„Die Kreditrisiken bereiten uns die größten Sorgen“ Interview mit dem Handelsblatt

24.04.2020 | Joachim Wuermeling EN

Das Interview mit Joachim Wuermeling führten Andreas Kröner und Yasmin Osman.

Herr Wuermeling, wie schlagen sich die deutschen Banken in der Coronakrise?

Den deutschen Banken geht es den Umständen entsprechend noch gut. Derzeit verfügen sie über Kapitalpuffer in dreistelliger Milliardenhöhe, mit denen sie Kredite vergeben und auch Verluste aus Kreditausfällen abfedern können.

Müssen die Banken angesichts der Coronakrise ihre Ziele und Strategien auf den Prüfstand stellen?

Das geschieht schon. Alle Institute sind wegen der Coronakrise gezwungen, ihre Ergebnisvorschau für das laufende Jahr zu aktualisieren. Die Erträge gehen zurück, und die Risikovorsorge steigt. Und nach dem Höhepunkt der Krise werden viele Banken ihre Strategien überprüfen müssen. Der Druck auf Banken mit schon vor der Krise verwundbaren Geschäftsmodellen wird weiter steigen.

Wie gefährlich können Firmenpleiten und Kreditausfälle für die Banken werden?

Die Kreditrisiken bereiten uns tatsächlich die größten Sorgen. Markt- und Liquiditätsrisiken hinterlassen zwar unmittelbar ihre Spuren, dürften aber insgesamt begrenzt bleiben. Die Schäden durch Kreditausfälle schlagen sich dagegen erst mit einem Zeitverzug von Wochen und Monaten in den Bankbilanzen nieder. Ich erwarte, dass die Belastungen im dritten oder vierten Quartal deutlich zunehmen werden.

Kann sich aus der Coronakrise die nächste Bankenkrise entwickeln?

Das deutsche Bankensystem hat heute eine hohe Widerstandskraft. Aber verlässlich wird sich diese Frage erst beantworten lassen, wenn wir mehr Klarheit haben: über die Eindämmung der Epidemie, die wirtschaftlichen Auswirkungen und darüber, wie gut die staatlichen Gegenmaßnahmen wie etwa die Kredite der Förderbank KfW oder das Kurzarbeitergeld die negativen Effekte auf die Wirtschaft abfedern und wie schnell die Rezession überwunden werden kann. Es war wichtig, dass der Staat rasch und umfassend gehandelt hat. Stand heute sollten die zu erwartenden Verluste für den Gesamtmarkt verkraftbar sein.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat den Instituten empfohlen, bei der Kreditvergabe auch mal „Fünfe gerade sein zu lassen“. Sind die Banken zu zögerlich?

Die Banken zeigen nach meinem Eindruck bislang große Einsatzbereitschaft, um die Versorgung der Realwirtschaft mit Krediten sicherzustellen. Sie können aber unmöglich alle Risiken eines Shutdowns der gesamten Volkswirtschaft tragen. Die Aufsicht erwartet von den Banken auch in Krisenzeiten eine verantwortungsvolle Risikoprüfung. Würden die Banken bei der Kreditvergabe einfach alle Schleusen öffnen, führte das früher oder später zu einer Krise der Banken. Damit wäre niemandem geholfen.

Der Staat übernimmt bei vielen Krediten 80, 90 oder gar 100 Prozent der Haftung. Zu Recht?

Banken sollen die Realwirtschaft auch in der Krise mit Krediten versorgen. Aber zu einer verantwortlichen Kreditpolitik gehört auch, dass Banken Kreditanträge ablehnen, wenn sie nicht mit einer Rückzahlung des Darlehens rechnen können. Wenn der Staat den Unternehmen aus guten Gründen dennoch helfen möchte, übernimmt er im Interesse des Gemeinwohls die Risiken.

Wie fällt Ihr Zwischenfazit für den Bankensektor nach rund zwei Monaten Coronakrise aus?

