„Ganze Branchen sind massiv von der Krise betroffen“ Interview mit der FAZ

08.07.2020 | Claudia Buch EN

Das Gespräch mit Claudia Buch führte Inken Schönauer.

Frau Buch, Sie sind im Vorstand der Bundesbank für die Finanzstabilität zuständig. Wie halten Sie die Märkte stabil?

Mit “Finanzstabilität” wird oft das Auf und Ab, die kurzfristigen Schwankungen, an den Märkten verbunden. Das ist für uns aber nicht der zentrale Punkt. Finanzstabilität bedeutet: Die Finanzmärkte funktionieren – Liquidität wird bereitgestellt, Investitionen werden finanziert, Sparerinnen und Sparer finden passende Anlagemöglichkeiten, der Zahlungsverkehr funktioniert. Gerade in Stresszeiten wie diesen sollten die Finanzmärkte ausreichend robust sein, damit sie die Wirtschaft stützen und krisenhafte Entwicklungen nicht verstärken.

Wie steht es also um die Finanzstabilität in diesen Corona-Zeiten?

Im März, als die Pandemie Europa und Deutschland erreichte, war der Stress an den Märkten sehr hoch. Es bestanden durchaus Gefahren für die Stabilität des Finanzsystems: Vielen Unternehmen sind schlagartig die Umsätze weggebrochen. Damit fehlte die Liquidität, um Gehälter zu zahlen und andere Kosten zu decken. Kreditgeber konnten diese Lücke nicht schließen: Sie waren zurückhaltend, denn sie konnten kaum abschätzen, wie lange die Einnahmen letztlich ausbleiben und wann eine Erholung einsetzt.

Was passierte?

Regierungen und Notenbanken haben sehr umfangreiche Hilfspakete geschnürt, um die Wirtschaft und das Finanzsystem zu stützen. Diese Maßnahmen haben die Unternehmen gestützt und die Finanzmärkte stabilisiert. Die Aufsicht hat die vorhandenen Spielräume in der Regulierung genutzt, um den Banken die Kreditvergabe zu erleichtern.

Dann ist doch alles im Lot.

Wir sind sehr wachsam. Es ist jetzt sicher zu früh, Entwarnung zu geben. 

Wie ist die Situation jetzt?

Das Bündel an Politikmaßnahmen hat dabei geholfen, die Unsicherheit zu reduzieren und Unternehmen mit Liquidität zu versorgen, etwa über die KfW. Die Banken haben die Wirtschaft in den vergangenen Monaten weiter mit Krediten versorgt. Dabei half auch die seit der Finanzkrise verbesserte Kapitalausstattung der Banken. Eine Kreditklemme konnte so bisher vermieden werden. 

Es gibt doch aber Unternehmen, die in einer finanziellen Notlage sind und dringen einen Kredit bräuchten. 

Das stimmt, und wir beobachten das sehr genau. Es gibt eine erhebliche Unsicherheit; ganze Branchen sind massiv von der Krise betroffen. Diese Risiken berücksichtigen die Banken und Märkte bei ihren Finanzierungsentscheidungen. 

Ist die Situation denn jetzt im Hinblick auf die Unsicherheiten fragiler oder weniger fragil als zu Beginn der Pandemie, Stichwort zweite Welle?

Für Fragilität gibt es kein exaktes Maß. Wir sehen uns sehr genau an, welche Verwundbarkeiten es im Finanzsystem gibt und wie robust es gegenüber unerwarteten Entwicklungen ist. Seit der Finanzkrise wurde die Regulierung umfassend reformiert, um die Banken stabiler aufzustellen. Mehr Eigenkapital bedeutet letztlich, dass die Banken mehr Kredite vergeben und Risiken besser übernehmen können. Diese Reformen zahlen sich nun aus. Der Finanzsektor konnte seine Aufgaben diesmal sehr viel besser erfüllen. Das Problem ist die hohe Unsicherheit. 

Was ist denn das größte Problem?

Niemand kann verlässlich prognostizieren, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Wir werden erst mit der Zeit sehen, ob Wertschöpfungsketten neu organisiert werden müssen und wie stark sich die Nachfrage nach manchen Produkten und Dienstleistungen anpasst. Die Menschen könnten vorsichtiger werden und mehr sparen, sie ändern aber auch die Struktur ihres Konsums. Wir wissen noch nicht, wie dauerhaft Unternehmen getroffen werden und ob sie die Krise überstehen. Käme eine zweite Welle hinzu, wäre sicherlich der politische Handlungsspielraum geringer als zu Beginn der Pandemie.

Wie bereiten Sie sich auf Verwerfungen vor? Welche Instrumente hat die Bundesbank, Sicherheiten herzustellen?

Wir arbeiten beispielsweise sehr intensiv an der Frage, wie sich die fiskalpolitischen Rettungspakete auswirken und ob die Maßnahmen zielgenau wirken. Das machen wir im engen europäischen Austausch. 

Wann rechnen Sie mit belastbaren Ergebnissen?

Im Herbst werden wir klarer sehen. 

Sie haben die Bedeutung der Banken erwähnt. Die wollen diesmal nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein. Sind sie es?

Natürlich haben Banken eine ganz zentrale Funktion bei der Vergabe von Krediten. Wenn Unternehmen aber Solvenzprobleme bekommen, dann helfen Kredite nur begrenzt. Dann sind die Unternehmen auf weiteres Eigenkapital angewiesen. 

Sind die Banken stabil?

