"Die Überbewertungen am Immobilienmarkt sind weiter vorhanden" Interview mit dem Handelsblatt

Das Gespräch mit Claudia Buch führten Yasmin Osman und Frank Wiebe

Frau Buch, Europa kämpft mit hoher Inflation und einer Energiekrise, in Großbritannien ist gerade eine Regierung über die Finanzmärkte gestürzt. Wie labil ist das Finanzsystem im Moment?

Es gibt im Moment viele Risiken gleichzeitig. Dazu zählen vor allem der Krieg Russlands gegen die Ukraine, geopolitische Risiken für bestehende Lieferketten und die Folgen des Klimawandels. Die Gefahr einer Rezession oder eines abrupten Zinsanstiegs an den Märkten ist daher erhöht. Jedes einzelne Risiko mag beherrschbar erscheinen, aber es kann gefährlich werden, wenn mehrere zugleich eintreten.

Die Reaktion der Finanzmärkte hat die britische Regierung zu einer 180-Grad-Wende in ihrer Steuerpolitik gezwungen. Ist so ein Szenario auch in der Europäischen Union denkbar?

Es steht mir nicht zu, die britische Steuerpolitik zu bewerten. Der institutionelle Rahmen in der EU sieht völlig anders aus. In der europäischen Fiskalpolitik gibt es klare Regeln und Kontrollmechanismen. Für die Finanzstabilität sind nationale und europäische Institutionen zuständig, die eng kooperieren und wirksame Instrumente haben.

Nervöse Finanzmärkte könnten das anders sehen und dennoch panisch reagieren.

Das sehe ich derzeit so nicht. Gleichwohl ist die Volatilität an den Märkten hoch. Wir müssen daher sehr systematisch die Lage und alle Risikofaktoren weiter beobachten.  Entsprechend hat gerade der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB) vor Risiken gewarnt und dazu aufgefordert, eine ausreichende Resilienz im Finanzsystem sicherzustellen.

Die Coronapandemie hat das Finanzsystem ganz gut weggesteckt. Stimmt Sie das optimistisch für die durch den Ukrainekrieg ausgelösten Verwerfungen?

Die Situation heute ist mit der vor zwei Jahren kaum vergleichbar. Die Coronapandemie war ein Schock für die Realwirtschaft. Er hatte nicht unbedingt längerfristige strukturelle Auswirkungen, zumal gegen Corona inzwischen Impfstoffe entwickelt wurden. Jetzt ist die Lage vollständig anders. Der Krieg Russlands ist eine fundamentale Bedrohung unserer Friedensordnung mit erheblichen Auswirkungen auf die globale Wirtschaft. Sowohl der Energiepreisschock als auch der negative Globalisierungsschock haben das Potenzial, dauerhaft zu wirken.

Sollte der Staat mehr tun, um diese Schocks abzufedern?

Viele Branchen rufen derzeit nach staatlicher Hilfe. Die Möglichkeiten der Regierungen, alle höheren Kosten zu kompensieren, sind aber begrenzt, denn der Anstieg der Energiepreise belastet die Volkswirtschaft als Ganzes. Vermutlich werden wir deshalb nicht sehen, dass der Staat die Krisenfolgen im gleichen Ausmaß abfedern kann wie während der Pandemie. Das heißt umgekehrt, dass wir mehr Resilienz im Privatsektor benötigen.

Im Energiesektor sprang der Staat ein, weil Versorger an den Börsen plötzlich mehr Sicherheiten beim Kauf von Gas und Strom hinterlegen mussten. Sollten wir daraus die Lehre ziehen, noch mehr Sicherheitspuffer auch an solchen Ecken des Finanzsystems einzuziehen, oder wird das ganze System vor lauter Sicherheit irgendwann zu träge?

Angesichts der Vervielfachung der Preise und der gleichzeitigen Unsicherheit über die Lieferung von russischem Gas war die finanzielle Situation einiger Versorger und Importeure sehr angespannt. Die Politik hat hierauf mit einem Hilfsprogramm reagiert. Sicherlich zeigt die Krise den Wert von Resilienz. Wir werden als Gesellschaft also neu abwägen müssen, wie Resilienz und Effizienz gewichtet werden sollen.

Zu Jahresbeginn hat die Finanzaufsicht Bafin beschlossen, dass Banken für normale Kredite und insbesondere private Baufinanzierungen einen Extra-Puffer aus Eigenkapital für schlechte Zeiten ansammeln sollen. Sollte man diesen Puffer mit Blick auf die Rezession nicht wieder abschaffen?

Die Kapitalpuffer erhöhen die Resilienz des Finanzsystems. Daher hat der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS), dem neben der Bundesbank das Bundesfinanzministerium und die BaFin angehören, die Entscheidung begrüßt. Der antizyklische Kapitalpuffer orientiert sich nicht am Konjunkturzyklus, also der Frage, ob sich die Wirtschaft gerade abschwächt. Er orientiert sich am Finanzzyklus, also im Wesentlichen an der Entwicklung der Kredite relativ zum BIP. Und die Kreditvergabe hat sich bis zuletzt dynamisch entwickelt. Von einer Kreditklemme ist nichts zu sehen.

Es gibt aber erste Frühindikatoren, die zeigen, dass Banken bei der Kreditvergabe spürbar restriktiver werden.

