„Jahrhundertprojekt für Europa“ Interview mit dem Magazin „Markt und Mittelstand“

Das Interview führte Anke Henrich.

Herr Balz, die EZB hat eine Entscheidung Mitte des Jahres angekündigt. Für den Bezahlverkehr der Unternehmen würde das eine technisch, organisatorisch und personell aufwändige Umstellung bedeuten. Welchen Vorteil hätten kleine und mittlere Unternehmen davon?

Das hängt von der konkreten Ausgestaltung ab. Bislang haben wir Bargeld und Geld auf Konten bei Geschäftsbanken, das wir mithilfe moderner Zahlungssysteme bewegen. Mit dem digitalen Euro käme ein drittes Medium hinzu, mit dem wir – ähnlich wie mit Bargeld – direkt bezahlen könnten, aber eben digital.

Etwas konkreter aus Sicht der Unternehmen, bitte.

Der digitale Euro hätte dann zum Beispiel Vorteile, wenn er programmierbar wäre und damit die Möglichkeit bieten würde, zukünftig Geschäftsvorgänge einfacher abzuwickeln. Ein Beispiel: Im Wareneingang eines Unternehmens wird ein geliefertes Produkt als mängelfrei angenommen. Sobald das passiert ist, kann über die Abrechnung mit dem digitalen Euro sofort der Bezahlvorgang an den Lieferanten ausgelöst werden. Das ganze Feld der Industrie 4.0, wo von Maschine zu Maschine abgerechnet werden könnte, würde profitieren.

Innerhalb des EU-Währungsraumes klingt das nach einer möglichen Vereinfachung. Für Branchen wie den Maschinenbau mit großem außereuropäischen Exportgeschäft zum Beispiel nach China oder Amerika klingt das nicht so.

Für einen globalen Nutzen brauchen Sie dann wie bei Maschinenstandards auch die entsprechenden Schnittstellen zwischen den verschiedenen Währungsräumen, Stichwort Interoperabilität. Aber auch die Verbesserung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs und das Potential von digitalem Zentralbankgeld ist auf der Agenda der internationalen Zentralbank-Community.

Das Thema darf man aber getrost als industriellen „pain point“ bezeichnen, genauso wie die dafür nötige maximal sichere Infrastruktur. 

Aber ohne Interoperabilität wird es perspektivisch auch beim Thema grenzüberschreitender Zahlungen ins außereuropäische Ausland nicht gehen. Wir sind dabei, entsprechende Technologien zu erforschen und erproben. Danach wissen wir, wie ein genaues Konzept aussehen könnte.

Und wann kommt der digitale Euro?

Es wäre nicht seriös, darüber zu spekulieren. Aber ich gehe davon aus, dass in den nächsten vier bis fünf Jahren eine Menge passieren wird. Wenn wir über programmierbares Geld sprechen, muss es am Ende nicht nur im Euroraum funktionieren, sondern sollte auch mit den anderen großen Wirtschaftsräumen wie den Vereinigten Staaten, Kanada und den großen Volkswirtschaften Asiens wie China und Japan korrespondieren.

Mit wem spricht denn die Bundesbank dazu auf Unternehmensseite?

Wir haben die Arbeitsgruppe Geld in programmierbaren Anwendungen ins Leben gerufen. Dazu gehören ausgewählte Vertreter des Bundesfinanzministeriums, der deutschen Kreditwirtschaft und der Realwirtschaft wie Siemens und Daimler.

Und kleine und mittlere Unternehmen?

Kein Grund zur Sorge: Es geht uns nicht darum, nur mit deutschen Blue Chips zu reden. Mit Vertretern des Mittelstands tauschen wir uns fortlaufend aus, unter anderem etwa im Rahmen des Forums Zahlungsverkehr. Dort diskutieren sowohl Anbieter als auch Nachfrager von Zahlungsdiensten über aktuelle Entwicklungen im Zahlungsverkehr.

Was heißt der digitale Euro für die Transaktionskosten der Banken - also für die Gebühren der Unternehmen?

Das müssen Sie die Vertreter der Kreditwirtschaft fragen. Welche Preis- und Gebührenmodelle Banken nutzen, ist nicht das Thema einer Zentralbank.

