„Die Zinsen müssen noch weiter steigen“ Interview in Spiegel Online

Das Gespräch führten Tim Bartz und Stefan Kaiser.

Herr Nagel, die Inflationsraten in Deutschland und Europa sinken überraschend deutlich. Ist es noch richtig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen im Februar und März um jeweils 0,5 Prozentpunkte erhöhen wird, wie sie es im Dezember angekündigt hat? 

Man muss aufpassen, jetzt nicht zu früh den Abgesang auf die hohe Inflation anzustimmen. Dass die Rate im Dezember sinken würde, war nicht überraschend. Es hat unter anderem damit zu tun, dass Gaskunden in Deutschland ihren monatlichen Abschlag nicht zahlen mussten. Trotz des Rückgangs ist die Inflation noch immer viel zu hoch. Und wenn man genauer hinschaut, geht es nicht mehr nur um die Energiepreise. Der Preisdruck ist viel breiter.

Was meinen Sie?

Die Kerninflation, bei der die stärker schwankenden Energie- und Nahrungsmittelpreise außen vor gelassen werden, kann den Preistrend besser abbilden. Und diese Kerninflation ist seit dem vergangenen Sommer fast stetig gestiegen. Im Dezember lag sie im Euroraum bei 5,2 Prozent, in Deutschland bei 5,4 Prozent. Deshalb sehe ich auch keinen Grund, etwas an dem Kurs zu ändern, den EZB-Präsidentin Christine Lagarde skizziert hat. Schließlich sind wir noch weit von den angestrebten zwei Prozent Inflation entfernt. 

Bis wann werden Sie die Inflation wieder auf diesen Zielwert gedrückt haben? 

Laut unseren Projektionen vom Dezember dürften wir im Euroraum erst im Laufe des Jahres 2025 wieder bei zwei Prozent sein. Das ist erst in gut zwei Jahren. Außerdem sehe ich beim Preisausblick immer noch das Risiko, dass die Inflation höher als erwartet ausfallen könnte. Dieser Ausblick ist ein weiterer Grund, warum unsere Ankündigung in der Dezembersitzung des EZB-Rats nach wie vor richtig ist: Die Zinsen müssen noch weiter steigen. 

Wie hoch werden denn die Zinsen noch steigen müssen, damit die EZB die Inflation besiegt hat? 

Ich werde kein konkretes Zinsniveau nennen. Für Februar und März haben wir angekündigt, dass wir die Zinsen nochmals kräftig anheben werden. Danach werden wir uns anschauen, wo die Inflationsrate im Frühjahr steht und wie die Prognose unserer Fachleute dann aussieht. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir auch nach den beiden angekündigten Schritten die Leitzinsen weiter erhöhen müssen. Wir liegen beim derzeit wichtigsten Leitzins gegenwärtig erst bei zwei Prozent. Und die Inflation ist ebenso wie die Kerninflation immer noch sehr hoch. 

Ketzerisch gefragt: Warum braucht es überhaupt EZB-Ratssitzungen, wenn sowieso klar ist, dass die Notenbank die Zinsen im Februar und März zwei Mal um je 0,5 Prozentpunkte anheben wird? 

Ganz so ist es ja nicht. Wir müssen die aktuelle Entwicklung und die neuen Zahlen regelmäßig genau anschauen. Aktuell sehen wir beispielsweise, dass sich die Wirtschaft als robuster erweist als noch vor Monaten gedacht. In den Ratssitzungen tauschen wir uns aus und analysieren, was diese und andere Entwicklungen für den Preisausblick und damit für die Geldpolitik bedeuten. Und diese Diskussionen sind enorm wichtig. Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass wir so gut zu Entscheidungen gelangen: Wir handeln entschlossen – gegen die hohe Inflation.

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