Das liegt aber nicht daran, dass Banken die Kredite aufgrund von Kapitalknappheit nicht mehr vergeben könnten. Da sich ihre Risikoeinschätzung verändert hat, wollen sie manche Kredite nicht mehr ausreichen. Im deutschen Bankensystem haben wir noch immer freies Eigenkapital im Umfang von 130 Milliarden Euro, das ist ein gutes Polster.

Sehen Sie noch gar keine Anzeichen für Spannungen im Finanzsystem?

Das Finanzsystem funktioniert bisher recht gut. Aber natürlich haben einige, insbesondere energieintensive Unternehmen, vorsorglich ihre Kreditlinien erhöht.

Wann wäre denn ein Punkt erreicht, wo Sie auf diese Puffer verzichten würden?

Wesentlich ist hierfür, wie sich das gesamte Finanzsystem entwickelt – ob sich Risiken konkret materialisieren, Verluste eintreten und bilanzielle Restriktionen bindend werden.  Dann bestünde die Gefahr, dass die Banken insgesamt ihre Kreditvergabe einschränken müssen. In einer solchen Krisensituation könnte der Puffer gesenkt und damit den Banken Spielraum gegeben werden, weiter Kredite zu vergeben.  Das wird im AFS sehr regelmäßig überprüft und gemeinsam entschieden. Der Ausschuss ist sich einig: Noch ist dieser Zeitpunkt nicht erreicht.

Ist die Lage denn noch so gefährlich? Das Gremium war ja vor allem mit Blick auf die private Baufinanzierung sehr besorgt.

Das Preisniveau bei Immobilien ist nach wie vor sehr hoch, auch wenn sich der Preisanstieg abgeflacht hat. Die Überbewertungen sind weiter vorhanden. Und auch die Kreditvergabe in diesem Bereich wächst noch immer, nur die Wachstumsrate schwächt sich ab. Sie liegt aktuell bei etwa 6,4 Prozent auf Jahressicht. Die Neukreditvergabe ist am aktuellen Rand zurückgegangen, weil die Kreditnachfrage aufgrund der höheren Zinsen gesunken ist.

Gibt es noch immer Kunden, die den vollen Kaufpreis einer Immobilie über einen Kredit finanzieren?

Das Verhältnis von eingesetzten Eigenmitteln und Kaufpreis ist leicht gestiegen, und der Anteil der 100-Prozent-Finanzierungen ist rückläufig. Aber die Belastung der Haushalte durch den Schuldendienst steigt, auch wegen der höheren Zinsen.

Und was heißt es für den Immobilienmarkt, wenn der Arbeitsmarkt schwächer wird?

Sollte es einen stärkeren Anstieg der Arbeitslosigkeit geben, dann würde dies sicherlich Folgen für den Wohnimmobilienmarkt haben. Allerdings haben wir aktuell eine ganz andere Lage auf dem Arbeitsmarkt angesichts des demographischen Wandels, eines strukturellen Mangels an Fachkräften und der vielen offenen Stellen in der deutschen Wirtschaft.

Sie schildern eine relativ labile Lage in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten. Nehmen die Banken die Gefahren ausreichend ernst? Die Risikovorsorge der Institute für ausfallende Kredite ist nicht übermäßig stark gestiegen.

Die einzelnen Banken nehmen die Risiken sicherlich ernst und berücksichtigen Kreditrisiken. Das Problem ist aber: Die einzelne Bank sieht nicht das gesamte System und kann nicht wissen, ob sich an vielen Stellen ähnliche Risiken aufbauen. Und sie kann auch nicht einfach auf Verdacht darauf reagieren. Für das gesamte System präventiv zu handeln ist unsere Aufgabe. Was ich mir wünsche ist aber, dass Banken sich ihre Risikomodelle genau ansehen und konservative Standards bei der Kreditvergabe anlegen.

Wie meinen Sie das?

Bei der Bewertung von Risiken nutzen Banken Modelle, die auf historischen Erfahrungen aufbauen. In den vergangenen Jahren hatten wir aber ein sehr ungewöhnliches makroökonomisches Umfeld…

…zum Beispiel, weil wir über viele Jahre eine sehr lockere Geldpolitik hatten und ungewöhnlich wenige Insolvenzen.

Richtig. Das gilt insbesondere auch für die Coronapandemie, als der Staat in der Rezession mit seinen Hilfen eine Insolvenzwelle verhindert hat. Die Banken müssen sich deshalb die Frage stellen, ob ihre Modelle im Moment wirklich repräsentativ für zukünftige Krisen sind. Und sie sollten prüfen, was geschieht, wenn sie nicht mit langfristigen Durchschnitten, sondern mit sehr adversen Szenarien kalkulieren, etwa mit den höchsten Ausfallraten der Vergangenheit.

Die Banken sind also doch zu unvorsichtig?

Ich will das nicht bewerten, aber jede Bank sollte schon im eigenen Interesse überlegen, welche Szenarien sie unterstellt und ob sie nicht noch ein bisschen vorsichtiger sein sollte, was das wirtschaftliche Umfeld angeht.

Die Folgen der Energiekrise spielen eine wichtige Rolle. Wir haben einen schwierigen Winter vor uns. Was wäre aus Ihrer Sicht das gefährlichste Szenario?

Eine echte Mangellage bei der Gasversorgung. Das hätte gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft. Preiserhöhungen kann der Staat finanziell kompensieren, aber wenn ein Rohstoff einfach fehlt, kann er ihn nicht ersetzen.

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