Es zeigt sich jetzt: Wir haben mit dem Aufbau von Kapital- und Liquiditätspuffern die richtigen Lehren aus der Finanzkrise von 2008 gezogen. Je größer die Puffer sind, desto länger sind Banken in der Lage, ihren Aufgaben auch in schwierigen Zeiten nachzukommen. Insofern war es richtig, diese Puffer mit Nachdruck einzufordern. Die zweite gute Nachricht ist: Das Bankensystem funktioniert auch unter den gegenwärtigen Umständen. Verbraucher und Unternehmen können auf Bankdienstleistungen zurückgreifen, auch wenn viele Filialen geschlossen sind. Gegen eine umfassende Bedrohung der Zahlungsfähigkeit von einer hohen Zahl von Kreditnehmern kann sich eine einzelne Bank oder Sparkasse aber nur begrenzt wappnen.

Ohne Staatshilfen lassen sich solche Krisen also nicht bewältigen?

Einen extrem stark ansteigenden Kreditbedarf in der Volkswirtschaft kann das Bankensystem allein nicht bewältigen. Deshalb geht es ohne den Staat als Garantiegeber aktuell nicht. Das sehen wir auch als Aufseher so. Wenn wir zu einem späteren Zeitpunkt über die Lehren aus der Krise diskutieren, wird darüber sicher gesprochen werden.

Wie könnten Lösungen aussehen?

Es wurden jetzt ad hoc unter hohem Zeitdruck Instrumente entwickelt, um staatliche Hilfen schnell und zielgerichtet einzusetzen. In Deutschland haben wir glücklicherweise über die KfW und andere Förderbanken etablierte Kanäle, um Kredite mit staatlichen Garantien relativ schnell über das Bankensystem an die Realwirtschaft auszureichen. Der aufsichtliche Rahmen für solche Maßnahmen muss künftig so gestaltet sein, dass sie sofort voll wirken können.

Was halten Sie vom Vorschlag des obersten EZB-Bankenaufsehers Andrea Enria, eine europäische Bad Bank aufzubauen? So könnte man das Problem alter fauler Kredite lösen, bevor im Zuge der Coronakrise neue faule Kredite dazukommen.

Dieser Vorschlag ist im Kern ja drei Jahre alt und damals aus guten Gründen nicht weiterverfolgt worden. Der Abbau von notleidenden Krediten ist seitdem auch ohne eine solche Institution gut vorangekommen, auch dank des resoluten Durchgreifens der europäischen Bankenaufsicht SSM, der Andrea Enria jetzt vorsteht. Deshalb glaube ich nicht, dass der Vorstoß von damals auf EU-Ebene erneut aufgegriffen wird.

Der gerade aus dem Amt geschiedene BdB-Präsident Hans-Walter Peters hat gefordert, die EZB solle den Banken bereits bezahlte Negativzinsen in Höhe von 26,5 Milliarden Euro zurückerstatten, damit diese in der Coronakrise mehr Kredite vergeben können. Was halten Sie von der Idee?

Es gibt überhaupt keine Veranlassung, Negativzinsen zurückzugeben. Es handelt sich dabei nicht um eine gezielte Abgabe für Banken, sondern um eine geldpolitische Maßnahme. Die Banken müssen lernen, damit umzugehen.

Herr Peters hat auch vorgeschlagen, die EZB solle nachrangige Bankanleihen kaufen, um das Eigenkapital der Geldhäuser zu stärken.

Auch das wäre aus meiner Sicht nicht angemessen. Aktuell erwerben die Zentralbanken der Euro-Zone aus Risikoerwägungen nur vorrangige Anleihen. Zudem würde der Ankauf nachrangiger Bankanleihen von beaufsichtigten Instituten auch einen Interessenkonflikt für die Notenbank darstellen.

Halten Sie die Forderungen der Banken nach mehr Hilfen grundsätzlich für abwegig?

Die bisherigen Erleichterungen sollten den Banken genug Spielraum für mehr Kredite und Verlustabsorption geben. Mich ärgert es, wenn jetzt lange diskutierte Vorschläge mit dem neuen Anstrich „Krisenmaßnahme“ auf den Tisch kommen, zum Beispiel die generelle Anrechnung selbst entwickelter Software als Eigenkapital. Das lenkt uns alle von der eigentlichen Herausforderung ab.

Vor Corona hat die Bankenaufsicht gefordert, dass die Banken ihre Kosten senken und ihre Rentabilität steigern sollen. Gelten diese Forderungen in der Coronakrise immer noch?

