„Der Immobilienmarkt ist verwundbar“ Interview mit dem Handelsblatt

Das Gespräch mit Joachim Wuermeling führten Andreas Kröner und Yasmin Osman.

Herr Wuermeling, künftig benötigen Banken mehr Eigenkapital für Baudarlehen. Wie wird sich das auf die Kreditvergabe auswirken?

Der zusätzliche Immobilienpuffer ist mit zwei Prozentpunkten relativ moderat und der deutsche Bankensektor kann diese zusätzliche Kapitalanforderung insgesamt aus bestehendem Eigenkapital decken. Steigende Preise bedeuten ja nicht zwangsläufig eine laxere Kreditvergabe. Dennoch ist die Entscheidung der BaFin ein klares Signal an die Banken, angesichts des weiter ungebremsten Preisauftriebs bei Immobilien keine höheren und vermeidbaren Risiken einzugehen. Damit wird weder das Kreditangebot eingeschränkt noch werden die Zinsen merklich steigen.

Warum halten Sie die Lage für brenzlig?

Wohnungsbaukredite sind vor dem Hintergrund stark steigender Preise schlicht risikoreicher geworden, weil sich der Trend schnell umdrehen kann. Die Verschuldung der Immobilienkäufer nimmt zu: Diese finanzieren einen immer höheren Anteil ihrer Anschaffungskosten über Kredite und bringen immer weniger Eigenkapital mit. Marktdaten deuten darauf hin, dass im Neugeschäft in knapp zehn Prozent der Fälle die Kreditsumme den Kaufpreis der Immobilie übersteigt. Die Preise für Wohnimmobilien haben sich von den Zuwächsen der Einkommen entkoppelt. Der Anteil des Schuldendienstes am verfügbaren Einkommen ist in letzter Zeit weiter gestiegen und lag zuletzt bei 29 Prozent.

Wie wichtig sind Baufinanzierungen für die Banken?

Zentral: Der Anteil der Wohnimmobilienfinanzierungen in den Bankbilanzen hat sich enorm erhöht. Er liegt mittlerweile bei 35 Prozent aller Bankkredite. Das ist auch eine Folge des Preisanstiegs. Und der Trend dauert an. Das Kreditvolumen wächst mit sechs Prozent weiter stark. Dieses hohe Wachstum lässt sich allerdings zum Teil durch ein generell stark gestiegenes Preisniveau erklären.

Das bedeutet für Banken erst einmal, dass sie mehr Geschäft machen.

Aber das Wachstum findet in einem Markt statt, der wegen der steigenden Immobilienpreise immer verwundbarer wird. Kredite mit einer anfänglichen Zinsbindung von über zehn Jahren machen inzwischen die Hälfte der Wohnungsbaukredite privater Haushalte aus. Mitten in einer Zinswende hätten Banken also noch für einige Jahre sehr niedrig verzinste Kredite in ihren Bilanzen, müssten aber für die Refinanzierung schon höhere Zinsen bezahlen.

Wie reagiert die Finanzbranche auf die Warnungen der Aufsicht?

Die Banken haben das Warnsignal schon verstanden. Zumindest ist die Kreditvergabepolitik nicht laxer geworden. Wir sehen allerdings eine steigende Nachfrage nach Krediten, bei denen die Immobilienkäufer relativ wenig bis gar kein nennenswertes Eigenkapital mitbringen. Dass die Erwerber immer weniger Kapital mitbringen, liegt daran, dass die Haushaltseinkommen nicht in dem Maße steigen wie die Kosten für eine Immobilie.

Genügt aus Ihrer Sicht der beschlossene Immobilienpuffer oder folgen weitere Beschränkungen der Aufsicht?

Der Immobilienpuffer richtet sich nach der aktuellen Risikolage und ist so kalibriert, dass die spezifischen Risiken aus Wohnimmobilienfinanzierungen adressiert werden. Falls sich weitere übermäßige Risiken aufbauen, behalten wir uns vor, die Puffer anzupassen oder stattdessen andere Instrumente zu nutzen. So könnte es zur Vermeidung von Hochrisikokrediten sinnvoller sein, den Fremdkapital-Anteil bei Immobilienfinanzierungen über eine Obergrenze der Darlehensvolumen-Immobilienwert-Relation (LTV) zu beschränken.

