"Klimarisiken sind auch finanzielle Risiken" Interview im Handelsblatt, Ausgabe 91/2022

Die Fragen stellten Jan Mallien und Frank Wiebe. 

Sabine Mauderer ist im Bundesbank-Vorstand für Personal und Märkte zuständig. Sie engagiert sich in einem Netzwerk mit anderen Notenbanken für eine klimafreundliche Ausrichtung des Finanzsystems.

Frau Mauderer, Sie setzen sich für ein nachhaltigeres Finanzsystem ein. Verschiebt sich jetzt nicht - angesichts von Krieg und Lieferengpässen - die  Priorität eher Richtung Versorgungssicherheit?

Energiesicherheit und Transformation sind für mich zwei Seiten einer Medaille. Die heutige Krise - mit der hohen Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen aus Russland - zeigt mehr denn je: Wir müssen umsteuern hin zu einer nachhaltigen Energiegewinnung. Das gilt ganz besonders für Länder wie Deutschland, die keine großen eigenen fossilen Vorräte haben. Das heißt, das Thema hat in unserer Region eher an Bedeutung gewonnen.

Wie lässt sich die Umstellung beschleunigen?

Durch die Krise sind die fossilen Rohstoffe sehr teuer geworden, und damit werden erneuerbare Energien wettbewerbsfähiger. Viele erneuerbare Energien sind schon jetzt wettbewerbsfähig, wir sehen aber gleichzeitig einen Preisdruck durch die hohe Nachfrage und die Lieferkettenproblematik. Klar ist: Wir stehen vor einer enormen Herausforderung. Denn es geht nicht um einzelne Branchen, sondern um die Transformation der gesamten Wirtschaft. Je später die Politik ein verlässliches Rahmenwerk setzt, desto schwieriger und teurer wird es.

Wer soll das bezahlen?

Allein um den Umbau des Energiesystems zu finanzieren, brauchen wir in der Europäischen Union (EU) bis 2030 pro Jahr zusätzliche Investitionen von etwa 350 Milliarden Euro. Das ist eine gewaltige Summe. Das kann der Staat allein nicht leisten. Hier müssen die öffentliche Hand und der Privatsektor zusammenarbeiten. Daher sind bei der Finanzierung der Transformation auch Banken, der Kapitalmarkt, Pensionskassen und Versicherer sowie Philanthropen gefragt.

Welche Rolle hat dabei aus Ihrer Sicht der Finanzsektor?

Der Finanzsektor muss die notwendigen Finanzmittel für die grüne Transformation mobilisieren. Wir beobachten, dass die Nachfrage nach entsprechend ausgerichteten Anlagen das Angebot bei Weitem übersteigt. Ein großes Thema ist ESG.

Wie lässt sich erreichen, dass diese Kriterien tatsächlich zu mehr Investitionen führen, die den Klimawandel bremsen können?

Wichtig ist, dass die Transformation von den alten, karbonintensiven Strukturen hin zur Klimaneutralität gelingt. Es geht somit nicht nur darum, das zu finanzieren, was ohnehin schon ESG-Kriterien genügt. Es geht auch darum, den heute karbonintensiven Unternehmen die Mittel für einen schrittweisen Übergang bereitzustellen.

Wie ist das glaubwürdig umsetzbar?

Investoren brauchen die Sicherheit, dass die Finanzmittel, die sie einsetzen, tatsächlich zur Transformation beitragen. Dafür braucht es dreierlei: erstens eine klare Definition nachhaltiger Aktivitäten. Zweitens gute Daten, und die erhält man durch international harmonisierte Offenlegungsanforderungen. Und drittens brauchen wir Produktstandards, die von qualifizierten und unabhängigen Stellen überprüft werden können. Damit stellen wir sicher, dass als nachhaltig bezeichnete Finanzprodukte tatsächlich einen positiven Beitrag zur Transformation leisten. Solche Finanzierungen würden bei zunächst noch klimaschädlichen Unternehmen ansetzen und erst später in den "grünen" Bereich kommen. Ein gutes Beispiel sind sogenannte Sustainability-linked Bonds (SLBs). Dabei werden die Finanzierungskonditionen an bestimmte Ziele gekoppelt. Werden die verfehlt, wird es für die Schuldner teurer. So schafft man die richtigen Anreize. 

