"Das Bargeld wird nicht abgeschafft" Interview mit der FAZ

23.10.2020 | Burkhard Balz EN

Das Interview führte Christian Siedenbiedel.

Herr Balz, macht die EZB jetzt Ernst mit dem digitalen Euro?

Wir befinden uns im Eurosystem in einer Analysephase. Eine Entscheidung, ob wir einen digitalen Euro einführen, ist nicht getroffen. Aber wir tun alles dafür, um alle potentiellen Auswirkungen zu verstehen und gut vorbereitet zu sein.

Was ist das denn überhaupt, ein digitaler Euro?

Eine Form von digitalem Geld. Bislang gibt es für Verbraucher elektronisches Geld, das bei Banken auf den Girokonten geführt wird. Und es gibt Zentralbankgeld in Form von Bargeld. Der digitale Euro könnte eine Ergänzung sein: digitales Zentralbankgeld, das direkt auch von den Verbrauchern genutzt werden kann.

Einer unserer Leser meinte neulich, wenn die uns jetzt einen digitalen Euro andrehen wollen, dann bestimmt bald auch digitales Brot. Was hat der Verbraucher von einem digitalen Euro?

Für den Verbraucher steht beim digitalen Euro zunächst die Sicherheit im Vordergrund. Er hat Geld direkt von der Zentralbank. In einer Krise müsste er sich um die Stabilität seiner digitalen Euro keine Gedanken machen. Die garantiert direkt die Zentralbank. Außerdem könnte der digitale Euro die Digitalisierung fördern, Innovationen etwa für das Bezahlen im Internet der Dinge voranbringen und die Kosten senken. Je nach Ausgestaltung der Regeln könnte das dazu führen, dass kleinere Transaktionen mit dem digitalen Euro für Handel und Verbraucher billiger werden.

Wie kann man sich den digitalen Euro technisch vorstellen?

Wie gesagt: Es gibt bislang keine Entscheidung, ob der digitale Euro überhaupt kommt, und auch nicht über die technische Ausgestaltung. Vor allem zwei Varianten werden diskutiert: Entweder eine Konten-Lösung, bei der die digitalen Euro auf Konten der Zentralbank liegen. Oder eine Geldbörsen-Lösung, bei der die digitalen Euro auf dem Smartphone in einer Art Wallet abgespeichert werden, einem elektronischen Portemonnaie. Von dort aus könnte man sie dann zum Bezahlen nutzen.

Hat der digitale Euro Ähnlichkeiten mit Bitcoin? Zumindest als Zahlungsmittel werden die von vielen wegen der starken Kursschwankungen eher als abschreckendes Beispiel gesehen ...

Nein. Hinter dem digitalen Euro stünden die Währungsunion und die Zentralbanken des Eurosystems. Das ist der entscheidende Unterschied zu einem privaten Kryptoasset wie Bitcoin. Die Kurse dieser Kryptoassets sind sehr volatil, und dies wird auch von Spekulanten genutzt. Die EZB hingegen würde wie beim normalen Euro bislang auch alles tun, um die Geldwertstabilität zu garantieren.

Wie komme ich als Verbraucher überhaupt an den digitalen Euro, wenn der von der Zentralbank ausgegeben wird und nicht von meiner Bank?

Die Zentralbank würde den digitalen Euro zwar emittieren, für die Verteilung des digitalen Euros gäbe es aber für Verbraucher wohl die Möglichkeit, bestehende Bankguthaben oder Bargeld gegen digitale Euro umzutauschen. Es ist gut vorstellbar, dass er das über seine Bank oder Sparkasse macht - genauso wie er dort ja bisher auch Zentralbankgeld in Form von Bargeld erhält.

Was würde der digitale Euro für Deutschlands Banken bedeuten?

Der digitale Euro könnte weitreichende Folgen für unser Finanzsystem haben, vor allem weil er ein Substitut für Bankeinlagen sein könnte. Deswegen ist es bei den Plänen unter anderem wichtig, die Finanzstabilität im Auge zu behalten. So könnte in Krisen gerade die Sicherheit des digitalen Euros für die Verbraucher zu mehr Unsicherheit im Finanzsystem führen.

Warum - was passiert in einer Krise, wenn die Bürger wählen können zwischen elektronischem Bankengeld und Zentralbankgeld?

Die Gefahr wäre, dass viele Bürger ihr Geld bei den Banken in digitale Euro umtauschen wollen und dies möglicherweise auch noch in relativ kurzer Zeit. Das könnte die Stabilität des Finanzsystems gefährden.

Kann man das lösen?

