„Für stabile Preise sorgen“ Interview in der Badischen Zeitung

29.01.2020 | Jens Weidmann EN FR

Steht in Ihrem Büro eine Büste von Walter Eucken oder hängt ein Portrait von ihm an der Wand?

Das nicht. Aber Euckens wichtigstes Buch steht bei mir im Regal. Es hat mein ökonomisches Denken beeinflusst. So zitiere ich immer wieder einen seiner besonders prägnanten Sätze: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen.“ Wenn dieses Prinzip gilt, treffen Menschen verantwortungsvolle Entscheidungen. Eucken erklärte es zu einem Eckstein unserer Wirtschaftsordnung. Es sollte auch ein Pfeiler der europäischen Währungsunion sein.

Inwieweit haben Eucken und die Freiburger Schule die Bundesbank geprägt? Ist davon heute noch etwas zu spüren?

Walter Eucken hatte selbst die Hyperinflation und die Weltwirtschaftskrise miterlebt. Ein stabiler Geldwert war ihm äußerst wichtig. Letztlich setzen wir Notenbanker heute einen wesentlichen Teil seines Gedankenguts in die Praxis um. Denn die Kernaufgabe unserer Geldpolitik im Euroraum ist, für stabile Preise zu sorgen.

Können Ihre Kollegen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) etwas mit dem Begriff Ordnungspolitik anfangen? Oder verstehen sie darunter nur Sparen und höhere Zinsen?

Es lohnt sich jedenfalls, für Euckens Verständnis von Ordnungspolitik zu werben: dass der Staat die Wirtschaftsordnung gestaltet, aber nicht die Wirtschaft lenkt. Ordnungspolitik mit Sparen, höheren Zinsen und Prinzipienreiterei gleichzusetzen, wäre ein Zerrbild. Es geht nicht darum, Regeln einzuhalten um der Regeln willen. Es geht um eine funktionsfähige und menschenwürdige Wirtschaftsordnung. Das ist Euckens Vermächtnis.

Was erwarten Sie sich vom neu geformten EZB-Direktorium mit Christine Lagarde an der Spitze und der deutschen Wirtschaftsprofessorin Isabel Schnabel?

Christine Lagarde möchte nicht nur Experten ansprechen, sondern sich stärker mit Vertretern aus der ganzen Gesellschaft austauschen. Das finde ich gut. Ich begrüße auch, dass die Diskussionen im EZB-Rat offener geworden sind. Wir haben jetzt angekündigt, unsere geldpolitische Strategie vor dem Hintergrund der Erfahrungen der letzten Jahre auf den Prüfstand zu stellen. Wir hinterfragen auch die Wirkungen und diskutieren die Nebenwirkungen unserer Maßnahmen, wie zum Beispiel der Staatsanleihekäufe. Gerade auf diese Nebenwirkungen weise ich seit Längerem hin.

Wie geht es mit der Geldpolitik weiter? Muss die EZB noch so großzügig mit Anleihekäufen agieren? Ist ein Ende der Nullzins-Politik absehbar?

Der EZB-Rat hat im letzten September die Geldpolitik mit einem großen Maßnahmenpaket weiter gelockert. Dieses Paket war meines Erachtens in diesem Umfang nicht nötig. Wie Sie wissen, sehe ich vor allem die zusätzlichen Anleihekäufe kritisch. Und einige meiner Kollegen haben meine Kritik geteilt. Doch wir sind uns im Rat einig, dass die Unterstützung durch eine lockere Geldpolitik weiterhin nötig ist. Denn der Preisauftrieb im Euroraum insgesamt dürfte in den nächsten Jahren noch unter unserem Ziel bleiben.

Wie lange müssen Sparer noch mit Niedrig- und Banken mit Negativzinsen leben?

Den Verdruss der Sparerinnen und Sparer verstehe ich gut. Die lockere Geldpolitik wirkt aber breiter. Und zu einem vollständigen Bild gehört auch: Wer etwas finanzieren möchte, profitiert derzeit von günstigen Konditionen. Geringere Zinszahlungen entlasten ebenfalls den Staatshaushalt. Insgesamt stützen die Niedrigzinsen die Konjunktur und tragen so zu Beschäftigung bei, zu höheren Löhnen und auch höheren Renten. Für mich ist klar, dass die sehr niedrigen Zinsen kein Dauerzustand sein können. Aber angesichts des Preisausblicks müssen wir realistisch bleiben: Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Zinsen wieder steigen werden. Zu den niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt trägt auch bei, dass langfristige realwirtschaftliche Entwicklungen, wie etwa die zunehmende Alterung der Gesellschaft, das Zinsniveau drücken.

EZB-Chefin Lagarde macht sich dafür stark, dass die EZB auch in der Klimapolitik eine Rolle spielen soll. Sie sehen das skeptisch. Warum?

Der Klimaschutz ist sicherlich eine der dringlichsten Aufgaben unserer Zeit. Aber klimapolitische Entscheidungen müssen gewählte Parlamente und Regierungen treffen. Damit meine ich Instrumente wie zum Beispiel einen Preis für den CO2-Ausstoß – mit all ihren Folgen für Umwelt, Verbraucher und Unternehmen. In der Geldpolitik geht es darum, wie wir Klimawandel und Klimapolitik stärker in unsere Analysen einbeziehen. Meines Erachtens müssen wir aber auch fragen, inwieweit die von uns gekauften Wertpapiere finanzielle Risiken enthalten, die sich aus dem Klimawandel ergeben. Solche Überlegungen sind Teil der vom EZB-Rat beschlossenen Strategie-Überprüfung. Das hat Christine Lagarde angestoßen – und zu Recht aus meiner Sicht.

Würde Eucken die heutige Geldpolitik der EZB nachvollziehen können? Angesichts der stabilen Preise in der Eurozone müsste er doch begeistert sein, oder?

Der Euro hat sich als stabiles Geld bewährt. Mit der Preisentwicklung im Euroraum wäre Eucken bestimmt zufrieden. Auch die klare Ausrichtung auf das Ziel der Preisstabilität würde er sicherlich gutheißen. Und er erkannte grundsätzlich die Gefahr, dass Geld- und Fiskalpolitik zu eng verwoben sein könnten. Deshalb vermute ich: Auch Eucken würde die umfangreichen Staatsanleihekäufe des Eurosystems kritisch sehen.

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