„Die Inflation treibt mich um“ Interview mit der Zeit

Das Gespräch mit Joachim Nagel führten Lisa Nienhaus und Roman Pletter.

Herr Nagel, wissen Sie, was ein Liter Benzin aktuell kostet?

Ja, um die 1,70 Euro.

Genau, gestern waren es rund 1,75 Euro. Insgesamt ist Energie im Januar 20 Prozent teurer geworden, Lebensmittel fünf Prozent. Können Sie nachvollziehen, dass Menschen sich sorgen, ob sie das alles noch bezahlen können?

Natürlich bereitet mir das Sorgen. Die Inflation trifft viele Menschen hart und treibt mich als Bundesbankpräsident um.

Besonders teuer ist das Heizen und Tanken geworden. Wie erklären Sie sich das?

Aktuell ist die globale Wirtschaft ganz gut unterwegs, sie ist in einer Fast-schon-nach-Corona-Stimmung. Die Erholung nach dem pandemiebedingten Einbruch war unerwartet schnell und kräftig. Solches Wachstum geht mit großer Nachfrage nach Energie einher, das erklärt diese Preisanstiege zum Teil. Dazu kommt die kritische geopolitische Situation zwischen der Ukraine und Russland. Eine wichtige Frage für die Geldpolitik ist, ob und inwieweit die Energiepreise wieder sinken werden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) argumentiert, die Energiepreise seien der Haupttreiber der Inflation, die könne sie aber nicht beeinflussen. Sehen Sie das auch so?

Wenn die Energiepreise nur kurzfristig stark schwanken, tut die Geldpolitik gut daran, sich zurückzuhalten. Es gibt aber Anzeichen dafür, dass der Energiepreisanstieg länger anhalten könnte, dass er sich auf die Preise anderer Waren und Dienstleistungen auswirkt, dass auch eine steigende Nachfrage dahintersteht. Außerdem wird die Inflationsrate nicht nur von Energiepreisen getrieben. Die aktuell hohe Inflation ist zur Hälfte auf die Energiepreise zurückzuführen. Wir sollten uns auch die andere Hälfte anschauen. Da können wir als Notenbanker einiges tun. Wir dürfen ja nicht ausblenden, dass wir die Märkte über Jahre hinweg reichlich, ja überreichlich mit Liquidität ausgestattet haben, weil die Inflationsrate lange zu niedrig war.

Die Hauptaufgabe der EZB ist es, stabile Preise zu gewährleisten. Ist sie gescheitert?

Sie ist sicherlich nicht gescheitert, sie steht jetzt vor einer neuen und anderen Bewährungsprobe als im Niedriginflationsumfeld vor der Pandemie: Wenn man die Inflationszahlen und das makroökonomische Umfeld anschaut, dann sind wir an einem Punkt angekommen, der eine Lehrbuchvorlage für das Handeln einer Zentralbank ist. Die EZB ist nun gefordert. Wir werden uns die Daten anschauen, im März kommen die neuen Projektionen für Wachstum und Inflation. Und auf dieser Basis werden wir entscheiden. Wenn sich bis dahin das Inflationsbild und vor allem der Blick nach vorne nicht deutlich aufhellt, dann müssen wir die Geldpolitik neu ausrichten.

Was heißt Handeln laut Lehrbuch genau in dieser Lage: die Zinsen erhöhen?

Wir haben die Reihenfolge, in der wir bei Bedarf handeln werden, genau festgelegt: Erst kommt der Ausstieg aus den Nettokäufen von Anleihen, dann erhöhen wir die Zinsen.

Wieso nicht zuerst die Zinsen erhöhen?

Ich finde es wichtig, dass wir uns im Euroraum einig sind, zuerst die Maßnahmen zurückzunehmen, die wir in der Krise zuletzt ergriffen haben. Die Anleihekäufe sind mit größeren Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Deshalb wurden sie erst spät ergriffen. Und deshalb sollten sie zuerst wieder gestoppt werden.

Hätten Sie, wenn Sie schon früher im Amt gewesen wären, früher auf höhere Zinsen gedrängt?