Grundsätzlich ja. Was beispielsweise diskutiert wird, sind Obergrenzen für das Halten von digitalem Zentralbankgeld. Eine andere Möglichkeit sind sehr niedrige Zinssätze für digitale Euroguthaben jenseits eines bestimmten Grundbetrags. Das könnte Anreize schaffen, das Zentralbankgeld für den Zahlungsverkehr zu nutzen, aber nicht für die Wertaufbewahrung, also das Sparen. Andererseits könnte Druck entstehen, solche Grenzen aufzuweichen oder zu verschieben. Wir analysieren derzeit mögliche Konsequenzen für Finanzsystem und Volkswirtschaft und wie wir ihnen gegebenenfalls effektiv begegnen könnten.

In Studien der EZB ist die Rede davon, ab einer bestimmten Grenze könnten auf den digitalen Euro Negativzinsen fällig werden, damit er nicht zur Wertaufbewahrung genutzt wird. Ist der digitale Euro ein Weg, um Negativzinsen für alle einzuführen?

Diesen Eindruck sollten wir auf jeden Fall vermeiden. Sonst finden wir keine Akzeptanz für den digitalen Euro. Der Eindruck ist auch falsch, denn in diesen Studien geht es nicht um die Durchsetzung negativer Zinsen auf alle Guthaben, sondern darum, das Ausmaß der Umschichtungen von Bankeinlagen in digitales Zentralbankgeld über den Zins steuern zu können. Wenn das bei den Bürgern die Befürchtung weckt, dass der Nominalwert ihrer Guthaben nicht mehr sicher ist, können wir aus meiner Sicht festschreiben, dass für digitale Euros bis zu einer bestimmten Grenze keine Negativzinsen zulässig sind. Vielleicht würde das die Befürchtungen etwas dämpfen.

Wird der digitale Euro das Bargeld denn irgendwann mal ersetzen?

Was auf lange Sicht sein wird, weiß niemand. Zunächst soll der digitale Euro eine Ergänzung der bestehenden Möglichkeiten des Bezahlens sein. Das Bargeld wird dafür nicht abgeschafft - darüber herrscht im Eurosystem große Einigkeit. Ich würde es für wahrscheinlich halten, dass der Anteil des unbaren Zahlens in Zukunft zunehmen wird, aber das Bargeld trotzdem weiter bestehen bleibt.

Kann der digitale Euro das bieten, was die Bürger am Bargeld schätzen - die Anonymität, die Unkontrolliertheit, die Freiheit?

Wenn der digitale Euro akzeptiert wird, nicht nur von den Bürgern, sondern auch von Geschäften und anderen Unternehmen, dann bringt er mehr Wahlfreiheit im Zahlungsverkehr. Hinsichtlich der Anonymität ist es wichtig, für den nötigen Datenschutz der Bürger zu sorgen - aber auch, wie beim Bargeld, die missbräuchliche Nutzung etwa für Geldwäsche oder andere kriminelle Aktivitäten so weit wie möglich zu vermeiden.

Etwas provozierend gefragt: Kann ich damit auch mal was bezahlen, ohne dass es das Finanzamt merkt?

Der steuerehrliche Bürger wird damit kein Problem haben.

Wie lange wird es denn realistischerweise dauern, bis der digitale Euro tatsächlich im Einsatz ist?

Noch mal: Wir haben noch keine Entscheidung getroffen. Alle arbeiten aber mit Hochdruck an dem Thema. In China wird der digitale Yuan jetzt in vier Regionen getestet. Dort könnte es im nächsten Jahr schon in der Fläche losgehen. Das werden wir in unsere Analysen im Eurosystem mit einbeziehen.

Kann man irgendwas aus den internen Tests der EZB berichten, die vergangene Woche begonnen haben?

Dort geht es gerade darum, Ideen auszutesten, wie der digitale Euro auch technisch umgesetzt werden könnte. Da wird experimentiert und noch nicht wirklich programmiert. Aber man schaut gerade, welche der nationalen Notenbanken der Währungsunion schon welche Erfahrungen haben.

Wer würde sich denn wohl bei den Notenbanken um den digitalen Euro kümmern? Die Bundesbank, so wie beim Bargeld, oder die EZB selbst als zentrale Institution?

Diese Frage steht im Moment noch nicht im Vordergrund. Wir könnten uns aber gut vorstellen, dass man es so ähnlich macht wie beim Bargeld.

Gibt es Zeitdruck, den digitalen Euro einzuführen, weil China, Schweden oder auch Facebook sonst womöglich mit ihren Modellen schneller sind?

Ja, das sehe ich schon. Wenn beispielsweise China eine digitale Währung einführt, geraten auch die Vereinigten Staaten unter Druck, etwas Vergleichbares mit dem Dollar zu machen, um dessen internationale Stellung zu sichern. Und das würde auch den Handlungsdruck für das Eurosystem erhöhen. Ich würde aber unterschreiben, was der amerikanische Notenbankchef Jerome Powell unlängst gesagt hat: Sicherheit geht in dieser Frage über Geschwindigkeit.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv