"Bargeld bleibt bestehen" Interview mit der Süddeutsche Zeitung

Das Interview führte Markus Zydra.

Reden wir über Geld, Burkhard Balz. Wie bezahlen Sie persönlich am liebsten – in bar oder mit Karte?

Wie bei den meisten ist auch mein Zahlungsmittel der Wahl von der Situation abhängig. Ich zahle mittlerweile häufig mit Karte oder Smartphone. Das ist sehr bequem und geht schnell. Aber ich greife auch nach wie vor zum Bargeld. Ich habe immer ein paar Euro als „Vorsichtskasse“ in meinem Portemonnaie, denn eine Bargeldzahlung funktioniert eigentlich immer und ist nicht von Strom, Zusatzgeräten oder einer Internetverbindung abhängig.

Die EZB möchte den digitalen Euro einführen. Würden Sie den dann auch benutzen?

Zunächst muss erst noch die Entscheidung für den Euroraum getroffen werden. Wenn der digitale Euro dann kommt, werde ich ihn sicherlich auch nutzen. Spannend finde ich zudem die Diskussion, wie das digitale Portemonnaie aussehen wird. Da gibt es viele kreative Möglichkeiten, etwa in Form von smarten Uhren oder Armbändern oder auch Smartphones. Aber da ist dann auch der Markt gefragt.

Die Bahamas haben schon digitales Bargeld, den Sand-Dollar. Sollte uns das zu denken geben?

Nein, das muss es nicht. Ich fand es eher sympathisch, dass die Bahamas vorneweggelaufen sind. Wir haben das interessiert beobachtet. Aber es ist auch so, dass die Bahamas in der Weltwirtschaft eine überschaubare Rolle spielen.

Sand-Dollar klingt cool. Wie nennen Sie das Geld der Zukunft?

Wir sagen „digitaler Euro“. Oder noch kürzer: der „Digital Euro“. Wenn ich mir etwas zu dem Thema notiere, kürze ich es immer mit „D “ ab. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird es vermutlich einfach beim Begriff „Euro“ bleiben. Auch bei der digitalen Währungsvariante baut man auf das Vertrauen der Menschen in die Währung insgesamt.

Ist der digitale Euro für Verbraucher gedacht, die keine Lust mehr haben auf Bargeld?

Bürger und Unternehmen könnten den digitalen Euro in nahezu allen Bereichen einsetzen. Mit klassischem Bargeld kann man im Internet eigentlich nicht bezahlen, auch bei Zahlungen zwischen Einzelpersonen über Ländergrenzen hinweg ist Bargeld keine geeignete Alternative. Der digitale Euro sollte diese Vorteile gegenüber dem Status quo bieten.

In welchen Situationen würden Sie zum digitalen Euro greifen – und wann weiterhin zum Schein oder zur Karte?

Das kommt natürlich auch auf die Ausgestaltung an. Darüber diskutieren wir derzeit intensiv im Eurosystem. Ich würde mich freuen, wenn der digitale Euro so einfach zu nutzen wäre, dass ich gar nicht darüber nachdenken müsste, wie ich bezahle, sondern einfach bequem zu meinem Smartphone oder einem anderen Endgerät greife. Ich bin mir aber auch sicher: Die tatsächliche Nutzung wird sich nicht genau so entwickeln, wie man es sich vorstellt. Das war im Bereich von Innovationen schon immer so. Um den digitalen Euro bildet sich hoffentlich ein aktives Ökosystem, das neue Lösungen entwickelt, an die wir heute noch gar nicht denken, und einen Mehrwert für Nutzer schafft.

Die Menschen bezahlen seit Ewigkeiten in bar oder mit Karte, und das funktioniert sehr gut. Wozu dann das digitale Bargeld?

Wir leben in einer Welt, die immer digitaler wird, und den Geldbereich kann man da nicht ausnehmen. Deshalb ist es wichtig, sich mit diesem Schritt auseinanderzusetzen. Eine Mehrheit von Zentralbanken weltweit tut das. Für mich ist entscheidend, dass das Vertrauen der Menschen in klassisches Bargeld auch auf eine digitale Variante des Euro übertragen werden könnte. Der digitale Euro wäre ein Angebot der Zentralbank an die Bürger, Zentralbankgeld nicht nur physisch aus dem Portemonnaie, sondern auch über digitale Kanäle verwenden zu können.

Aber warum sollte der Kunde überhaupt mit digitalem Bargeld bezahlen? Er könnte die Rechnung doch wie heute üblich via Paypal über das Girokonto begleichen.

Paypal ist als Zahlungsdienstleister zwischengeschaltet. Dieser Umweg könnte dem Kunden mit einem digitalen Euro erspart bleiben.

