„Bargeld ist geprägte Freiheit“ Interview in Rheinische Post

Das Gespräch mit Burkhard Balz führte Antje Höning.

Herr Balz, Sie sind im Bundesbank-Vorstand für den Zahlungsverkehr zuständig. Wie bezahlen Sie beim Bäcker?

Wann immer es geht, zahle ich mit Karte, auch beim Bäcker. Durch die Pandemie haben Karten-Zahlungen an der Ladenkasse weiter an Bedeutung gewonnen. Mit Bargeld wurde hingegen seltener gezahlt.

Aber die Deutschen hängen wie kaum ein anderes Volk am Bargeld.

In der Tat. 60 Prozent der alltäglichen Transaktionen, die in Deutschland getätigt werden, werden immer noch bar bezahlt. Schaut man auf die Umsätze, sind es allerdings nur noch ein Drittel. Die Art der Bezahlung ist zum Teil auch eine Generationenfrage. Junge Menschen zahlen überwiegend unbar.

Wird das Bargeld irgendwann verschwinden?

Bargeld wird nicht verschwinden. Die Bundesbank wird Banknoten zur Verfügung stellen, solange die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland es wünschen. Bargeld ist geprägte Freiheit, die geben wir nicht auf. Und es hat wichtige Eigenschaften wie Anonymität.

Die Europäische Zentralbank (EZB) prüft derzeit, einen digitalen Euro einzuführen. Was ist da anders als bei der Kartenzahlung?

Das Geld auf Ihrem Girokonto, von dem Ihre Kartenzahlungen abgehen, ist eine Forderung gegenüber Ihrer Bank. Mit dem digitalen Euro hingegen haben Sie eine Forderung direkt gegen das Eurosystem. Das bedeutet eine ebenso hohe Ausfallsicherheit wie beim Bargeld. Der digitale Euro soll für alle Privatpersonen einfach zugänglich sein und vor allem einheitlich in Europa verwendet werden können – egal, ob sie in Düsseldorf oder Dublin einkaufen.

Wozu brauchen wir den digitalen Euro?

Immer mehr private Unternehmen führen ihre eigenen Bezahlformen ein. Als Zentralbank dürfen wir uns nicht von diesen Unternehmen verdrängen lassen. Zugleich wird die Welt digitaler, wir wollen den Verbraucherinnen und Verbrauchern eine sichere digitale Währung bieten.

Sind Bitcoins nicht sicher?

Bitcoins sind private Wertmarken. Wie andere solcher Krypto-Token sind sie aus meiner Sicht vor allem ein Spekulationsobjekt. Das sieht man auch an den kräftigen Kursbewegungen. Und es gibt keine Bank oder Zentralbank, die einen Umtausch in Euro oder Dollar garantiert.

Dennoch gewinnen Bitcoins zunehmend an Popularität

Noch spielen Bitcoins im Zahlungsverkehr keine große Rolle. Sie beruhen auf einem technischen Protokoll. Demnach kann höchstens eine Summe von 21 Millionen Token ausgegeben werden. Derzeit werden täglich rund 270.000 Transaktionen gezählt – auf der ganzen Welt. Zum Vergleich: Allein in Deutschland kommen wir pro Tag auf 71 Millionen Zahlungen in Euro.

Wann kommt der digitale Euro?

In einer zweijährigen Untersuchungsphase wollen wir herausfinden, wie der digitale Euro genau aussehen könnte. Dann wird der EZB-Rat entscheiden. Stimmt er der Einführung zu, könnte der digitale Euro vielleicht nach einer dreijährigen Implementierungsphase im Herbst 2026 kommen. Er ist ein Jahrhundert-Projekt - ähnlich wie die Einführung von Banknoten in Europa vor 350 Jahren.

Brauchen wir dann überhaupt noch Banken und Sparkassen?

Unbedingt. Die Forderung der Kundinnen und Kunden besteht zwar gegen die Zentralbank, doch Banken haben die Geschäftsbeziehungen zu Firmen und Verbraucherinnen und Verbrauchern. Daran wollen wir nicht rütteln. Damit die Geldinstitute nicht ausbluten, könnte es einen Schwellenwert geben. So wird diskutiert, ob nicht die Bürgerinnen und Bürger zunächst jeweils maximal 3000 Euro in digitalem Euro halten könnten.

Wie gefährlich sind private Währungen für die Kontrolle der EZB über Geldmenge und Preisstabilität?

Eine weitreichende Ersetzung der staatlichen Währung durch private Geldformen könnte die Fähigkeit der Zentralbank beeinträchtigen, ihr geldpolitisches Mandat zu erfüllen. Anfällig für Währungssubstitution sind aber vor allem Volkswirtschaften mit instabilen Währungen oder unterentwickelten Zahlungssystemen. Das ist im Euroraum nicht der Fall.

Derzeit steigen die Preise. Kehrt die Inflation zurück?

Zum ersten Mal seit langer Zeit sehen wir wieder hohe Preissteigerungsraten. Die Bundesbank hält zum Jahresende Raten über fünf Prozent für möglich. Doch im kommenden Jahr dürfte die Teuerung wieder nachlassen.

Warum?

Beim aktuellen Anstieg spielen zum einen Sondereffekte eine Rolle, die mit Sicherheit auslaufen werden. So waren vor einem Jahr viele Preise durch die Senkung der Mehrwertsteuer zeitweise sehr niedrig. Zum anderen geht der Anstieg auf hohe Energiepreise und die angespannten Lieferketten zurück. Diese Einflüsse sollten ebenfalls vorübergehen. Wir müssen allerdings die Entwicklungen genau beobachten und auf die Risiken beim Preisausblick achten.

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