, am Automaten Geld abzuheben oder direkt mit der Karte an der Kasse zu bezahlen.

Es entstanden auf die Bedürfnisse des Heimatmarktes ausgerichtete nationale Kartensysteme. In Deutschland wurde die ec-Karte und ihre Nachfolgerin, die girocard, zunehmend beliebter: 1997 waren 41 Millionen ec-Karten im Umlauf, heute sind fast 110 Millionen girocards in deutschen Portemonnaies zu finden. Vor 20 Jahren wurden in Deutschland nur zehn Prozent der Umsätze im Handel mit der ec-Karte getätigt, bis 2017 stieg der Anteil der girocard auf 38 Prozent.

Der rasante Anstieg bei den Kartenzahlungen führte zu einem deutlichen Rückgang bei den Schecks: Seit 2002 werden keine eurocheques mehr ausgegeben. Deren Ende bedeutete jedoch auch das Ende des einfachen, bargeldlosen Bezahlens mit einem gemeinsamen europäischen Zahlungsmittel. Was vielen Bürgerinnen und Bürgern vermutlich nicht bewusst ist: Die girocard funktioniert nur in Deutschland und bei einigen ausgewählten Händlern in Grenznähe. Für alle anderen Käufe, beispielsweise in einem Laden in Lissabon, ist der Umweg über ein internationales Kartensystem wie MasterCard oder Visa notwendig, erkennbar am Maestro- oder V Pay-Symbol auf der girocard.

Daher forderte die EU-Kommission die Kreditwirtschaft schon Ende Januar 2000 auf, einen adäquaten Ersatz für den eurocheque zu schaffen. Es existieren nun zwar mit SEPA einheitliche europäische Überweisungen und Lastschriften. Auch bei den Kartenzahlungssystemen wurden wichtige Fortschritte hin zu mehr Interoperabilität erzielt. Aber letztlich gibt es bislang kein einziges breit akzeptiertes, grenzüberschreitend tätiges europäisches Bezahlsystem für den Handel.

Einige nationale Kartensysteme wurden eingestellt. Auf die verbliebenen nationalen Systeme wie die girocard nimmt der Wettbewerbsdruck zu - sowohl durch die etablierten internationalen Systeme als auch durch große Technologieunternehmen. So drängt PayPal nun an die Ladenkasse, auf Händler- und auf Kundenseite. Alipay, Teil des chinesischen Fintech-Konzerns Ant Financial Services, wird bereits in mehr als 2000 Läden in Deutschland akzeptiert. Google Pay soll Ende Juni bei den Händlern starten. Im E-Commerce ist die Bezahlfunktion schon seit vergangenem Jahr verfügbar. Daneben gibt es zahlreiche weitere Initiativen, die das Bezahlen innovativer und effizienter gestalten sollen. Beispiele sind Payback Pay, Blue Code oder Boon.

Sie alle nutzen die neuen technischen Möglichkeiten, die das Smartphone bietet. Als universeller Anknüpfungspunkt für verschiedenste Technologien kann es dazu dienen, Zahlungen komfortabel anzustoßen. Transaktionsdaten lassen sich u.a. kontaktlos per NFC-Chip, QR-Code oder Bar Code an ein Kassensystem übertragen. In digitalen Wallets können Karten- oder Bankdaten dafür hinterlegt werden. Und für die Autorisierung der Zahlung lassen sich biometrische Mechanismen wie der Fingerabdruck verwenden.

Damit wird auch den veränderten Erwartungen Rechnung getragen. Die Käuferinnen und Käufer wollen schnell und bequem bezahlen. Damit sich aber eine neue Zahlungslösung durchsetzen kann, muss noch mehr passieren: Die neue Bezahlvariante muss sicher sein, den Schutz der Verbraucherdaten gewährleisten und eine gute Kontrolle über die Ausgaben ermöglichen. Man kann sie an vielen Orten on- wie offline nutzen. Sie fügt sich möglichst nahtlos in den Kaufprozess ein, wie es im E- und M-Commerce bereits heute Standard ist.

Girocard kontaktlos und girocard mobile sind auf dem Vormarsch. Ende des Jahres wird mehr als die Hälfte der girocard-Besitzer mit ihrer Karte kontaktlos bezahlen können, und zwar mit Hilfe der sogenannten „Nahfeldkommunikation“ (Near Field Communication, NFC), einem internationalen Funkstandard zur drahtlosen Übertragung von Daten über kurze Distanzen von wenigen Zentimetern. Wer das nicht möchte, kann diese Funktion einfach am Geldautomaten seines Instituts abschalten. Inzwischen sind 60% der Händlerterminals für solche kontaktlosen Zahlungen gerüstet.

Auf diese Weise wird zudem der Weg für die Verbreitung mobiler Bezahlverfahren geebnet. So basiert girocard mobile ebenfalls auf der NFC-Technologie und ermöglicht girocard-Zahlungen per Banking-App. Sparkassen und Genossenschaftsbanken wollen girocard mobile ihren Kunden ab Mitte 2018 anbieten. Allerdings funktioniert die Lösung bislang nur für Android, da bei iOS die NFC-Schnittstelle für Dritte gesperrt ist. Und es gibt noch manch andere Hürde zu überwinden.

Insgesamt dürfte die girocard durch die kontaktlose und mobile Aufwertung noch attraktiver werden. Allerdings fehlt weiterhin ein europäisches Zahlverfahren. Hier kommt das neue SEPA-Format für Überweisungen in Echtzeit ins Spiel: Instant Payments bieten die Chance, europäische Bezahllösungen zu finden, die den veränderten Kundenerwartungen gerecht werden, über verschiedene Kanäle hinweg funktionieren und für Händler leicht und günstig zu implementieren sind. Voraussetzung für die Nutzung von Instant Payments sind geeignete Zugangswege. Neben passenden Apps könnten Zahlungen gegebenenfalls wie bisher bequem, schnell und sicher, idealerweise kontaktlos, per Debitkarte ausgelöst werden. Die Zahlung würde künftig aber wie eine Echtzeitüberweisung abgewickelt. Innerhalb des SEPA-Raums wäre somit im Prinzip jedes Händlerkonto direkt mit jeder girocard erreichbar.

Verbraucherinnen und Verbraucher sollen beim bargeldlosen Bezahlen zwischen verschiedenen Medien wählen können. Nicht alle können oder wollen mit dem Smartphone oder dessen jüngeren Geschwistern wie einer Smartwatch bezahlen. Aber jene, die die neuen Angebote nutzen, könnten vielleicht bald schon das Portemonnaie zu Hause lassen und ihre täglichen Einkäufe on- wie offline mit denselben Anwendungen einfach und schnell bezahlen. Kombiniert mit Angeboten zur Budgetkontrolle über alle Zahlungskanäle und Konten hinweg könnten sie gleichzeitig einen besseren Überblick über ihre Ausgaben erhalten. Banken und Sparkassen können das Potenzial mit neuartigen Angeboten rund um Echtzeitzahlungen nutzen und sich im Wettbewerb zukunftsfest positionieren. Insgesamt würde die europäische Zahlungsinfrastruktur gestärkt, die Kosten im Zahlungsverkehr könnten gesenkt und Kartenzahlungen in der EU effizienter abgewickelt werden.

Zusatzinformationen

Der Autor

Gastbeitrag von Johannes Beermann,
Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank

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