Welche Vorteile gäbe es darüber hinaus?

In der digitalen Welt basieren viele kommerzielle Geschäftsmodelle auf der Nutzung persönlicher Daten. Hier könnten Zentralbanken zum Beispiel in puncto Privatsphäre einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten und klare Zugriffsregeln gewährleisten. Der entscheidende Vorteil ist: Es handelt sich wie beim herkömmlichen Geldschein um Zentralbankgeld, das per Definition ausfallsicher ist.

Und wenn kriminelle Hacker den digitalen Bargeldtresor der EZB ausräumen?

Cyberangriffe sind ein wichtiges Thema in einer zunehmend digitalen Welt. Das gilt nicht nur für den Zahlungsverkehr. Aber natürlich müssen wir ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleisten, um Angriffe auf die digitale Infrastruktur zu verhindern. Der digitale Tresor muss mindestens so sicher sein wie der physische heute.

In Krisenzeiten könnten Kunden ihre Girokonten künftig per Mausklick leerräumen und das Geld in den sicheren Bunker der EZB überweisen. Was passiert dann mit den Banken?

Wir haben zu Beginn der Covid-Pandemie im März 2020 gesehen, dass die Bargeldabhebungen in Deutschland massiv angestiegen sind. Die Menschen wollten sich in dieser Situation bevorraten. Mit digitalem Bargeld funktioniert das natürlich viel schneller. Doch wir möchten mit der Einführung des digitalen Euro ja keinen Bankenansturm auslösen, der das Bankensystem aushebeln und die Finanzstabilität gefährden würde.

Wie soll dieser Effekt vermieden werden?

Es gibt da verschiedene Ideen. Man könnte eine Obergrenze für den Besitz von digitalem Zentralbankgeld einziehen oder Zinsmodelle entwickeln, die ab einer bestimmten Summe unattraktiv für die Bürger wirken. Aber auch da ist noch keine Entscheidung getroffen worden. Wenn der digitale Euro kommt, muss er so ausgestaltet sein, dass er einen Nutzen stiftet und zugleich die potenziellen Risiken unter Kontrolle bleiben.

Wie oft hören Sie in Deutschland den Vorwurf, der digitale Euro sei der Einstieg in die Abschaffung des klassischen Bargelds?

Oft, und ich antworte immer gleich: Das Bargeld bleibt bestehen. Wir sprechen beim digitalen Euro über eine dritte Zahlungsvariante neben der klassischen Barzahlung und dem Geschäftsbankengeld. Es soll also eine zusätzliche Option für den Nutzer geschaffen werden und nicht etwa eine ersetzt werden. Eine besondere Herausforderung ist dabei, dass die Zentralbanken eine Balance schaffen müssen: zwischen dem Recht des Einzelnen auf Privatsphäre und dem öffentlichen Interesse, die Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zu bekämpfen.

Die EZB wird klassisches Bargeld bereitstellen, solange es auch nur ein einziger Bürger nachfragt?

Die Anteile im Zahlungsverkehr werden sich weiter zu Lasten des klassischen Bargelds verschieben. Ich sehe aber nicht, dass wir in einen Bereich kommen, in dem Bargeld gar nicht mehr nachgefragt wird. Viele Menschen bezahlen gerne bis zu einem bestimmten Betrag in bar und erst darüber hinaus mit ihrer Giro- oder Kreditkarte. Diese Gewohnheit sitzt ganz tief. Andere nutzen Bargeld, um ihre Privatsphäre zu schützen, oder sie halten eine eiserne Reserve zuhause im Tresor oder unter der Matratze. Das Bargeld wird eine Zukunft haben, wenn auch mit weniger Volumen.

Für die junge Generation ist Bargeld unterm Kissen ein verblasster Mythos.

Das Thema ist eine Generationenfrage. Mein Vater mit 80 Jahren sieht es anders als mein Sohn mit 19 Jahren. Die Jüngeren bezahlen heute Kleinstbeträge kontaktlos oder auf jeden Fall unbar. Selbst wenn jemand ein Getränk für 99 Cent kauft, wird mit Karte oder Smartphone bezahlt. Das würden Ältere wohl eher nicht tun. Gleichzeitig funktioniert Bargeld gut als Geschenk: Wenn mein Sohn seinen Großvater besucht, dann freut er sich über einen Bargeldschein, selbst wenn er sonst alles digital abwickelt.

Und das Taschengeld für die Kinder – das gibt es dann auch in digital-bar?