Ich bin gerade erst im Amt. Der Blick in den Rückspiegel bringt da nichts. Der EZB-Rat hat in der Corona-Zeit und davor einen wichtigen und guten Job gemacht. Jetzt können wir anfangen, uns als Notenbanker aus der ungewöhnlichen Geldpolitik der vergangenen Jahre mit den sehr niedrigen Zinsen und den Anleihekäufen zurückzuziehen.

Sie waren vergangene Woche das erste Mal als Bundesbankpräsident im EZB-Rat. Wie wurde das Thema Inflation dort diskutiert?

Zunächst einmal, ich bin freundlich aufgenommen worden. Ich fand es spannend zu erleben, wie diskutiert wurde. Alle Mitglieder im EZB-Rat sind sich trotz der Vielfalt der Meinungen bewusst, dass die Preisstabilität unser wichtigstes Ziel ist. Und natürlich wurde über die Inflation diskutiert.

Hat in der Sitzung jemand dafür argumentiert, die Zinsen schon jetzt zu erhöhen?

Frau Lagarde hat es so zusammengefasst: Es gab eine breite, facettenreiche Diskussion über die Inflationsrisiken und im Ergebnis den Konsens, unseren geldpolitischen Kurs im März auf den Prüfstand zu stellen.

Sie klingen, als hätten Sie dafür plädiert, dass die EZB schnell handelt?

Ich sehe ganz deutlich die Risiken, die wir eingehen, wenn wir zu lange mit der geldpolitischen Normalisierung warten. Ich habe schon in meiner Antrittsrede auf die soziale Dimension von Inflation hingewiesen. Nach meiner Einschätzung sind die ökonomischen Kosten deutlich höher, wenn wir zu spät handeln, als wenn wir frühzeitig handeln. Das zeigen auch Erfahrungen aus der Vergangenheit. Später müssten wir nämlich kräftiger und in höherem Tempo die Zinsen anheben. Die Finanzmärkte reagieren dann mit mehr Volatilität.

Sie fürchten einen Crash?

Wenn wir zu lange warten und dann massiver handeln müssen, können die Marktschwankungen stärker ausfallen.

Die Energiepreise werden wegen des Umbaus hin zu erneuerbaren Energieträgern vielleicht auch längerfristig steigen. Besorgt Sie das Phänomen dieser sogenannten grünen Inflation?

Die gegenwärtig sehr hohen Energiepreise sind nicht primär durch klimapolitische Maßnahmen erklärt. Wenn man die Wirtschaft in einen ambitionierten Transformationsprozess bringt, kann das aber zu dauerhaft höheren Preisen führen. In der Vergangenheit haben wir oft angenommen, dass die Energiepreise nach einem Hoch wieder zurückgehen, weil es sich nur um eine kurzzeitige Knappheit handelt, die beseitigt werden kann. Jetzt könnte das wegen des grünen Umbaus der Energieversorgung anders sein. Umso wachsamer müssen wir sein.

Sie sind gerade erst angetreten. Ist Ihr Gehalt eigentlich an die Inflationsrate gekoppelt?

Nein.

Das wäre vielleicht klug gewesen.

Das sehe ich anders. Wir als Bundesbank waren und sind nie begeistert, wenn die Löhne an die Inflationsraten gekoppelt sind. Das nährt nämlich die Gefahr, dass die Inflation sich selbst am Leben erhält: Steigende Preise erhöhen durch die Indexierung die Löhne, was wieder zu steigenden Preisen führt, und so weiter.

Diese Lohn-Preis-Spirale kann es auch ohne Indexierung geben. Sorgt Sie das?

Diese Gefahr besteht bei langanhaltend hoher Inflation. Wir nehmen die Gefahr als Notenbank ernst.

Das klingt alles sehr abstrakt. Für viele Menschen ist es aber ein sehr reales Problem, dass sie sich von ihrem Geld weniger kaufen können. Kann man ihnen und den Gewerkschaften aktuell ernsthaft empfehlen, dass sie sich zurückhalten sollen bei der Forderung nach mehr Lohn?