Die Lage am Immobilienmarkt ist nicht das einzige Risiko für Banken. Wie gefährlich können der Ukraine-Krieg und die Russland-Sanktionen für die Branche werden?

Die direkten Auswirkungen sind vernachlässigbar. Die deutschen Banken haben kaum Kredite in der Ukraine und Russland vergeben, auch sonst hält sich das Engagement in beiden Ländern in Grenzen. Die indirekten Folgen etwas von Lieferengpässen oder auch von Sanktionen können allerdings für mache Unternehmen, denen Banken Kredite gewährt haben, erheblich sein. Durch die Krise trübt sich zudem die gesamtwirtschaftliche Lage ein, was Auswirkungen auf die Banken haben wird. Eine Bankenkrise in Deutschland erwarte ich aber nicht.

Manche Banken sind auch deshalb recht entspannt, weil sie davon ausgehen, dass der Staat wie in der Coronakrise bei Bedarf wieder Firmen stützen und ihnen so Risiken abnehmen wird.

Das Ziel fiskalischer Maßnahmen ist es, die Stabilität von Wirtschaft und Gesellschaft als Ganzes zu wahren, nicht jeden einzelnen Akteur in Schwierigkeiten zu retten. Wir müssen aufpassen, dass der Staat nicht zum Vollkasko-Versicherer für alle Risiken wird. Damit würde er sich überfordern und Fehlanreize setzen. Wer unternehmerische Risiken eingeht, sollte dafür auch einstehen – so, wie er umgekehrt von den Gewinnen profitiert.

In der Vergangenheit hatten deutsche Banken große Defizite bei der Umsetzung von Sanktionen. Wie läuft es dieses Mal bei den Strafmaßnahmen gegen Russland?

Die Banken unternehmen alle Anstrengungen, um zu vermeiden, gegen Sanktionen zu verstoßen. Sie haben darin mittlerweile Erfahrungen und wir beobachten derzeit keine signifikanten Verstöße. Wir sehen hier und da sogar, dass Sanktionen übererfüllt werden. Finanzinstitute müssen aufpassen, Maß und Mitte zu wahren, und niemanden unbeabsichtigt zu benachteiligen. Vertragliche Verpflichtungen müssen eingehalten werden.

Was meinen Sie konkret?

Institute dürften aus Furcht vor Sanktionsverstößen zum Beispiel nicht pauschal Mitbürginnen und Mitbürger mit russischem Hintergrund vom Bankenmarkt ausschließen. Wir erwarten, dass die Banken die beschlossenen Sanktionen erfüllen, aber nicht, dass sie darüber hinaus gehende Restriktionen ergreifen gegenüber allem, was irgendwie einen Russlandbezug hat.

Ist durch den Ukraine-Krieg das Risiko von Cyberangriffen aus Russland gestiegen?

Die Wahrscheinlichkeit von Hackerangriffen hat sich definitiv erhöht. Es besteht die Gefahr, dass mit Russland verbundene Kriminelle, vielleicht sogar staatliche Akteure oder Trittbrettfahrer deutsche Geldhäuser und auch uns als Bundesbank attackieren. Zu sehen ist allerdings noch nichts. Wir müssen aber weiter wachsam sein. Da immer mehr Geschäfte digital ablaufen, hat die Verwundbarkeit des Finanzsystems durch Cyberangriffe in den letzten Jahren zudem stark zugenommen.

Sind deutsche Banken für drohende Belastungen durch den Ukraine-Krieg gewappnet?

Nicht nur die Großbanken, sondern auch viele kleine und mittlere Geldhäuser haben in den vergangenen Jahren harte Entscheidungen getroffen, um Kosten zu sparen und rentabler zu werden. Zudem haben die deutschen Banken aktuell 156 Milliarden Euro mehr Kapital, als von ihnen aufsichtlich erwartet wird. Sie sind robust genug, um auch in einem verschlechterten wirtschaftlichen Umfeld die Volkswirtschaft zuverlässig zu finanzieren.

Was würde eine Zinswende für die Banken bedeuten?

