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Innovationsdynamik und die Zukunft des Geldes und des Zahlungsverkehrs

Innovationsdynamik und die Zukunft des Geldes und des Zahlungsverkehrs Gastbeitrag von Agustín Carstens, Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Die Existenzberechtigung von Zentralbanken liegt darin, die Stabilität des Geldes zu sichern. Konkret sollen Zentralbanken den Geldwert wahren und einen reibungslosen Zahlungsverkehr ermöglichen. In der Geschichte hat Deutschland mit seinem Erfindergeist auch beim Geld immer wieder eine Rolle gespielt. Die Deutsche Mark diente oftmals als Anker und sorgte für Stabilität. Und in den 1960er Jahren legten deutsche Ingenieure den Grundstein für die heutigen Smartcards.

Das Geldwesen erfährt nicht zum ersten Mal einen Innovationsschub, doch diesmal ist es irgendwie anders. Die Innovationsdynamik ist enorm, und Unternehmen versuchen nicht nur die Art und Weise, wie Zahlungen getätigt werden, zu verbessern, sondern auch das Geld an sich. Mit der stark sinkenden Bargeldnutzung in einigen Ländern steigt sowohl das Interesse an digitalem Geld als auch die Bereitschaft, damit zu experimentieren. Die Debatte über Digitalgeld wird immer lebhafter, und einige Stimmen fordern sogar, dass Zentralbanken eher früher als später digitales Geld ausgeben sollten. Geld bildet jedoch das Rückgrat des Finanzsystems und der Gesamtwirtschaft, daher ist es wichtig, sämtliche Konsequenzen der neuen Entwicklungen zu verstehen. Man entledigt sich nicht eines alten Systems, bevor man nicht weiß, wie das neue unter allen erdenklichen Umständen funktioniert. Eine unerprobte Technologie einzuführen, die sich letztlich als unzuverlässig erweist, könnte das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Währung grundlegend erschüttern.

Wenn es um die Zukunft des Geldes geht, stehen Zentralbanken an vorderster Front. Im Zahlungsverkehr nutzen sie die neuesten Technologien, um gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen zu meistern. Schnelligkeit und Globalisierung gehören dazu, doch Verlässlichkeit bleibt eine zeitlose Anforderung.

Früher wurde die Ausführung einer Zahlung am Folgetag problemlos akzeptiert. Aus heutiger Sicht scheint dies wie eine Ewigkeit. Durch ihre Handys sind Konsumenten sofortige Umsetzungen und Bestätigungen gewohnt, sei es via E-Mail oder Social Media. Um diesem Bedürfnis nach Schnelligkeit zu entsprechen, werden mobile Zahlungsmöglichkeiten entwickelt Mit solchen Systemen kann jederzeit und von überall Geld in Sekundenschnelle überwiesen werden. Ein Beispiel ist die neue Zahlungsplattform TARGET Instant Payment Settlement (TIPS) des Eurosystems. Sie erlaubt es Dienstleistern im Massenzahlungsverkehr, rund um die Uhr Überweisungen in Echtzeit anzubieten. Bei Transaktionen mit großen Beträgen und hoher Priorität haben sogenannte Echtzeit-Bruttozahlungssysteme (RTGS) seit den 1980er Jahren für immer schnellere Überweisungen gesorgt. Ein Vorläufer dieser Systeme war die „Elektronische Abrechnung Frankfurt“ der Bundesbank.

Mit der Globalisierung ist auch die Nachfrage nach besseren und schnelleren grenzüberschreitenden Zahlungen gestiegen. Als Basis dient hier in der Regel immer noch ein komplexes Netz bilateraler Beziehungen zwischen Geschäftsbanken, das sogenannte Korrespondenzbankgeschäft. Doch nun entstehen Systeme, die mehrere Währungen einbeziehen und abwickeln können – innerhalb eines Landes oder zwischen einer Vielzahl von Ländern.

Was nun das Geld an sich betrifft, so ist es gemäß Lehrbuch durch das definiert, was es tut – also durch seine Funktionen als Zahlungsmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel. Aber Geld ist nicht gleich Geld. Bargeld ist öffentliches Geld, das von der Zentralbank ausgegeben wird. Wenn jedoch Einkäufe mit Kredit- oder Debitkarte getätigt werden oder, was immer häufiger geschieht, mit dem Handy, dann wird privates Geld verwendet. Dabei handelt es sich um Verbindlichkeiten einer Geschäftsbank, in einigen Ländern zunehmend auch um Verbindlichkeiten einer Telefongesellschaft oder eines Technologiekonzerns.