Natürlich verstehe ich, dass die Menschen Sorgen haben, wenn die Dinge immer teurer werden. Es ist aber nicht mein Job, den Gewerkschaften dezidierte Ratschläge zu geben. Wir als Notenbanker müssen uns mit dem auseinandersetzen, was in den Lohnverhandlungen herauskommt. Es geht auch nicht allein um Deutschland. Einige Länder im Euroraum haben deutlich höhere Inflationsraten, teils sogar im zweistelligen Bereich.

Gibt es ein Land im Euroraum, in dem die Löhne schon nachziehen?

Es ist zu früh, um schon eine belastbare Aussage zu machen. Aber wenn die Inflation länger auf einem hohen Niveau bleibt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Zweitrundeneffekten kommt. Die Fachleute der Bundesbank halten es aus heutiger Sicht für wahrscheinlich, dass die Inflation im Jahresdurchschnitt 2022 in Deutschland deutlich über vier Prozent liegen wird.

Über 4 Prozent Inflation im Jahr 2022?

Ja.

Sie sind SPD-Mitglied. Haben Sie mit dem Kanzler über diese Situation gesprochen?

Richtig, ich bin SPD-Mitglied, seit mehr als 30 Jahren. Aber das hat nichts mit meiner Rolle als Bundesbankpräsident zu tun. Vor Kurzem habe ich das erste Mal an einer Kabinettssitzung teilgenommen, als der Jahreswirtschaftsbericht vorgestellt wurde. Dort habe ich natürlich meine Sorge über die Inflationsentwicklung ausgedrückt.

Die deutsche Politik hat angefangen, die steigenden Preise durch Ausgleichszahlungen für einige abzumildern. Ist das eine gute Idee?

Mit ihren Überlegungen ist die deutsche Politik auf jeden Fall nicht alleine. Andere Länder haben auch schon Entlastungen beschlossen. Ich kann nachvollziehen, dass sich die Politik der sozialen Folgen der derzeit hohen Inflationsrate annimmt. Sie setzt hier eigenständig ihre Prioritäten.

Die Geldpolitik muss aber mit den Folgen kämpfen. Eine Steuersenkung auf die Energiepreise kann dazu führen, dass die Inflation weiter steigt.

Es war schon immer so, dass politische Entscheidungen Auswirkungen auf die Geldpolitik haben. Wenn die Politik handelt und sich das tatsächlich in der Inflation niederschlägt, dann werden wir das in unseren Überlegungen berücksichtigen.

Was sagen Sie Menschen, die der Notenbank die Schuld daran geben, dass sie sich von ihrem Einkommen immer weniger kaufen können?

Ich würde erklären, was die Gründe für die derzeit hohe Inflation sind. Sicherlich hat die lockere Geldpolitik die Nachfrage gestützt. Es gibt aber auch viele andere Faktoren, die die Preise steigen lassen. Unsere Verantwortung ist es, dass sich die hohe Inflationsrate mittelfristig nicht verfestigt.

Die EZB hat jahrelang die Zinsen sehr niedrig gehalten und massiv Anleihen gekauft. Sie sehen trotzdem keinen großen Anteil an der Inflation?

Der Preisdruck war in den vergangenen Jahren zu schwach. Deshalb war unsere Geldpolitik bislang sehr locker. Seit dem letzten Sommer ist die Inflationsrate deutlich gestiegen. Dafür gibt es viele Gründe, die nichts mit der Geldpolitik zu tun haben: die Pandemie, die Lieferengpässe, die geopolitische Situation. Es gibt nun aber Anzeichen dafür, dass wir gegensteuern müssen: Viele Länder fangen an, die Pandemiebeschränkungen zu lockern. Die Wirtschaft erholt sich. Die Arbeitsmärkte sehen gut aus. Das ist ein ermutigendes Bild! Deswegen kann die Geldpolitik weniger expansiv werden.

Einige Ökonomen sagen: Der wichtigste Grund für die Preissteigerungen seien die Lieferengpässe, die die Notenbank aber nicht beseitigen könne. Ist da etwas dran?

