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„Libra steht völlig quer zu allem“

„Libra steht völlig quer zu allem“ Interview in der Süddeutschen Zeitung

05.11.2019 | Joachim Wuermeling

Das Gespräch führten Alexander Hagelüken und Markus Zydra.

Chinesen und Skandinavier zahlen zunehmend digital statt bar, Kryptogeld von Bitcoin bis Libra macht staatlichen Währungen Konkurrenz. Müssen wir unser Verständnis von „Geld“ überdenken?

Kryptoassets und Stablecoins stellen die Aufsicht vor große Fragen. Im Grunde bietet Libra Dienste an wie eine Bank, ist aber keine und wird auch nicht so beaufsichtigt. Deshalb brauchen wir neue Regeln – und weil es eine globale Plattform ist, globale Regeln. Dabei hat Geld eine lange Geschichte. Wenn es nach Münzen und Scheinen jetzt digitaler wird, sage ich erstmal: Warum nicht? Aber das Gemeingut Geld muss sicher bleiben.

Facebook-Chef Marc Zuckerberg formuliert das euphorischer: Die Internetwährung Libra werde „Milliarden von Menschen das Leben erleichtern". 

Da redet er weniger von Europa, als vielmehr von Afrika und Asien, wo es einen hohen Bedarf an besseren Finanzdienstleistungen gibt. Zum Beispiel haben nur 40 Prozent der Filipinos ein Bankkonto. Aber dass Digitalkonzerne nur uneigennützige Problemlöser sind, müssen sie erst beweisen.

Rund 2,7 Milliarden Menschen nutzen Facebook, Whatsapp und Instagram. Von diesem Einfluss träumt ein Bundesbanker wie Sie nur. Entsteht so eine globale Währung?

Ich würde eher von „Plattformgeld“ als einer „Währung“ sprechen. Natürlich ist die Nutzerzahl der große Trumpf von Facebook. Unter anderem aus diesem Grund beschäftigen sich auch verschiedene Gremien wie beispielsweise die G7 mit dem Thema.

Wenn Sie das große Ganze in den Blick nehmen: Was löst Kryptogeld wie Libra aus?

Die genaue Ausgestaltung ist noch unklar, aber unter Umständen könnte Libra in gewissem Maße das derzeit verwendete Geld verdrängen. Mit allen Konsequenzen für die Verbraucher, die Banken, das Finanzsystem und die Geldpolitik.

Und dabei schauen die Regierungen und Notenbanken einfach zu?

Natürlich nicht. Wir beschäftigen uns intensiv mit Libra und Stablecoins – auf internationaler und auf nationaler Ebene. Jetzt benötigen wir aber konkrete Informationen, um die Vorschläge faktenbasiert bewerten zu können. Diese haben wir von Facebook angefordert. Allerdings muss man sehen, dass sich ortsungebundene Währungen nicht einfach verbieten lassen. Selbst wenn man das in Deutschland tut: Wie verhindert man, dass jemand Libra benutzt, die er im Ausland erwirbt?

Also?

Die Zentralbanken müssen sich das Projekt als Ganzes genau anschauen. Letztlich sichern sie die Stabilität des Geldes. Staatliches Geld gibt es in Deutschland seit den 1870er Jahren. Private Währungen sind stets an der Gier der Emittenten gescheitert, wie früher etwa Fürsten die Währungen manipulierten, in dem sie das Silber in den Münzen streckten.

Erlaubt ist privates Geld ja erstmal.

Ja, auch in Deutschland gibt es zum Beispiel Regionalwährungen. Aber die erreichten bisher nie die Relevanz von staatlichem Geld, weil ihnen die Akzeptanz, die Sicherheit und überhaupt der Ehrgeiz dazu fehlten. Libra könnte jetzt eine völlig andere Dimension erreichen.

Welche Gefahren sehen Sie konkret?

Es sind nicht alle Details bekannt. Immerhin wäre Libra anders als Bitcoin konzipiert, denn es soll durch einen Korb von Währungen gedeckt sein. Gleichzeitig gibt es bei Libra viele Risiken. Das fängt beim Nutzer an….

…nämlich?

Die größte Gefahr für den Nutzer ist, dass er sein Geld nicht zurückbekommt. Es gibt bisher keine Garantie, Libra in Euro zurücktauschen zu können. Außerdem sehe ich die Gefahr, dass solches Plattformgeld genutzt wird, um Geld zu waschen oder Terroristen zu finanzieren. Und dann sind da Risiken, falls das Plattformgeld sich weit verbreitet.

Halten Sie das für wahrscheinlich?

Falls von mehr als zweieinhalb Milliarden Facebooknutzern nur jeder 20. von dem Service Gebrauch macht, wären das mehr Kunden als Deutschland Einwohner hat. Wenn die Summen sehr groß werden, könnte Libra mehr Geld verwalten als viele Vermögensverwalter auf der Welt. Facebook würde über Anleihen, die zur Deckung von Libra erworben werden müssen, der größte Gläubiger einzelner Staaten. Will man das?

