„Stabile Lösung“ statt „Spekulationsobjekte“ Interview im Handelsblatt

Das Gespräch mit Burkhard Balz führten Elisabeth Atzler und Andreas Kröner.

Herr Balz, die EZB will 2023 über die Einführung eines digitalen Euro entscheiden. Können Sie erklären, was normale Bürger davon haben?

Wir haben als Zentralbanken des Euroraums den Anspruch, den Bürgerinnen und Bürgern das bestmögliche Produkt zur Verfügung zu stellen. Bisher können sie auf Zentralbankgeld nur in Form von Scheinen und Münzen zugreifen. In einer Welt, die immer digitaler wird, machen wir uns deshalb Gedanken, ob man den Menschen nicht auch die Möglichkeit gibt, digital auf Zentralbankgeld zuzugreifen.

Man kann heute schon digital bezahlen – im Internet genauso wie mit dem Handy an der Ladenkasse. Welchen Mehrwert kann ein digitaler Euro liefern?

Zahlungen im EU-Ausland oder über Ländergrenzen hinweg sind heute meist nur mithilfe internationaler Kartensysteme möglich. Diese Abhängigkeit gäbe es mit einem digitalen Euro nicht mehr. Hinzu kommt das Bedürfnis vieler Menschen, auch im bargeldlosen Zahlungsverkehr eine europaweit funktionierende, verlässliche Lösung zu haben. Dies hat unsere Konsumentenbefragung im März 2022 gezeigt. Außerdem wäre es für Staaten zukünftig leichter, Bürgerinnen und Bürgern direkt Geld zukommen zu lassen. Das ist aktuell nicht ohne Weiteres möglich, wie die Diskussion um die Energiepauschale gezeigt hat.

Diskutiert wird aktuell darüber, dass Bürger den digitalen Euro in einer elektronischen Geldbörse (Wallet) auf dem Smartphone aufbewahren und damit dann bezahlen können. In Deutschland sind Handyzahlungen an der Kasse bisher allerdings die Ausnahme.

Das stimmt, aber der Zahlungsverkehr wird sich in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Der digitale Euro startet frühestens im Herbst 2026. Das Ganze ist auch ein Generationenthema. Viele junge Menschen bezahlen heute schon alles mit dem Smartphone. Klar ist jedoch, dass wir auch eine Lösung für die Menschen brauchen, die nicht mit dem Smartphone bezahlen wollen. Die Zentralbanken müssen alle mitnehmen.

Facebook hat 2019 mit seinen Plänen, eine eigene Digitalwährung einzuführen, viele Notenbanken aufgeschreckt. Wollen Sie mit dem digitalen Euro verhindern, dass Ihnen private Konzerne eines Tages den Rang ablaufen?

Bisher sind Kryptoassets, die wir bewusst nicht Währungen nennen, Spekulationsobjekte. Für den Zahlungsverkehr im großen Stil sind sie nicht geeignet. Aber das kann sich ändern. Auch bei Stablecoins, den vermeintlich stabilen Kryptowerten, ist Vorsicht geboten, wie uns die jüngsten Turbulenzen deutlich vor Augen geführt haben. Wir sollten uns vom Einbruch an den Kryptomärkten jedoch nicht blenden lassen. Ich glaube nach wie vor an die Innovationskraft des privaten Sektors und finde Wettbewerb grundsätzlich gut. Wir Zentralbanken haben aber den staatlichen Auftrag, eine stabile Währung herauszugeben, die im Alltag genutzt werden soll und damit die Grundlage bildet für das Wirtschaftsgeschehen.

Welche Rolle spielt der Wettbewerb unter den Zentralbanken?    

Aktuell gibt es weltweit mehr als 100 Projekte für digitale Währungen. Jamaika, Nigeria, die Bahamas und der ostkaribische Währungsraum haben bereits digitales Zentralbankgeld eingeführt. Andere Länder wie China haben digitale Währungen schon umfangreich getestet. Als einer der großen Währungsräume dieser Welt darf sich der Euroraum hier nicht abhängen lassen.

Die EZB will mit dem digitalen Euro die europäische Souveränität und strategische Autonomie stärken. Dehnt die Notenbank, die vor allem für Preisstabilität sorgen soll, ihr Mandat damit zu weit aus?

Nein. Das Eurosystem, die Europäische Kommission, der Europäische Rat und das EU-Parlament arbeiten bei diesem Projekt Hand in Hand. Wir alle sind der Meinung: Wir brauchen in diesen schwierigen Zeiten mehr europäische Autonomie. Die Europäische Kommission arbeitet gerade an einem Vorschlag zu einer Verordnung, die festlegt, wie ein digitaler Euro eingesetzt werden darf. Ich finde es richtig, dass die Politik hier Leitplanken setzt, die wir bei der möglichen Einführung eines digitalen Euros natürlich beachten würden.

Wenn man Sie, aber auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde, reden hört, hat man den Eindruck, dass ein digitaler Euro sicher kommen wird – und dass es nur noch um das Wie geht.

Den Eindruck könnte man natürlich bekommen, aber ich versichere Ihnen als Mitglied des Vorstands der Bundesbank und als Mitglied der High Level Task Force, die sich bei der EZB um das Projekt kümmert, dass noch keine endgültige Entscheidung getroffen wurde. Die High Level Task Force wird bis Ende September 2023 einen Vorschlag machen. Der EZB-Rat wird dann zum Ende des Jahres 2023 hin entscheiden.

