„Der digitale Euro ist kein Ersatz für Bargeld“ Interview in der Stuttgarter Zeitung

Das Gespräch mit Burkhard Balz führte Barbara Schäder.

Herr Balz, wir können elektronisch Geld überweisen, in fast jedem Laden mit der Karte oder dem Handy zahlen – wozu brauchen wir da den digitalen Euro?

Bargeldlose Zahlungen laufen immer noch über nationale Systeme. Wenn man in anderen Ländern Europas oder weltweit bezahlen will, braucht es dazu in der Regel globale Zahlungsdienstleister. (Anmerkung der Redaktion: Zum Beispiel funktioniert die Bankkarte bei Zahlungen im Ausland nur, wenn sie mit dem Maestro-Logo oder einer anderen Zusatzfunktion von Mastercard bzw. Visa ausgestattet ist). Dabei handelt es sich oft um Anbieter, die nicht aus Europa kommen. Für den Euroraum wäre ein europäisches System wünschenswert. Dazu könnte der digitale Euro als europaweit einsetzbares Zahlungsmittel beitragen.

Aber die Banken arbeiten doch schon an einem europaweiten Zahlungssystem?

Das stimmt. Die Europäische Zahlungsverkehrsinitiative, kurz EPI, wird von der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank auch unterstützt. Ein digitaler Euro würde sich gut in ein solches Angebot einfügen, als zusätzliche digitale Ergänzung zum Bargeld. Wir wollen aber als Zentralbank nicht für 340 Millionen Menschen im Euroraum eigene Konten für digitale Euro bereitstellen. Das könnten Banken viel besser. Deswegen brauchen wir Banken und andere Finanzdienstleister als Partner. Eine europäische Zahlungslösung wie EPI könnte ein natürlicher Distributionskanal für einen digitalen Euro sein.

Woran würde ich dann als Verbraucherin den Unterschied zwischen dem digitalen Euro bemerken und dem Buchgeld, das wir sowieso haben?

Ein digitaler Euro wäre von der Zentralbank ausgegebenes Geld. Buchgeld – wie wir es heute auf Girokonten kennen – ist Privatgeld, das heißt: es spiegelt eine Forderung gegen eine Bank oder Sparkasse wider. Zentralbankgeld, das der breiten Bevölkerung zur Verfügung steht, gibt es heute nur als Bargeld. Da aber die Bargeldnutzung zurückgeht, müssen wir uns überlegen, wie die Leute künftig und auch im Internet mit Zentralbankgeld bezahlen können.

Bei uns hat fast jeder ein Bankkonto. Welchen Mehrwert hätte ein digitaler Euro für die Bürger, wenn sie auch da darauf angewiesen wären, ihn über die Bank zu bekommen?

Ein Bankkonto ist nicht zwingend. Was man künftig braucht, ist eine digitale Brieftasche. Und in dieser ist dann Zentralbankgeld in digitaler Form drin. Wir als Eurosystem wollen dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger weiter mit Geld von der Zentralbank bezahlen können. Außerdem: Es gibt weltweit über 100 Projekte für digitale Zentralbankwährungen, vier sind sogar schon live gegangen. Wenn Digitalwährungen anderer Länder erfolgreich sind, könnten sie einen größeren Raum bei Geschäften von Privatpersonen, vor allem aber von Unternehmen in Europa einnehmen. Das Eurosystem möchte den Stellenwert der eigenen Währung in einer digitalen Welt verteidigen.

Käme ich an den digitalen Euro auch heran, wenn zum Beispiel das Online-Banking nicht funktioniert? Das ist ja einer der Vorteile von Bargeld.

Deshalb wird unter anderem eine Offline-Funktion geprüft. Das wird wohl über eine Speicherfunktion auf den Endgeräten laufen, zum Beispiel auf dem Handy. Von diesem Speichermedium müsste es Schnittstellen geben zu Geräten, also Bezahlterminals oder andere Mobilgeräte, sodass man ohne Internetverbindung bezahlen kann.

