"Der digitale Euro wäre offizielles Geld" Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)

21.12.2020 | Burkhard Balz

Das Interview führte Matthias Koch.

Herr Balz, können Sie einem Normalbürger über den Gartenzaun hinweg erklären, was ein digitaler Euro für ihn bedeuten könnte?

Es geht um ein drittes Medium für Geld. Bislang haben wir nur zwei: Bargeld, das wir physisch weiterreichen, und Geld auf Konten bei Geschäftsbanken, das wir mit Hilfe von vielen modernen Zahlungssystemen bewegen können. Mit dem digitalen Euro käme ein drittes Medium hinzu, mit dem wir – ähnlich wie mit Bargeld – direkt bezahlen können, aber eben digital. Per Smartphone etwa könnte ich dem Nachbarn über den Zaun hinweg zehn Euro zukommen lassen.

Kann man solche Systeme nicht privaten Firmen überlassen? Rund um die Welt schießen doch schon Kryptowährungen aus dem Boden.

In Wirklichkeit sind das keine Währungen, eher Spekulationsobjekte. Man kann sich auf deren Werthaltigkeit nicht verlassen. Bei Bitcoins etwa gab und gibt es mitunter extreme Wertschwankungen. Auf so etwas lässt sich nicht jeder ein. Der digitale Euro dagegen wäre offizielles Geld, ausgegeben von einer Zentralbank, nur eben digital.

Gibt es überhaupt einen Bedarf dafür? Die Deutschen lieben doch mehr als andere Völker das Bargeld.

Das Bargeld wird bleiben, keine Frage. Aber der digitale Euro könnte dazu kommen. In der Industrie zum Beispiel gibt es Vorgänge, die man in Zukunft von Maschine zu Maschine bezahlen könnte, dafür ist der digitale Euro ideal. Zum Zeitalter des „Internets der Dinge“ passen keine herkömmlichen Überweisungsvorgänge.

China bringt bereits digitales Zentralbankgeld durch Lotterien an den Mann. Verschläft Europa wieder einen globalen Trend?

Nein. Es geht darum, die Chancen neuer Technologien zu ergründen, aber auch die Risiken. Ich gehöre als Vertreter der Bundesbank zur „High Level Task Force“ in der EZB, die derzeit diese Dinge in der Eurozone steuert, und kann Ihnen sagen: Wir sind da sehr wachsam. Deshalb überstürzen wir auch nichts.

Aber die EZB hat noch keine Entscheidung getroffen.

Das stimmt, aber wir arbeiten mit Hochdruck daran, eine Entscheidung vorzubereiten. In dem Moment, in dem wir im Eurosystem eines Tages den Schritt in Richtung digitaler Euro gehen wollen, möchten wir ihn auch gehen können. Genau das ist das Ziel der Aktivitäten, die jetzt laufen. Eines jedenfalls ist inzwischen allen Beteiligten klar: Das Thema Zahlungsverkehr ist in Zukunft keine Nebensächlichkeit mehr wie früher. Es geht um eine Sache von strategischer Bedeutung, um europäische Systemsouveränität.

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