„Das Finanzsystem wird verwundbarer“ Interview mit dem Handelsblatt

03.02.2020 | Claudia Buch EN

Das Gespräch mit Claudia Buch führten Jan Mallien und Frank Wiebe

Frau Buch, heute scheint es fast so, als hätten wir ewig niedrige Zinsen. Wie gefährlich ist das für das Finanzsystem?

Dass die Zinsen ewig niedrig bleiben, glaube ich nicht. Ganz generell spiegeln sich in den Zinsen viele Faktoren wie die demografische Entwicklung und die Produktivität wider. Aber aktuell bauen sich weiterhin Verwundbarkeiten im Finanzsystem auf.

Wo genau brennt es?

Es brennt nicht. Aber wir haben jetzt zehn wirtschaftlich sehr gute Jahre gehabt – auch wegen der günstigen Finanzierungsbedingungen. Es haben sich zyklische Risiken aufgebaut: Kreditrisiken können tendenziell unterschätzt und Vermögenswerte, etwa am Immobilienmarkt, überschätzt werden.

Wo genau landen diese Risiken?

Insgesamt hat sich die Bonität der Unternehmen verbessert. Es zeigt sich dabei eine gewisse Tendenz, dass die guten Unternehmen weniger auf die Finanzierung über Banken angewiesen sind. Damit finanzieren sich die – relativ gesehen – schwächeren Unternehmen eher bei den Banken.

Was könnte eine Krise auslösen?

Ein scharfer Einbruch der Konjunktur oder ein abrupter Zinsanstieg, wenn zum Beispiel die Risikoprämien auf den Märkten steigen.

Wie kann man die Sicherheit erhöhen?

Der Ausschuss für Finanzstabilität, in dem das Bundesfinanzministerium, die Bundesbank und die Finanzaufsicht (Bafin) vertreten sind, hat im letzten Jahr empfohlen, den sogenannten antizyklischen Kapitalpuffer von null auf ein viertel Prozent zu erhöhen. Dieser Kapitalpuffer wirkt präventiv: Er kann in einer Stressphase herabgesetzt werden, um einen Rückgang der Kreditvergabe abzubremsen.

Und das ist ausgerechnet zu einer Zeit passiert, als sich die Konjunktur in Deutschland eingetrübt hat …

… die inzwischen wieder etwas besser aussieht. Wir achten natürlich auch darauf, in welchem konjunkturellen Umfeld wir uns bewegen. Aber ausschlaggebend für diese Kapitalpuffer ist nicht der kurzfristige Konjunkturzyklus, sondern der Finanzzyklus. Und da zeigt sich seit einiger Zeit ein dynamischer Anstieg des Kreditvolumens im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.

Wie gut sind die Banken für eine Krise gerüstet?

Besser als vor der letzten Finanzkrise. Sie haben ihr Kapital deutlich gestärkt. Auf der anderen Seite ist der deutsche Bankensektor sehr wettbewerbsintensiv. Das ist gut für die Kunden, schmälert jedoch die Margen. Wenn dann zyklische Risiken hinzukommen, kann das einen Strukturwandel beschleunigen.

Was meinen Sie genau?

Strukturwandel bedeutet, dass neue Anbieter auf den Markt drängen und andere ausscheiden – wie in anderen Sektoren auch. Banken können darauf reagieren, indem sie sich neu organisieren oder fusionieren.

Bei Sparkassen und Volksbanken gibt es ja Fusionen, aber bei den großen Banken tut sich nicht viel. Muss der Staat da nachhelfen?

Strukturwandel kann viele Facetten haben. Fusionen, auch über Landesgrenzen hinweg, sind ein Teil davon. Außerdem muss es die Möglichkeit geben, dass Banken, die in Schieflage geraten, restrukturiert werden oder aus dem Markt ausscheiden. Das ist auch eine Aufgabe für die Aufsichtsbehörden, und der politische Wille spielt eine Rolle.

Ist der denn vorhanden?

Wir haben mit neuen Abwicklungsmechanismen den nötigen Rahmen. Diese Mechanismen sollen es ermöglichen, dass Banken in Schieflage geordnet abgewickelt werden können.

Das wirkt aber doch erst, wenn eine Bank schon in Schieflage ist. Ist es dann nicht zu spät?

Diese Mechanismen entfalten ihre Wirkung schon vorher. Vor der Finanzkrise sind Investoren oftmals davon ausgegangen, dass große Banken nicht aus dem Markt ausscheiden können, weil der Staat sie stützt.

Sie meinen das Too-big-to-fail-Thema, also das Problem, dass große Finanzinstitute wegen ihrer Bedeutung für das Finanzsystem im Zweifel vom Staat gerettet werden müssen.

Durch diese unterstellte Staatsgarantie konnten sich große Banken relativ günstig finanzieren. Diese indirekten Subventionen sind letztlich Aktionären und zum Teil auch Managern zugutegekommen. Durch die „too big to fail“-Reformen der vergangenen Jahre soll dieser Effekt deutlich vermindert werden – große Banken müssen beispielsweise auch mehr Haftungskapital aufweisen. Wenn die indirekten Subventionen sinken, müssen die betroffenen Banken ihr laufendes Geschäft anpassen.

In der Finanzkrise gerieten viele Finanzkonzerne gleichzeitig in Schwierigkeiten. Stößt ein Abwicklungsmechanismus für Banken bei einer größeren Krise nicht an seine Grenzen?

