„Ich bin optimistisch, dass wir einen schwerwiegenden wirtschaftlichen Einbruch vermeiden können“ Interview in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (ZfgK)

Das Gespräch mit Joachim Nagel führte Philipp Otto.

Herr Nagel, was bereitet Ihnen angesichts der Multiproblemlage aus Krieg, Inflation, Rezession, Spannungen bei Handelsbeziehungen, steigenden Zinsen und Ähnlichem die größten Sorgen mit Blick auf die weiteren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Europa und Deutschland? Oder ist es die gesamte Gemengelage?

Diese Herausforderungen hängen ja alle miteinander zusammen. Russlands Krieg gegen die Ukraine und die daraus folgende Energiekrise sind mit ein Grund für die hohe Inflation. Die gestiegenen Preise und die hohe Unsicherheit über die weitere Entwicklung veranlassen viele Bürgerinnen und Bürger, ihren Konsum einzuschränken. Vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen sind von der hohen Teuerung betroffen. Hohe Preise und Unsicherheit belasten auch die Produktion der Unternehmen, insbesondere in der energieintensiven Industrie. Alles zusammen verstärkt die allgemeine, gerechtfertigte Sorge vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung. Ja, auch die höheren Zinsen belasten die Wirtschaft. Aber sie sind notwendig, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Als Präsident der Bundesbank und Mitglied im EZB-Rat ist es meine Aufgabe, in dieser Gemengelage dafür zu sorgen, dass die hohe Teuerung endet. Sie darf sich nicht verfestigen.

Haben die Zentralbanken in Europa den Kampf gegen die Inflation schon verloren? Selbst die Deutsche Bundesbank geht von Inflationsraten in Deutschland und Europa im kommenden Jahr von 6 und mehr Prozent aus. Was macht Ihnen Hoffnung?

In der Tat erwarten wir für das Jahr 2023 inzwischen sogar eine durchschnittliche Inflationsrate von über 7 Prozent für Deutschland, gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex. Die Inflation hat sich als hartnäckiger erwiesen als von den meisten Fachleuten erwartet. Da schließe ich die Bundesbank mit ein. Aber ich habe keinen Zweifel, dass wir wieder zu stabilen Preisen zurückkommen. Der EZB-Rat hat entschlossen gehandelt und die Leitzinsen Mitte Dezember zum vierten Mal in Folge erhöht. Wir alle müssen uns allerdings im Klaren sein, dass es Zeit braucht, bis geldpolitische Maßnahmen vollständig auf die Preise durchwirken. In diesem und in den kommenden beiden Jahren erwarten wir im EZB-Rat für den Euroraum einen Rückgang der Inflationsrate. Allerdings noch nicht stark genug, um unseren Zielwert von 2 Prozent zu erreichen. Das bedeutet für mich, dass unser Job noch nicht erledigt ist. Wir müssen weitere Maßnahmen ergreifen. 

Aber die Inflationserwartungen der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger bleiben aktuellen Umfragen zufolge sehr hoch. Warum gelingt es der Europäischen Zentralbank kaum noch, die Inflationserwartungen zu beeinflussen?

Die kurzfristigen Inflationserwartungen sind in der Tat sehr hoch. Für die Geldpolitik kommt es aber darauf an, dass die mittel- und langfristigen Erwartungen stabil verankert bleiben. Blickt man auf die längerfristigen Inflationserwartungen von Fachleuten, sind diese inzwischen erkennbar gestiegen, aber noch in der Nähe von 2 Prozent. Außerdem sehen wir Risiken: Die mittelfristigen Inflationserwartungen reagieren zunehmend stärker auf aktuelle Preisentwicklungen. Zudem beunruhigt mich, dass unsere monatlichen Befragungen von Firmen und privaten Haushalten auch bei den langfristigen Inflationserwartungen einen deutlichen Anstieg gezeigt haben. Ich bin überzeugt: Wir müssen geldpolitisch weiter handeln, um diesen Trend zu stoppen und umzukehren.

Wie groß ist das Inflationsgefälle in Europa aktuell? Erschwert das die Inflationsbekämpfung?

Im Euroraum streuen die Inflationsraten sehr stark. Am niedrigsten sind sie derzeit in Spanien, Frankreich und Malta, vor allem, weil die Energiepreise dort durch politische Maßnahmen stark gedeckelt werden. Am höchsten ist die Inflation in den baltischen Ländern, was mit der geografischen Nähe zu Russland zu tun hat. Das macht es für die Geldpolitik sicher nicht einfacher. Im EZB-Rat können wir ja keine länderspezifische Geldpolitik betreiben. Vielmehr gestalten wir die Geldpolitik für den Euroraum als Ganzes.