Diese Abgrenzung ist wichtig in der Debatte über digitales Zentralbankgeld. Hier geht es nämlich im Kern nicht um Bequemlichkeit und Digitalisierung. Bequeme digitale Zahlungsoptionen gibt es ja schon. Viele Menschen nutzen bargeldlose Systeme über ihr Handy und bezahlen bereits mit privatem Geld. Modernste Technologie kommt hier also schon zum Einsatz.

Teilweise geht es in der Debatte über digitales Zentralbankgeld auch um die abnehmende Verwendung von Bargeld und was Zentralbanken tun sollten. In einigen Ländern ist die Nachfrage nach Bargeld rapide gesunken, weil Konsumenten und Einzelhändler die neuen elektronischen Zahlungsmöglichkeiten rege nutzen. In Schweden und Dänemark etwa wird Bargeld in Geschäften und Restaurants immer weniger akzeptiert. Mobile Zahlungsmöglichkeiten mit sofortiger Ausführung werden zusehends beliebter. Für bestimmte Gesellschaftsgruppen könnte es jedoch immer schwieriger werden, ihre alltäglichen Zahlungen zu tätigen.

In den meisten Ländern ist die Nachfrage nach Bargeld allerdings nach wie vor hoch. Das im Umlauf befindliche Bargeld hat in den vergangenen zehn Jahren sogar zugenommen, parallel zu den elektronischen Zahlungen. In Deutschland wird einer Studie der Bundesbank zufolge fast die Hälfte aller Güter und Dienstleistungen nach wie vor mit Bargeld bezahlt, auch wenn für alltägliche Einkäufe Kartenzahlungen etwas häufiger geworden sind. Konsumenten vertrauen dem Bargeld und schätzen seine einfache Handhabung. Sie erachten es als nützlich, um ihren Kindern den Umgang mit Geld beizubringen, sie schätzen es, weil es ihnen die Kontrolle über ihre Finanzen ermöglicht, und sie sorgen sich, dass insbesondere ältere Menschen in einer Welt ohne Bargeld nicht zurechtkämen. Auf kurze Sicht gibt es keinen dringenden Grund, Bargeld zu ersetzen. Dies könnte sich jedoch irgendwann ändern, und die Zentralbanken wollen für diesen Fall gerüstet sein.

Letztes Jahr gaben zwei bei der BIZ ansässige Zentralbankausschüsse einen Bericht heraus, in dem zwei wesentliche Arten von digitalem Zentralbankgeld unterschieden wurden: eine Variante, die Finanzinstituten vorbehalten wäre, und eine Variante für die Allgemeinheit. Beide Varianten von digitalem Zentralbankgeld könnten entweder auf Werteinheiten (Tokens) oder auf Konten basieren.

Bei einer digitalen Währung für die Allgemeinheit wäre denkbar, dass jede Bürgerin und jeder Bürger ein Konto bei der Deutschen Bundesbank als Mitglied des Eurosystems eröffnen könnte. Auf diese Weise könnten sowohl Konsumenten als auch Unternehmen Zentralbankgeld verwenden, um Zahlungen elektronisch zu tätigen. Denkbar wären aber auch direkte Einlagen bei der Zentralbank, wobei die Zentralbank selbst den Inhabern Debitkarten für Zahlungen zur Verfügung stellen würde.

Aus technischer Sicht wäre digitales Zentralbankgeld – wenn es denn die Eigenschaften von Bargeld besitzen soll – leichter mit Tokens als mit Konten zu realisieren. Werteinheiten wurden in der Geschichte des Geldes immer wieder verwendet und reichen von Steinen und Muscheln bis zu Zigaretten. Doch die Technologie, die digitalen Tokens zugrunde liegt, ist noch wenig erprobt. Dagegen ist die Technologie für kontobasiertes digitales Zentralbankgeld seit Jahrzehnten bekannt. Bisher haben Zentralbanken darauf verzichtet, der breiten Öffentlichkeit Einlagekonten anzubieten. Weshalb nicht? Die Antwort hängt mit einem weiteren wichtigen Thema der Debatte über digitales Zentralbankgeld zusammen: den Auswirkungen auf das Finanzsystem.

Gegenwärtig besteht das Finanzsystem aus zwei Ebenen: dem kundenorientierten Bankensystem einerseits, und der Zentralbank andererseits. Diese beiden Ebenen sind miteinander verbunden. Wenn der Kunde einer Bank in einem Laden einkauft, zieht die Bank den entsprechenden Geldbetrag vom Konto des Kunden ab und schreibt ihn auf dem Konto des Ladens gut. Wenn Kunde und Laden ihr Konto bei unterschiedlichen Banken haben, wickeln diese beiden Banken die Zahlung über die Zentralbank ab. Beide Banken halten bei der Zentralbank ein Abwicklungskonto, auf dem der Geldbetrag belastet bzw. gutgeschrieben wird.