Im Moment sind die deutschen Banken ausreichend kapitalisiert, nicht zuletzt dank der Reformen des vergangenen Jahrzehnts. Die umfangreichen Krisenprogramme haben dafür gesorgt, dass die Probleme der Unternehmen bislang kaum im Bankensektor angekommen sind. Damit müssen wir in der zweiten Jahreshälfte aber zunehmend rechnen. Kreditausfälle werden dann die Bankbilanzen und das Eigenkapital zunehmend belasten. Wir stark die Kreditvergabe betroffen sein wird, hängt davon ab, welche Puffer die Banken haben und nutzen. 

Dieser Tage wurde der „Too-Big-to-Fail-Bericht“ veröffentlicht, an dem Sie mitgewirkt haben der die Banken näher unter die Lupe nimmt. Was ist das Ergebnis? 

In diesem Bericht des Financial Stability Board (FSB) wird untersucht, wie die Reformen systemrelevanter Banken, die nach der Finanzkrise international umgesetzt wurden, gewirkt haben. In der Summe haben sich die Reformen positiv ausgewirkt: die Banken sind besser kapitalisiert, die Vergabe von Krediten hat aber nicht gelitten. Finanzierungskosten der Banken reflektieren nun die Risiken besser – das stärkt die Marktdisziplin. Und sollten Banken dennoch in Schieflage kommen, sind wir heute besser darauf vorbereitet. Es gibt neue Regime, um Banken zu sanieren oder, wenn nötig, abzuwickeln. Die Behörden haben mehr Instrumente zur Verfügung; es gibt mehr Kapital zur Deckung von Verlusten. All das senkt das Risiko von Finanzkrisen und schützt Steuerzahlerinnen und Steuerzahler vor Verlusten. 

Brauchen wir weitere Regulierung? 

Nein. Es geht weder um neue Regulierung noch darum, bestehende Regulierung zurückzudrehen. Der Bericht zeigt aber ganz klar weiteren Handlungsbedarf auf, um das bestehende System zu verbessern. Beispielsweise können Abwicklungen und Sanierungen von Banken weiter erleichtert werden. Und Informationen können besser und transparenter bereitgestellt werden – etwa darüber, wer die Gläubiger von Banken sind, die gegebenenfalls Verluste tragen müssten.

In Europa wird immer sehr neidisch auf die amerikanischen Banken geschaut, die so viel besser dastehen und vermeintlich weniger reguliert sind. 

Dieses Argument hört man häufig, aber ich sehe die Grundlage nicht. Es werden die gleichen internationalen Aufsichtsstandards angewandt. Aber natürlich haben wir es mit anderen Finanzsystemen zu tun, die man nicht 1:1 miteinander vergleichen kann. Wir sollten uns daher auf unsere eigenen Aufgaben konzentrieren: Robuste und gut kapitalisierte Banken sind ein Plus – in allen Regionen. 

Ein Problem der Finanzkrise war ja, dass die Banken zu groß geworden waren. Sind die Banken schlanker geworden? 

In einigen Bereichen haben systemrelevante Banken Marktanteile reduziert. Darunter hat die Kreditvergabe insgesamt aber nicht gelitten, denn andere Anbieter haben ihre Marktanteile ausgeweitet. Gleichzeitig sind die systemrelevanten Banken nach wie vor sehr komplex und auf vielen Märkten tätig. 

Ist das ein Problem?

Nicht unbedingt. Aber es zeigt, dass es nicht allein um „Größe“ geht. „Systemrelevant“ können Banken auch aus anderen Gründen sein, und das müssen wir bei der Bemessung von Anforderungen an das Eigenkapital berücksichtigen.

Was passiert, wenn diese ganze Krise länger dauert als heute gedacht?

Der Strukturwandel in der Wirtschaft dürfte sich dann beschleunigen. Das fordert viele politische und gesellschaftliche Bereiche. Hier können Notenbanken nur einen sehr begrenzten Beitrag leisten. 

Ist der Vergleich zur Finanzkrise zulässig?

Ein solcher Vergleich kann vor allem zeigen, wo die Unterschiede liegen: die Finanzkrise ging vom Finanzsektor aus. Die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung treffen zunächst die Realwirtschaft sehr hart. Es ist eine globale Krise, die mit sehr großer Unsicherheit behaftet ist. In der Finanzkrise haben uns vor allem die Schwellenländer vor einer noch stärkeren globalen Wirtschaftskrise bewahrt. Das ist diesmal anders. Diese Pandemie trifft alle. 

Alle schauen auf die EZB, hat die Bundesbank überhaupt noch genug Einfluss?

Gerade in einer solchen globalen Krise ist es wichtig, dass wir sehr eng mit anderen kooperieren – national im Ausschuss für Finanzstabilität, in Europa und international. Die Bundesbank ist zentraler Teil des Eurosystems; ein Großteil meiner Arbeit ist international ausgerichtet. Wir haben sehr viel bessere Möglichkeiten zur Koordination als früher, und das zahlt sich gerade jetzt aus.  

Dann wäre doch jetzt wirklich Zeit, für eine Banken- und Kapitalmarktunion. Was dauert denn da so lange?

Ja, die Banken- und Kapitalmarktunion ist wichtiger denn je. Beispielsweise brauchen wir gute Lösungen, um mit zunehmenden notleidenden Forderungen und vermehrten Solvenzproblemen im Unternehmenssektor umzugehen. Und mit den Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel stehen wir vor großen Herausforderungen für die Banken- und Kapitalmärkte.

Kann Corona das Thema katalysieren?

Davon bin ich überzeugt. Die Reaktion auf Corona zeigt, dass Verhaltensänderungen möglich sind und von breiten Teilen der Gesellschaft getragen werden. Es passiert aber auch nicht von alleine, daher müssen auch hier von der Politik die richtigen Anreize gesetzt werden. 
 

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