Können Bürgerinnen und Bürger bei einem positiven Votum direkt ein Konto bei der EZB eröffnen oder weiterhin nur bei Geschäftsbanken?

Formell ist diese Frage noch nicht entscheiden, aber lassen Sie mich mit einer Gegenfrage antworten: Meinen Sie, dass die Zentralbanken des Eurosystems daran interessiert wären, 340 Millionen Konten zu führen? Oder wir als Bundesbank mehr als 80 Millionen Konten in Deutschland?

Wir vermuten nicht, zumal dann die Gefahr bestünde, dass Kunden gerade in Krisenzeiten all ihr Geld zu den Notenbanken tragen – und Geschäftsbanken in der Folge zusammenbrechen.

Ich kann Ihnen versichern: Wir Zentralbanken haben keinerlei Interesse, die Stabilität des Finanzsystems zu gefährden oder gar Banken ausbluten zu lassen.

Neben einem digitalen Euro für Privatpersonen berät die EZB auch über eine sogenannte Wholesale-Variante, einen programmierbaren Euro für Unternehmen. Soll diese parallel eingeführt werden oder etwas später?

Meine Erwartungshaltung ist, dass wir zunächst mit einer Variante für Privatkunden beginnen, die möglichst schon weitere Funktionalitäten erfüllen kann. Dass Maschinen zum Beispiel untereinander Zahlungen direkt und vollautomatisch auslösen können, ist gerade für Industriestandorte wie Deutschland von großer Bedeutung. Darüber hinaus läuft die Diskussion über eine Wholesale-Variante, also ob wir Geschäftsbanken Zentralbankgeld in tokenisierter Form zur Verfügung stellen müssten.

Lassen Sie uns über ein anderes Projekt sprechen, das Ihnen am Herzen liegt: Der Aufbau eines neuen EU-Zahlungssystems, kurz EPI. Die Banken wollen mit dem 2020 gestarteten Projekt unabhängiger von US-Konzernen wie Mastercard, Visa und Paypal werden. Bisher konnten sie sich aber nicht auf die Ausrichtung und die Finanzierung einigen. Zahlreiche Banken sind abgesprungen.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir ein solches europäisches System brauchen. Und ich bin zuversichtlich, dass am Ende alle relevanten Finanzinstitute aus Deutschland mitmachen.

Die ursprünglichen Pläne sahen vor, dass mehr als vier Milliarden Euro in den Aufbau von EPI investiert werden. Nun wird nur noch über eine abgespeckte Version mit Investitionen von 1,5 Milliarden Euro diskutiert. Wie soll man mit einem solchen Budget Mastercard, Visa und Paypal angreifen?

Es ist wichtig, dass Europa überhaupt ein solches Projekt startet. Wenn EPI erst einmal im Einsatz ist, werden wir sehen, dass sich weitere Banken und andere Unternehmen anschließen – auch aus EU-Staaten, die sich aktuell nicht beteiligen wollen. EPI ist ein offenes System, bei dem weitere Gesellschafter einsteigen können.

Die aktuellen Pläne sehen vor, dass EPI eine Bezahl-Wallet entwickelt, also eine App für das Smartphone. Eine gemeinsame europäische Bezahlkarte soll es dagegen nicht geben. Bringt EPI in dieser Form überhaupt etwas?

Auf eine Bezahlkarte zu verzichten ist aus meiner Sicht eine zukunftsgerichtete Entscheidung. Die Bankkarten, in Deutschland die Girocard, sind heute noch sehr wichtig. Auf lange Sicht wird aber immer mehr Zahlungsverkehr über das Smartphone laufen. Dass die ursprünglichen EPI-Pläne nicht geflogen sind, lag maßgeblich daran, dass viele Institute in Europa nicht mehr wirklich an die Bankkarte glauben.

Werden Bankkarten auch in Deutschland an Bedeutung verlieren?

Erst mal gehe ich davon nicht aus. Seit dem Beginn der Coronapandemie ist die Zahl der Transaktionen mit der Girocard deutlich gestiegen. Die Karte wird in Deutschland noch lange ein attraktives Zahlungsmittel bleiben – genauso wie Bargeld.

Investieren die deutschen Banken genug in die Zukunft der Girocard, von der immerhin 100 Millionen in Umlauf sind?

Das müssen die Banken selbst beurteilen. Ich finde es wichtig, dass die deutsche Kreditwirtschaft ein so starkes Produkt wie die Girocard weiterentwickelt und dass es digitaler wird. Perspektivisch müssen sich die Banken dann fragen, wie sie solche nationalen Kartenprodukte zu einem europäischen System weiterentwickeln können. Möglicherweise kann EPI dabei zu einem späteren Zeitpunkt wieder eine Rolle spielen.

Die EZB hat EPI kürzlich ausgewählt, um einen Prototyp für die Nutzung des digitalen Euros an der Ladenkasse zu entwickeln. Ist das der Versuch der Notenbank, dieses schleppende Projekt zu fördern?

So schleppend finde ich es gar nicht. Europäische Projekte brauchen naturgemäß immer etwas mehr Zeit. Dass EPI als einer von fünf Partnern ausgewählt wurde, um Prototypen für die Nutzung des digitalen Euro zu entwickeln, ist ein klares Zeichen. Die Notenbanken des Eurosystems setzen auf dieses Projekt und können sich vorstellen, dass EPI ein wichtiger Distributionskanal für den digitalen Euro wird.
 

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