Wenn das so ist, will man als Verbraucher ja nur noch den digitalen Euro statt Buchgeld.

Wir wollen aber nicht, dass die Menschen all ihr bislang bei den Banken verwahrtes Geld in digitale Euro umtauschen, denn das könnte die Finanzstabilität gefährden. Deshalb wird über einen Höchstbetrag diskutiert, den man in digitalen Euro halten kann. Eine andere Möglichkeit wäre, das Überschreiten eines bestimmten Schwellenwerts unattraktiv zu machen, etwa durch negative Zinsen.

Die Rede war mal von einer Grenze bei 3.000 Euro …

Diesen Betrag hat EZB-Direktor Fabio Panetta einmal ins Gespräch gebracht. Es werden aber verschiedene Beträge diskutiert.

Es würde also kontrolliert, wie viele digitale Euro man hält. Das macht vielen Menschen Sorgen.

Mit moderner Technologie kann man die Einhaltung der Grenzen prüfen, ohne dass das Eurosystem weiß, wer den digitalen Euro hält. Für Transaktionen mit einem digitalen Euro wird es aber aus Gründen der Geldwäschebekämpfung keine vollständige Anonymität geben können, das muss man ganz offen sagen. Aber anders als private Zahlungsdienstleister hat das Eurosystem keinerlei Gewinnerzielungsabsicht bezogen auf diese Daten. Sie würden nur dann herausgegeben werden, wenn sie im Zuge strafrechtlicher Ermittlungen von Staatsanwaltschaften angefordert würden. Jenseits davon wird es Bargeld ja weiterhin geben. Der digitale Euro ist eine Ergänzung, nicht der Ersatz für Bargeld.

Aber wenn man hört, dass die chinesische Zentralbank intensiv an einer Digitalwährung arbeitet, fürchten die Leute, dass sich damit auch Kontrollabsichten verbinden.

Das kann ich von unserer Seite definitiv ausschließen. Außerdem gelten in Europa ganz andere rechtlichen Rahmenbedingungen.

Also kurz zusammengefasst: Für Verbraucher wäre der digitale Euro ein weiterer, komfortabler Zugang zu Zentralbankgeld, wenn auch in begrenzter Menge. Und was bringt er der Wirtschaft?

Der digitale Euro bringt erst einmal mehr Effizienz und Wettbewerb im Zahlungsverkehr, und damit auch potenziell geringere Kosten. Und er muss für die Zukunft eine Antwort bereithalten: Wenn eine Maschine etwas produziert und die Auslieferung meldet, könnte mit dem digitalen Euro automatisch bezahlt werden. Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg. Das aber ein Bedarf besteht, sieht man daran, dass für solche automatischen Zahlungen mitunter Krypto-Assets wie Bitcoin – wir Notenbanker bezeichnen die nicht als Währungen – ins Spiel gebracht werden. Diese eignen sich bis heute aber nicht als Massenzahlungsmittel. Nehmen wir Bitcoin: Da sind pro Tag keine 300.000 Transaktionen möglich. Hinzu kommen die enormen Kursschwankungen.

Wie sieht der weitere Zeitplan aus?

Unsere hochrangige Arbeitsgruppe soll bis Ende September einen Vorschlag vorlegen, ob wir den digitalen Euro einführen sollten und wenn ja, wie er aussehen sollte. Die endgültige Entscheidung trifft dann der EZB-Rat in enger Abstimmung mit dem europäischen Gesetzgeber. Sollte der EZB-Rat im Herbst für den Eintritt in eine Entwicklungsphase stimmen, so würde es nach unserer Einschätzung weitere zweieinhalb bis drei Jahre dauern, bis wirklich ein digitaler Euro eingeführt wäre. Wir rechnen also frühestens mit einer Erstausgabe in der zweiten Jahreshälfte 2026, sollte es zu einer Entscheidung für die Einführung kommen.

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