Welchen Beitrag kann die Bundesbank zur Transformation leisten?

Zunächst einmal grundsätzlich: Wir machen keine Klimapolitik, aber wir berücksichtigen Klimarisiken, die auch finanzielle Risiken sind. Und das bezieht sich auf alle Bereiche, in denen wir tätig sind. 

Wie genau greift die Bundesbank ein?

Unsere Bankenaufseher schauen sich die Risiken in den Bankbilanzen an. Und es ist auch ein Thema der Finanzstabilität. Außerdem haben wir eigene nicht-geldpolitische Portfolios, etwa für Pensionsverpflichtungen. Bei deren Anlage berücksichtigen wir verstärkt Klimarisiken. Und wir verwalten Geld für öffentliche Körperschaften, etwa den Bund und einzelne Bundesländer. Für fast alle unserer 16 Klienten setzen wir eine nachhaltige Anlagestrategie um.

Und wie sieht das bei Anleihen aus, die aus geldpolitischen Gründen gekauft werden?

Hier spielen Staatsanleihen mit 80 bis 95 Prozent die Hauptrolle. Hier wäre der Appell, die Staatshaushalte nachhaltiger auszurichten. Außerdem kaufen wir im Rahmen der Ankaufsprogramme im Euro-System auch Unternehmensanleihen. Diese machen einen kleineren Teil aus. Hierfür hat der EZB-Rat im vergangenen Juli beschlossen, Klimarisiken stärker zu berücksichtigen.

Wie könnte das aussehen?

Darüber diskutieren wir noch. Es gab eine ganze Reihe an Beschlüssen, zum Beispiel, dass wir unsere ökonomischen Modelle im Hinblick auf die Klimarisiken ausbauen wollen. Über vieles wird noch diskutiert. Ein erster Schritt wird sein, den CO2 - Fußabdruck unserer nicht geldpolitischen Portfolios zu messen und zu veröffentlichen. Damit beginnt die Bundesbank in diesem Sommer.

Die EU hat Pläne zu einer Taxonomie vorgestellt, um die ESG-Kriterien transparenter zu machen. Welche Rolle spielt das für die Notenbanken?

Es gibt weltweit viele Ansätze und Taxonomien, die sich jedoch zum Teil stark unterscheiden. Die EU-Taxonomie ist komplex, das ist in der Umsetzung für einige Unternehmen eine Herausforderung. In Asien, etwa in Malaysia und anderen Asean-Ländern, sind die Vorgaben offener. Es geht dort mehr um Prinzipien als um detaillierte Vorgaben. Der Ansatz ist flexibler, lässt aber größere Spielräume und damit mehr Unsicherheit zu.

Wie stehen Sie denn zu dem Streit in der EU, ob Atomkraft und Gas als Energiequelle als nachhaltig eingestuft werden sollten?

Entscheidend ist in diesen Fragen Transparenz. So können Investoren selbst entscheiden, wie sie sich positionieren wollen. In dem Zusammenhang finde ich die Initiative wichtig, Klimarisiken in die internationalen Rechnungslegungsstandards einzubeziehen. Das sorgt auch für die notwendige Harmonisierung. Ich begrüße daher die Arbeiten des International Sustainability Standards Board (ISSB), der genau das umsetzen soll. Es war wichtig, dass es dem Finanzplatz Deutschland
gelungen ist, den ISSB nach Frankfurt zu holen.

Frau Mauderer, vielen Dank für das Interview.

© Handelsblatt. Alle Rechte vorbehalten.