Diese Abwicklungskonten sind derzeit die einzige Form von elektronischem Zentralbankgeld. Nur Geschäftsbanken sind berechtigt, solche Abwicklungskonten zu halten. Debattiert wird, ob diese Berechtigung auf andere Akteure ausgeweitet werden soll. Dabei sind verschiedene Aspekte zu betrachten.

Banken spielen eine wichtige Rolle als Anbieter von Finanzdienstleistungen für Privatpersonen und Unternehmen. Man stelle sich vor, dass die Bundesbank (oder auch die EZB) allen Bürgerinnen und Bürgern Einlagekonten anbieten würde und dass sie Debitkarten und mobile Zahlungs-Apps zur Verfügung stellen würde. Die Zentralbank wäre also im kundenorientierten Bankgeschäft tätig und würde somit neue Aufgaben übernehmen.

Sicherheit könnte ein wichtiger Grund für Geldeinlagen bei der Zentralbank sein. In Krisenzeiten würden Kunden ihr Geld eher bei der Zentralbank als bei Geschäftsbanken halten wollen. Geldeinlagen könnten zur Zentralbank verschoben werden, zunächst vielleicht nur vereinzelt. Doch irgendwann käme es womöglich zu einem Dammbruch – einer Flucht in den „sicheren Hafen“.

Wenn aber Kundengelder zur Zentralbank verschoben würden, müssten sich auch die Kredite verschieben. Die Zentralbank wäre also zusätzlich zum Einlagegeschäft und zum Zahlungsverkehr neu auch im Kreditgeschäft tätig. Sie würde mit Unternehmern in Kontakt treten, müsste sie zu ihrem Kreditbegehren befragen und über die angemessene Kredithöhe entscheiden. Eine weitere neue Aufgabe.

Ist das das Finanzsystem, das wir gerne hätten? Dieses Gedankenexperiment geht vielleicht etwas zu weit. Die Zentralbank könnte natürlich auch auf eine Beteiligung am Kreditgeschäft verzichten, wenn sie ihre Kundeneinlagen an die Geschäftsbanken weitergeben und eigene Konten bei ihnen eröffnen würde. Faktisch würde die Zentralbank den Geschäftsbanken dann Geld leihen, mit dem diese ihren Kunden Kredit gewähren könnten.

Im Grunde geht es hier also um die Frage der Aufgabenverteilung zwischen Geschäfts- und Zentralbanken. Die Zentralbank ist eine öffentliche Institution mit dem Mandat, dafür zu sorgen, dass die Inflation unter Kontrolle ist, die Wirtschaft reibungslos funktioniert und das Finanzsystem solide ist. Geschäftsbanken wiederum sind private Unternehmen, deren Geschäftszweck es ist, Kunden zu gewinnen und deren Bedürfnisse zu erfüllen. Gewinne zu erwirtschaften ist für sie ganz wesentlich. Geschäftsbanken haben tendenziell aber auch mehr Mitarbeiter, da die Betreuung der Kunden ressourcenintensiv ist.

In der Geschichte gibt es diverse Beispiele von Finanzsystemen mit nur einer einzigen Ebene, in denen die Zentralbank alle Aufgaben übernahm. So war in den sozialistischen Ländern vor dem Fall der Mauer die Zentralbank zugleich eine Geschäftsbank. Man kann allerdings schwerlich behaupten, dass dieses System ein Vorbild für besseren Kundendienst gewesen wäre. Ein weniger extremes Beispiel in vielen Volkswirtschaften sind Banken mit Staatsbeteiligung, die ihrerseits nicht unbedingt ein Musterbeispiel für effiziente Kapitalallokation oder guten Kundenservice sind.

Digitales Zentralbankgeld, das auf Tokens statt auf Konten basiert, dürfte weniger anfällig für eine solche strukturelle Verschiebung zulasten des Geschäftsbankensektors sein, da sich die ausstehende Geldmenge festlegen lässt. Allerdings stellt sich dann die Frage, ob der Wert der digitalen Tokens eine Prämie gegenüber Geschäftsbankeinlagen aufweisen würden. Und ob eine solche Prämie in Krisenzeiten und mit sich verändernden Finanzierungsbedingungen schwanken würde. Höhere Zinssätze für Geschäftsbankeinlagen dürften in ruhigen Zeiten ausreichen, um die Einlagen zu halten. Doch es ist ungewiss, ob dies auch in turbulenten Phasen der Fall wäre, wenn die oben erwähnte unvermeidliche Flucht in den „sicheren Hafen“ einsetzt.