Gibt es aus der Historie heraus belastbare Erkenntnisse, wie stark sich Zinserhöhungen auf die Konjunktur auswirken? Von welchen Faktoren ist das abhängig?

Seit der Einführung des Euro gab es noch nie einen so kräftigen Zinsanstieg. Deswegen müssen wir auf andere Regionen oder frühere Erfahrungen schauen. In der Historie der Bundesbank gab es drei Phasen, in denen die Zinsen in kurzer Zeit sehr kräftig angehoben wurden: zwei in den Siebzigerjahren, jeweils im Umfeld der beiden Ölkrisen, und in den frühen Neunzigerjahren, als die Inflation im Zuge des Wiedervereinigungsbooms kräftig anzog. Dies dämpfte zwar das Wachstum und brachte steigende Arbeitslosigkeit mit sich. Aber der Bundesbank gelang es, die Inflation wieder zu senken. Wie sich eine restriktive Geldpolitik auswirkt, hängt immer auch vom Zustand der Wirtschaft und den Ursachen der Inflation ab. Ob die Teuerung eher nachfrage- oder angebotsgetrieben ist, spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle. Oder ob sie eher von binnenwirtschaftlichem Preisauftrieb oder internationalen Entwicklungen beeinflusst ist. Falsch wäre es, jetzt aus Angst um die Konjunktur zu zögerlich zu handeln. Dann müssten wir später umso stärker straffen, was die Konjunktur noch mehr belasten würde. Das wäre etwa der Fall, wenn die Preise und Löhne auf breiter Front erhöht würden, was eine dauerhaft erhöhte Inflationsrate wahrscheinlicher machen könnte.

Sehen Sie schon erste Anzeichen einer Lohn-Preis-Spirale?

Wir sehen im Augenblick hohe Forderungen der Gewerkschaften, was bei der aktuell hohen Inflationsrate auch verständlich ist. Aber die Erfahrung zeigt, dass die tatsächlichen Tarifabschlüsse meist niedriger liegen als die ursprünglichen Forderungen. Die bisherigen Abschlüsse blieben meist unterhalb der Inflationsrate. Auch wurde vom Instrument der steuerfreien Einmalzahlungen Gebrauch gemacht. Daher sehen wir derzeit keine Lohn-Preis-Spirale im Sinne einer zusätzlichen Erhöhung der Inflationsrate durch die aktuellen Lohnabschlüsse – wenn überhaupt, handelt es sich eher um eine Preis-Lohn-Spirale. Dennoch ist das Risiko von stärkeren Zweitrundeneffekten hoch. Denn die derzeit höheren Lohnabschlüsse könnten die aktuelle Phase hoher Inflationsraten verlängern.

Wirkt die nachhaltige Transformation auch inflationstreibend? Werden die hohen Investitionen nicht über die Angebotspreise an die Verbraucher weitergegeben? Was kann man dagegen unternehmen?

Der Klimawandel selbst und auch die Transformation hin zu klimaneutralem Wirtschaften haben durchaus Auswirkungen auf die Inflation. Beispielsweise ist die CO2-Bepreisung zu Recht das zentrale Politikinstrument, um CO2–Emissionen zu senken. Sie lässt aber unmittelbar und mittelbar die Preise steigen. Investitionen in neue Produktionstechnologien wirken indirekt preistreibend, etwa aufgrund der erhöhten Nachfrage nach benötigten Komponenten und Rohstoffen. Aber es gibt auch gegenläufige Effekte. So ist die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien inzwischen günstiger als die aus fossilen Brennstoffen. Langfristig ist daher eher mit sinkenden Energiepreisen zu rechnen. Unter dem Strich sind die Auswirkungen also nicht so eindeutig.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in das gerade begonnene Jahr 2023?

Ich bin nun seit einem Jahr Präsident der Bundesbank – ich hätte nicht gedacht, was alles in einem Jahr passieren kann und wie schwierig die Lage wird. Trotzdem bin ich optimistisch, dass wir in Deutschland einen schwerwiegenden wirtschaftlichen Einbruch vermeiden können und mit einem milden Abschwung davonkommen. Und ich bin zuversichtlich, dass wir die hohe Inflationsrate mittelfristig in den Griff bekommen werden. Der EZB-Rat ist sich seiner Verantwortung sehr bewusst.

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