Bei einer systemischen Krise kann man nicht alle Entscheidungen im Voraus planen. Aber wir haben heute einen klaren Rahmen für den Umgang mit Krisen. Dies schützt den Steuerzahler vor den Kosten von Krisen.

Zurzeit hört man häufig die Warnung vor „japanischen Zuständen“. Wie sehen Sie das?

Japan hat vor allem gezeigt, wie gefährlich es ist, wenn eine Krise im Finanzsektor verschleppt und nicht beherzt eingegriffen wird.

Sehr oft gibt es die Sorge, dass durch das billige Geld künstlich schwache Unternehmen am Leben erhalten werden, die eigentlich längst saniert oder abgewickelt werden sollten.

Es geht nicht allein um niedrige Zinsen, sondern um Strukturprobleme im Bankensektor. Studien zeigen, dass sich anhaltende Probleme im Bankensektor auf Unternehmen übertragen können. Wie stark sich dies gesamtwirtschaftlich niederschlägt, lässt sich aber nur schwer abschätzen.

In welcher Form lassen sich denn Klimarisiken bei der Analyse der Finanzstabilität berücksichtigen?

Der Klimawandel spiegelt sich letztlich in Vermögenswerten wider. Es entstehen Kredit- und Marktrisiken, die Auswirkungen auf die Finanzstabilität haben können. Wir müssen daher analysieren, ob der Finanzsektor ausreichend widerstandsfähig gegenüber solchen Risiken ist. Wir stehen erst am Anfang. Gemeinsam mit anderen Notenbanken und Aufsichtsbehörden entwickeln wir Ansätze, um die Auswirkungen des Klimawandels auf den Finanzsektor genauer zu untersuchen.

Wie weit lässt sich das jetzt schon umsetzen?

Oft fehlen hierfür wichtige Informationen – zum Beispiel zu den Klimarisiken in den Unternehmensbilanzen. Auf internationaler Ebene hat der Financial Stability Board wichtige Arbeiten angestoßen, um die Offenlegung dieser Risiken zu verbessern.

Aber wie sollen Klimarisiken tatsächlich bewertet werden?

Letztlich durch klare Preissignale. Diese zeigen den Marktteilnehmern transparent an, wo der größte Handlungsbedarf zur Vermeidung von CO2 besteht. Dies erfordert klimapolitische Entscheidungen – das ist Aufgabe der Politik, nicht der Notenbanken.

Allgemein gefragt: Hat die Bundesbank zur Beurteilung der Risiken genügend Daten?

Wir haben viele aggregierte Daten. Informationen über Details, etwa wenn es um Konditionen bei der Vergabe von Immobilienkrediten geht, fehlen allerdings oft. Aber wir machen Fortschritte: Eine jüngst vom Bundesfinanzministerium vorgelegte Verordnung wird die Informationsbasis zu Wohnimmobilienkrediten deutlich verbessern. Solche Informationen nutzen letztlich allen.

Entwickelt sich die Bundesbank zum Datenanbieter?

Das sind wir schon, aber wir wollen unser Angebot noch ausbauen. Wir erheben Daten für eigene Analysen und stellen Forschungsdaten zur Verfügung. Unsere Daten sind aber auch für Banken und andere Marktteilnehmer wichtig – zum Beispiel Informationen über Kreditbedingungen in einzelnen Sektoren. Zusammen mit der EZB setzen wir uns zudem dafür ein, Unternehmen europaweit einheitlich zu identifizieren und in einem Register zusammenzuführen – in einem „Telefonbuch“ für das digitale Zeitalter.

Ein viel diskutiertes Thema zurzeit sind Kryptowährungen, etwa das Projekt Libra von Facebook, aber auch die mögliche Ausgabe von Krypto-Coins durch Notenbanken. Welche Risiken sehen Sie da?

Bei privaten Anbietern muss man sicherstellen, dass sie genauso der Regulierung unterliegen wie andere Dienstleister im Zahlungsverkehr, um zum Beispiel Terrorismusfinanzierung und Geldwäsche zu verhindern.

Und wie wäre es mit Krypto-Euros direkt von der Notenbank?

Es gibt hier viele Modelle und Vorschläge. Ich sehe nicht, dass digitales Zentralbankgeld für die breite Öffentlichkeit bei uns benötigt wird. Davon abgesehen muss man unterscheiden, ob solche Coins ähnlich wie Bargeld über die Banken ausgegeben werden oder direkt von der Notenbank an die Bürgerinnen und Bürger. Bei einer direkten Vergabe würde das unsere Arbeitsteilung mit den Geschäftsbanken komplett verändern, das sehe ich sehr skeptisch.

Zum Schluss noch eine allgemeine Frage: Finanzkrisen entstehen ja oft durch die Risiken, die lange Zeit unbekannt waren oder gar nicht beachtet wurden. Wie kann man damit umgehen?

Viele Entwicklungen im Finanzsystem sind mit Unsicherheiten behaftet, die sich gar nicht mit Eintrittswahrscheinlichkeiten und möglichen Verlusten kalkulieren lassen. Daher brauchen wir ausreichend Kapitalpuffer, nicht nur für die Banken, sondern auch im gesamten System.

© Handelsblatt. Alle Rechte vorbehalten.