Ein Zinsanstieg belastet die Banken zunächst. Die Institute müssen mit Wertkorrekturen bei Wertpapieren und steigenden Zinsaufwendungen rechnen. Die Zinseinahmen werden dagegen erst mit Verzögerung steigen. Mittel- bis langfristig wird sich dadurch die Ertragslage verbessern. Bei 90 Prozent der Banken sind nach unseren Analysen bereits im zweiten Jahr nach einer Zinserhöhung positive Effekte zu erwarten. Das hängt auch damit zusammen, dass dann ein großer Kostenblock – die Negativzinsen – wegfällt. Aus meiner Sicht tun Banken gut daran, sich wie die Märkte auch auf Zinsschritte in diesem Jahr vorzubereiten.

Erwarten Sie angesichts des Ukraine-Kriegs und der möglichen Zinswende in absehbarer Zeit grenzüberschreitende Bankfusionen?

In den vergangenen 15 Jahren hat die Zahl der Institute in Deutschland im Schnitt um 35 bis 40 pro Jahr abgenommen – durch den Zusammenschluss von kleinen und mittleren Banken. Dieser Trend wird weitergehen. Grenzüberschreitende Fusionen von größeren Banken sind kein Selbstzweck – und sie müssen intensiv vorbereitet werden. Dazu gab es in der Coronakrise nicht genug Zeit und Gelegenheiten. Nun erschwert zusätzlich die Unsicherheit im Rahmen des Ukraine-Kriegs mögliche Zusammenschlüsse. Grenzüberschreitende Fusionen sind in einem wirtschaftlich sichereren Umfeld wahrscheinlicher als zum gegenwärtigen Zeitpunkt.

Die unvollendete europäische Bankenunion – bislang fehlt eine gemeinsame europäische Einlagensicherung, EDIS genannt, – gilt als Hemmnis für grenzüberschreitende Fusionen. Nun gewinnt die Diskussion über EDIS in Brüssel an Fahrt. Wie stehen Sie als Aufseher dazu?

Für die Vollendung der Bankenunion ist eine europäische Einlagensicherung sinnvoll. Wir müssen aber vermeiden, dass falsche Anreize entstehen, wenn Risiken, die national entstanden sind, vergemeinschaftet werden. Die Bundesbank spricht sich daher für ein Rückversicherungsmodell aus, welches vor allem Liquiditätsrisiken abdeckt.

Damit ist gemeint, dass sich nationale Einlagensicherungen im Notfall gegenseitig Geld leihen, aber nicht gemeinsam haften.

Das Ziel, dass Anleger überall in Europa auf einen gleich hohen Schutz ihrer Einlagen vertrauen können, wäre mit einem Rückversicherungssystem erreicht. Wir pochen allerdings darauf, dass zunächst die Risiken in allen teilnehmenden Ländern reduziert werden, egal, ob es um notleidende Kredite geht oder um hohe Bestände von heimischen Staatsanleihen in den Bankbilanzen.

Die EZB nimmt in diesem Jahr auch die Klimarisiken von Banken unter die Lupe. Wie relevant sind diese Risiken aus Ihrer Sicht?

Die Bundesbank kam in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht zu dem Schluss, dass sich diese Risiken derzeit im Rahmen halten und im Vergleich zu Kredit- oder Marktrisiken keine überproportionale Bedeutung haben.

Ist der Klimawandel also nicht so wichtig für die Finanzbranche?

Damit ist ja keine Entwarnung im Hinblick auf den Klimawandel selbst verbunden. Der Temperaturanstieg bedroht die ganze Welt, zunächst aber vielleicht nicht spezifisch die deutschen Bankbilanzen. Dennoch müssen sich auch deutsche Banken intensiv mit den Risiken aus dem Klimawandel beschäftigen.

Banken steuern mit ihren Kreditentscheidungen jede Volkswirtschaft. Sollten sie auch beim Kampf gegen den Klimawandel die Wirtschaft mitsteuern?

Welche Geschäfte die Banken machen, sollte weiter eine geschäftspolitische Entscheidung der Institute und ihrer Eigentümer sein. Die volkswirtschaftliche Funktion der deutschen Banken ist es, die Wirtschaftstätigkeit hierzulande zu finanzieren – und zwar jegliche legale Geschäftstätigkeit. Die Entscheidung darüber, welche Wirtschaftstätigkeit politisch, gesellschaftlich oder ökologisch erwünscht oder nicht erwünscht ist, sollte der Gesetzgeber treffen, nicht die Banken und schon gar nicht die Bankenaufsicht.


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