Wer in der Krise verantwortlich handeln will, muss seine Prioritäten von jetzt auf gleich neu setzen. Für uns hat es höchste Priorität, dass der Bankbetrieb und der Geldkreislauf aufrechterhalten bleiben – auch dann, wenn Filialen geschlossen sind und viele Bankmitarbeiter von zu Hause arbeiten. Das hat funktioniert. Und wir wollen sicherstellen, dass die Banken weiter ihre wichtige ökonomische Funktion erfüllen und Kredite vergeben, ohne allerdings ihre Stabilität zu riskieren. Dieser verschobene Fokus bedeutet aber keineswegs, dass alle anderen Aspekte nun auf Dauer gegenstandslos werden. Wir werden darauf zurückkommen, wenn die akute Krise bewältigt ist.

Die Finanzaufsicht hat die Regeln für die Geldhäuser im Zuge der Coronakrise deutlich gelockert. Wie lange sollen diese Erleichterungen gelten?

Die Entscheidungen für die Ausnahmeregelungen sind uns nicht leichtgefallen. Sie dürfen nur der Bewältigung der Krise dienen. Niemand sollte darauf setzen, dass sie dauerhaft bestehen bleiben. Natürlich werden die Banken die nötige Zeit bekommen, um ihren Normalzustand bei Kapital- und Liquiditätsausstattung wiederzuerlangen. Aber allen muss klar sein: Wir werden die Zügel nach der Krise auch wieder anziehen.

Wird es auch bei der Bankenaufsicht nach der Coronakrise Anpassungen geben?

Eine Lehre aus der Krise ist, dass wir noch in viel stärkerem Umfang digitale Technologien einsetzen müssen, um uns einfacher und schneller ein Bild von der Lage der Banken zu verschaffen. Mit großen Banken haben wir in der Coronakrise anfangs jeden Tag in einer Telefonkonferenz über deren Liquiditätsausstattung gesprochen. Perspektivisch wäre es sinnvoll, diese Daten direkt aus den Systemen der Banken jederzeit abrufen zu können.

Wie schnell lässt sich so etwas einführen?

Da sollte das Digitalmotto „think big, start small“ gelten. In Ländern wie Israel prüft die Aufsicht die Liquiditätskennziffern schon heute direkt in den Datenbanken der Institute. In Europa sollten wir uns zunächst auf einfache Kennzahlen konzentrieren, bei denen Aktualität eine wichtige Rolle spielt. So könnten wir Probleme früher erkennen, präventiv handeln und somit vielleicht manchen Schaden abwenden, bevor er entsteht.

Wie beurteilen Sie die Empfehlung der europäischen Bankenaufsicht (SSM), keine Dividenden auszuschütten – ist das angemessen oder in seiner Pauschalität übertrieben?

Es ist im Interesse der Finanzstabilität, dass Banken in der aktuellen Situation ihr Kapital einbehalten, um Risiken abfedern und Kredite vergeben zu können. Es hätte aus meiner Sicht in dem ein oder anderen Sonderfall Gründe gegeben, Ausschüttungen zu erlauben. Aber wir brauchen ein einheitliches Vorgehen im Euro-Raum.

Gilt das Ausschüttungsverbot auch für Sparkassen und Volksbanken?

Es handelt sich nicht um ein Dividendenverbot – das ist rechtlich bei Einhaltung der Kapitalanforderungen nicht möglich –, sondern um eine Empfehlung, Ausschüttungen bis Anfang Oktober aufzuschieben. Wir erwarten auch von den kleinen und mittelgroßen Banken, die von BaFin und Bundesbank beaufsichtigt werden, dass sie dieser Empfehlung folgen. Und wir sind sehr zufrieden damit, dass dies auch geschieht.

Was machen Sie, wenn eine unglaublich stark kapitalisierte Volksbank trotz Ihrer dringenden Empfehlung einen Teil ihrer Gewinne ausschütten will?

Es ist nachvollziehbar, dass es einer sehr gut aufgestellten Bank nicht leichtfällt, dem zu folgen. Es handelt sich hier jedoch um eine kollektive Vorsichtsmaßnahme aller europäischen Banken. Wegen der epochalen Herausforderung durch die Pandemie für Wirtschaft und Gesellschaft im gesamten Euroraum soll das Kapital jetzt erst einmal im Finanzsystem bleiben. Da sollte keine Bank ausscheren. Bisher ist es der Bankenaufsicht in Deutschland meist gelungen, Institute von der Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen zu überzeugen.

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