Ein möglicher Bankensturm im Fall einer neuen Finanzkrise oder Pandemie gebe aber schon.

Die Möglichkeit ist real und deshalb natürlich ein großes Thema für uns. In Zeiten einer Krise könnte das dazu führen, dass Einlagen bei Geschäftsbanken durch digitales Zentralbankgeld ersetzt würden. Außerdem schätzen viele Menschen auch das Bargeld, gerade in unsicheren Zeiten. So beobachteten wir in den ersten beiden Wochen des Lockdowns im März 2020 zu Beginn der Covid-19-Pandemie bei den Geschäftsbanken vorübergehend signifikante Geldabhebungen.

Cash is King?

Offensichtlich: Nachdem die Menschen realisierten, dass die Corona-Pandemie anders als die Finanzkrise keine Gefahr für das Bankensystem bedeutete, normalisierten sich die Abhebungen schon nach zwei Wochen. Auch aus dieser Erfahrung heraus ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir in einer neuen Krisensituation ähnliche Effekte sehen würden. Diese dürfen durch den digitalen Euro aber nicht noch verstärkt werden. Genau das werden wir im Rahmen eines Projektes noch genauer erforschen.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dem aktuellen Euro und dem möglichen digitalen Euro. Beim digitalen Euro wären nicht Geschäftsbanken die Schuldner, sondern die ausfallgeschützten Zentralbanken. Dementsprechend hätten die Nutzer des digitalen Euro eine viel höhere Sicherheit.

Aber wir müssen den digitalen Euro gut durchdenken. Und er muss nicht nur sicher, sondern auch komfortabel sein. Sonst lassen sich die hochgesteckten politischen Erwartungen an einen digitalen Euro als Alternative zu privatwirtschaftlichen Stablecoins und die Verantwortung der Zentralbank für die Stabilität und Erhaltung einer marktbasierten Funktionsweise des Finanzsystems nicht erfüllen.

Mit dem digitalen Euro kommt auch das bargeldlose Zahlen wieder auf. Hätten Sie Sorgen, wenn ihre Geldtransaktionen digital nachvollziehbar wären?

Meine Frage ist, wer steckt am Ende des Tages hinter solchen Bezahlsystemen. Wenn das BigTechs oder andere privatwirtschaftliche Unternehmen sind, besteht die Möglichkeit, dass sie diese Daten nutzen und auswerten, um andere Produkte und Dienstleistungen anzubieten. Das muss man als Privatperson nicht mögen.

Hinter dem digitalen Euro aber stünde das Eurosystem und kein gewerblicher Anbieter. Wir würden diese Daten nicht geschäftlich nutzen. Das liegt ganz klar weder in unserem Interesse noch in unserem Aufgabenbereich. Wir würden nur dann Daten herausgeben, wenn ein richterlicher Beschluss zum Beispiel im Rahmen von Terrorismus, Geldwäsche oder in Verbindung zu sonstigen Straftaten vorliegt. Aber das gilt heute schon für uns wie auch für private Anbieter.

Bisher sprechen wir über die Sicht der Deutschen Bundesbank auf einen digitalen Euro. Die Entscheidung liegt aber im Sinne der europäischen Systemsouveränität nicht in Frankfurt, sondern in Brüssel.

Zunächst einmal ist das Eurosystem gefragt. Aber sicherlich spielt auch Brüssel eine Rolle. Dort sitzen wir mit am Tisch und entscheiden zusammen mit den anderen Staaten. Wir sind seit mehr als 20 Jahren in diesem Währungssystem unterwegs, da sollten solche Fragen keine Rolle mehr spielen.

Sehr diplomatisch, Herr Balz.

Als deutsches Mitglied in der High Level Task Force der EZB bringe ich unsere Position seit deren Gründung im Januar 2020 ein, und wir arbeiten im Gremium der nationalen Spitzenvertreter konstruktiv zusammen. Mein Beruf macht mir gerade ausgesprochen viel Freude. Realistisch betrachtet ist der digitale Euro ein Jahrhundertprojekt für Europa – und für mich das spannendste Projekt in meinem bisherigen Berufsleben.


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