Sie befürchten, der Konzern könnte politische Zugeständnisse erzwingen?

Sagen wir es so: Es könnten Abhängigkeiten entstehen.

Sehen Sie die Gefahr, dass eine private Riesenwährung eine neue Finanzkrise auslöst?

Vorstellbar wäre da so einiges. Wenn es bei Libra zu Problemen kommt und viele Nutzer ihr Geld zurücktauschen wollen – und dies möglich ist – könnte der Wert stark fallen. Probleme könnte es dann auch für die Kapitalmärkte und die Banken geben.

Das ist eine ganze Menge.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt. In

Europa dominiert keine digitale Plattform. Amazon, Google und Facebook machen sich Konkurrenz. Das ist auch gut so. In anderen Ländern geht das schon in Richtung Monopol. Mit Libra könnte Facebook in manchen Ländern eine Vorrangstellung beim Digitalen insgesamt erreichen. Das ist ja genau das Ziel, das dominante übrigens, denke ich.

Wie sollten sich Regierungen und Zentralbanken verhalten?

Dieses Plattformgeld Libra steht völlig quer zu allem, was wir kennen. Facebook sitzt in den USA. Das Geld wird in der Schweiz geschöpft, Finanzakteure in den einzelnen Ländern geben es aus und es dürfte irgendwo auf der Welt auf Facebookkonten liegen. Das ist, wie wenn eine Firma den Kabelbaum eines Autos in Tschechien genehmigen lässt, die Bremsen in Spanien und den Blinker in Italien – aber niemand auf das Auto als Ganzes schaut. Es braucht globale Regeln und Institutionen, um Libra und andere Anbieter mit ähnlichem Geschäftsmodell zu überwachen.

Eine schwere Aufgabe.

Was hier passiert, ist die „Dekonstruktion des Geldes“, wie der Ökonom Markus Brunnermeier vor einigen Wochen schrieb. Staatliche Währungen erfüllen drei Funktionen. Sie sind Recheneinheit, Tauschmittel und Wertaufbewahrung in einem. Libra zerlegt diese und baut Teile davon in seine Plattform ein. Es lässt sich nicht mit unserer klassischen Vorstellung von Geld erfassen. Das ist Disruption, wie Digitalkonzerne sie auch in anderen Bereichen betreiben.

Mit 50 Euro kann ich in der Eurozone überall zahlen, was ist mit 50 Libra?

Es gibt eben keine staatliche Garantie, damit zahlen zu können. Nutzer können es nur in der „Librawelt“ verwenden. Außerdem unterliegt es Wertschwankungen, sobald sich etwa der Kurs von Euro zu Dollar verändert oder sich gar die Anteile der Währungen im Korb ändern.

Wie soll der Staat also reagieren?

Wie fassen wir Libra? Wir sind in einer neuen Welt. Für global tätige Banken gibt es strenge Anforderungen an Eigenkapital und Liquidität. Sie werden von globalen „Kollegien“ beaufsichtigt. Um die Risiken kleinzuhalten, sollte Libra meines Erachtens ähnlichen Regeln und einer ähnlichen Beaufsichtigung unterworfen werden.

Sollten Zentralbanken ebenfalls digitales Geld anbieten? Schweden geht voran.

Die G7-Finanzminister und -Notenbanken begrüßen weitere Analysen dazu. Es gibt allerdings berechtigte Einwände: Wenn Bürger nur noch Zentralbankgeld halten, also keine Bankkonten mehr führen, verschwinden dann all die privaten Banken? Was passiert, wenn alle Kunden in einer Krise plötzlich nur noch digitales Zentralbankgeld haben wollen und ihr Geld von den Banken abziehen?  Derartige Bedenken sollten nicht beiseitegeschoben werden. Ich bin gespannt, ob sich dafür Lösungen finden lassen.

Wäre es aus europäischer Sicht vielleicht sogar erwünscht, der Dominanz des Dollar etwas entgegenzusetzen?

Die Digitalisierung der eigenen Währung wird jedenfalls in einigen Ländern, z. B. den USA, China oder der Schweiz, als Mittel im Wettbewerb der Währungen diskutiert.

Werden neue Zahlungsprodukte von Apple Pay bis WeChat das Bargeld verdrängen?

In China haben Anbieter wie WeChat das Bargeld in nur fünf Jahren praktisch als Zahlungsmethode ersetzt…

…müssen die Deutschen um ihre Daten fürchten, wenn so was kommt?

Nein, wir haben andere Gesetze. Für Zahlungen per Kreditkarte gilt das Bankgeheimnis, die Daten darf niemand weitergeben. Und das gilt auch für neue Zahlungsprodukte. Aber ich sehe ohnehin nicht, dass bei uns das Bargeld verschwindet.

Warum?

Es gibt da kulturelle Unterschiede. Unsere Umfragen zeigen, dass den Deutschen Bargeld lieb ist. Rund 70 Prozent der Transaktionen bzw. rund 40 Prozent des Umsatzes werden bar getätigt. Und es gibt keinerlei staatliche Absicht, das Bargeld zurückzudrängen.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content.

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