Natürlich können wir nicht Staus in Häfen auflösen oder Container dahin bringen, wo sie gebraucht werden. Die Lieferengpässe rühren aber auch daher, dass die Nachfrage unerwartet schnell und kräftig gestiegen ist. Und wenn die Engpässe und die erhöhte Inflationsrate lange anhalten, könnten sie auch die längerfristigen Inflationserwartungen beeinflussen. Über solche Zweitrundeneffekte kann sich der vorübergehende Preisdruck fortsetzen. Das muss die Geldpolitik verhindern.

Viele Eurostaaten haben sehr hohe Schulden. Bisher hat die EZB viele dieser Schuldtitel aufgekauft. Sorgen Sie sich, dass die Staatsschuldenkrise neu ausbricht, wenn sie das künftig nicht mehr tut?

Was für die Geldpolitik gilt, gilt auch für die Fiskalpolitik: Nach der Pandemie muss sich vieles ändern. Wenn wir die Krise hinter uns lassen, ist es an der Zeit, die hohen Staatsschuldenquoten zurückzuführen und damit wieder Puffer aufzubauen. Gerade Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür. Vor der Pandemie hat man hier sehr solide gehaushaltet. Das hat dann Spielräume ergeben für die umfangreichen Stützungsmaßnahmen in der Krise.

Frankreich will stattdessen die Schuldenobergrenze des Euro-Stabilitätspaktes erhöhen. Sie besagt, dass Euro-Länder sich nicht mit mehr als 60 Prozent ihrer Wirtschaftskraft verschulden dürfen.

Wir sollten vor allem über eine klarere, einfachere und striktere Regelbindung nachdenken. Die Regeln sollten besser gewährleisten, dass hohe Staatsschuldenquoten zurückgeführt werden.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Weil sie in der Vergangenheit oft nicht eingehalten wurden. Auch Deutschland hat sich nicht immer daran gehalten. Ich fände es richtig, wenn es künftig robustere Regeln gäbe – mit weniger Möglichkeit, sie zu umgehen.

Es gibt Ökonomen wie den Franzosen Thomas Piketty, die eine andere Idee haben, wie man die Schuldenlast der Euroländer reduzieren könnte: durch einen Schuldenerlass seitens der EZB.

Das ist ja nichts anderes als monetäre Staatsfinanzierung, also Finanzierung der Staatsausgaben mit der Druckerpresse. Das ist der EZB verboten. Ich teile diesen Vorschlag nicht.

Blicken wir mal in die Glaskugel: Wann wird die Inflation wieder sinken in Deutschland?

Es geht nicht um Wahrsagerei. In unseren Prognosen gehen wir derzeit davon aus, dass die Inflationsrate in Deutschland erst in der zweiten Jahreshälfte 2022 erkennbar sinken, aber weiter zu hoch sein wird. Ich bin aber davon überzeugt, dass es der Geldpolitik gelingen wird, ihr Ziel von 2 Prozent Inflation in der mittleren Frist zu erreichen.

Frau Lagarde schließt nicht mehr aus, dass die Zinsen noch in diesem Jahr steigen könnten.

So ist es. Wenn sich das Bild bis März nicht ändern sollte, werde ich mich dafür aussprechen, die Geldpolitik zu normalisieren. Der erste Schritt ist, die Nettoankäufe von Anleihen im Laufe des Jahres 2022 zu beenden. Dann könnten die Zinsen noch in diesem Jahr steigen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Frau Lagarde?

Der Austausch mit ihr ist sehr gut. Und ich finde, sie macht einen prima Job.

Manche haben moniert, dass sie keine Ökonomin ist. Stört Sie das?

Nein. Auch als Ökonom hat man nicht immer sofort auf alle geldpolitischen Fragen eine brillante Antwort. Es ist wichtig, dass im EZB-Rat viele Qualifikationen zusammenkommen.

Theologen wären vielleicht manchmal besser qualifiziert für die Notenbank als Ökonomen.

Dazu sage ich lieber nichts. Auf jeden Fall lebt so ein Gremium von unterschiedlichen Hintergründen. Mein ursprünglicher Berufswunsch war Mediziner. Das wäre vielleicht auch in der Geldpolitik hilfreich: eine gründliche Untersuchung durchzuführen, um dann das passende Rezept zu verschreiben.

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