Mein Sohn ist ja schon 19. Bis der digitale Euro kommt, braucht er hoffentlich kein Taschengeld mehr. Der digitale Euro ist vielleicht ein guter Weg, um unseren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalem Geld nahezubringen. Am Ende sollen aber die Eltern entscheiden, wie sie ihren Kindern Taschengeld geben – bar oder digital.

Besteht nicht die Gefahr, dass Menschen die Beziehung zum Geld verlieren und in die Schuldenfalle rutschen, wenn es immer seltener als Schein im Geldbeutel steckt und immer häufiger nur noch eine theoretische Größe ist?

Das denke ich nicht. Schon heute liegt das meiste Geld auf Bankkonten und steckt nicht im Portemonnaie. Die Gründe für eine etwaige Überschuldung sind sehr vielschichtig. Aber in der Tat müssen wir mehr in Bildung, auch in finanzielle Bildung, investieren. Gerade die Generation der sogenannten Digital Natives muss frühzeitig lernen, dass die digitale Welt ganz reale Auswirkungen hat.

Hat der Bundestag ein Mitspracherecht bei der Einführung des digitalen Euro? Muss ein Gesetz geändert werden?

Grundsätzlich kann das Eurosystem eine digitale Variante des Euro herausgeben. Man sollte diesen Schritt aber nicht ohne das Plazet der Politik gehen. Ich denke, hier sollten das EU-Parlament und der EU-Ministerrat ihr Votum abgeben.

Ist das Interesse an digitalen Währungen auch Ausdruck eines globalen Machtkampfes? Möchte China ganz vorne sein, um den Dollar und den Euro abzuhängen?

Die internationale Rolle von Währungen ist ein Aspekt. Nehmen wir China. Wenn es künftig als digitales Zentralbankgeld nur den digitalen Yuan gäbe und dieser auch außerhalb Chinas nutzbar wäre, dann könnte es attraktiver werden, die Währung aus China für internationale Zahlungstransaktionen zu verwenden. Allerdings hängt die Rolle der eigenen Währung von zahlreichen weiteren Einflüssen ab. Europa braucht eine europäische Lösung, die den hiesigen Bedarf abdeckt und an die hiesigen Bedingungen angepasst ist.

Auch die Zahlungsdienstleister Paypal, Facebook, Apple Pay oder Alipay sind Konkurrenten Europas?

Wir Europäer möchten nicht, dass einzelne Zahlungsdienstleister aus dem Ausland unseren Zahlungsverkehr dominieren. Für viele geht es um die künftige europäische Souveränität, mit eigenen Mitteln und digitaler Währung eine attraktive Zahlungsvariante anzubieten. Das ist auch ein Aspekt des digitalen Euro.

Warum war Facebook mit der nun verworfenen Idee, das Stablecoin Libra zu entwickeln so gefährlich für den globalen Zahlungsverkehr?

Facebook hat 2,8 Milliarden Nutzer. Hätten diese Nutzer plötzlich ihre Zahlungen über Libra abgewickelt, wäre Libra über Nacht zu einem Global Player geworden, mit besonderen Herausforderungen für die Regulierung und die Geldpolitik. Besonders Schwellenländer wären gefährdet gewesen, womöglich hätte Libra die dortigen staatlichen Währungen verdrängt.

Die geplante Einführung des digitalen Euro nährt die Furcht vor dem Überwachungsstaat. Man könnte den digitalen Euro so programmieren, dass man damit Bahntickets, nicht aber Flugtickets kaufen kann.

Die Umfrage des Eurosystems hat gezeigt, dass bei der Einführung des digitalen Euro den Bürgern das Thema Privatsphäre überragend wichtig ist. Wir erhielten mehr als 8000 Zusendungen, knapp die Hälfte davon aus Deutschland, die vor allem den Datenschutz betonten. Technisch ist vieles möglich, aber am Ende zählt das Vertrauen der Bürger in die Währung. Deshalb werden wir vieles, was technisch möglich wäre, nicht umsetzen. Geld, insbesondere Zentralbankgeld, muss universell verwendbar bleiben.

Aber was ist, wenn sich die politische Landschaft in der Eurozone ändert, wenn Regierungen plötzlich den digitalen Euro nutzen möchten für den Ausbau eines Überwachungsstaates? 

Der digitale Euro würde nicht von den Regierungen, sondern vom Eurosystem herausgegeben – als innovatives Zahlungsmittel. Die Nutzung jeglichen Zahlungsmittels für generelle staatliche Überwachungszwecke wäre schon mit der EU-Grundrechtecharta nicht vereinbar. Ich war lange als EU-Parlamentarier in Brüssel tätig und kann mir eine solche Entwicklung nicht vorstellen. Diese Gefahr sehe ich also als sehr gering an.

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