Die Geschichte hat gezeigt, dass in Krisenzeiten Geld von vermeintlich risikoreichen Banken zu sichereren Banken verschoben wird. Geld fließt beispielsweise von privaten Banken zu staatseigenen Banken, in aufstrebenden Volkswirtschaften auch von inländischen zu ausländischen Banken, und ganz allgemein von Banken mit schwächerer Kapitalausstattung zu gut kapitalisierten Banken. Wenn nun in einem solchen Szenario die Einleger zudem die Wahl hätten, ihr Geld in digitaler Währung einer Zentralbank oder direkt auf einem Einlagekonto bei der Zentralbank anzulegen, könnte sich eine Prämie herausbilden. Konkret würde eine Geschäftsbankeinlage im Wert von einem Euro in digitales Zentralbankgeld im Wert von weniger als einem Euro umgewandelt.

Schließlich – und dies ist ein Kernthema der gegenwärtigen Debatte – würde die Einführung von digitalem Zentralbankgeld auch das Umfeld verändern, in dem die Zentralbanken ihre Geldpolitik durchführen. Geldpolitik ist das wichtigste Instrument, mit dem die Zentralbanken die Wirtschaft beeinflussen können. Die grundlegenden Mechanismen blieben dieselben: Die Zentralbank würde nach wie vor ihre Bilanz einsetzen, um die kurzfristigen Zinssätze zu steuern. Doch wenn eine Zentralbank eine digitale Währung ausgäbe, würden sich die Geldnachfrage und ihre Zusammensetzung auf unvorhersehbare Weise verändern. Womöglich würde die Geldnachfrage auch anders auf Veränderungen der Zinssätze reagieren.

Zudem würde eine rege Nachfrage nach digitalem Zentralbankgeld quasi automatisch zu einer Ausweitung der Zentralbankbilanz führen. Die Zentralbank müsste in dem Fall wohl zusätzliche Aktiva halten, beispielsweise Staatsanleihen, Forderungen an Geschäftsbanken oder internationale Währungsreserven. Der Erwerb solcher Aktiva könnte zu Störungen an Schlüsselmärkten oder zu einem Versiegen der Liquidität führen. Zumindest in einer Übergangsphase könnten diese Veränderungen die Art und Weise, wie die Geldpolitik die Wirtschaft beeinflusst, komplett auf den Kopf stellen. Zentralbanken nehmen dies nicht auf die leichte Schulter.

Im vergangenen Jahr befragte der bei der BIZ angesiedelte Ausschuss für Zahlungsverkehr und Marktinfrastrukturen (CPMI) Zentralbanken zum Thema digitale Währungen. Mehr als 60 Zentralbanken in Ländern, die zusammen 80% der Weltbevölkerung ausmachen, nahmen an der Umfrage teil. 70% von ihnen gaben an, sich mit dem Thema digitaler Währungen zu beschäftigen. Zumeist werden Varianten sowohl für den Interbankmarkt als auch für die Allgemeinheit ins Auge gefasst.

Nur ungefähr die Hälfte der Zentralbanken führt jedoch konkrete Tests durch und nimmt eine konzeptionelle Prüfung der Vorteile, Risiken und Herausforderungen bei der Ausgabe einer digitalen Währung vor. Und lediglich eine Handvoll experimentiert im Rahmen von Machbarkeitsstudien oder Pilotprojekten mit verschiedenen möglichen Technologien.

Wenn man noch einen Schritt weiter geht und die Zentralbanken fragt, ob sie die Absicht haben, eine digitale Währung auszugeben, ist das Ergebnis recht aufschlussreich. Ganz wenige Zentralbanken rechnen damit, kurz- bis mittelfristig diesen Weg zu beschreiten, ob es sich nun um eine digitale Währung für den Interbankmarkt oder für die Allgemeinheit handelt. Forschungsarbeiten und Versuche haben bisher keine überzeugenden Argumente geliefert. Insgesamt sehen Zentralbanken derzeit also keinen Vorteil darin, sich in unerforschtes Terrain vorzuwagen.

Die Zentralbanken beherzigen das Sprichwort „Zuerst wägen, dann wagen“. Sie gehen behutsam vor und prüfen sorgfältig alle relevanten Aspekte. Wenn nötig, hissen sie die Warnflagge. Zentralbanken sind sehr offen für Innovationen. In den wenigen Fällen, in denen sie auf das Bremspedal treten, geschieht dies aus gutem Grund. Sie müssen sicherstellen, dass Innovationen der Wirtschaft, den Unternehmen, den Bürgerinnen und Bürger und der Gesellschaft als Ganzes zu Gute kommen. Und das ist es, was sie derzeit tun.

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