„Wir haben getan, was eine Notenbank tun muss“ Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

13.03.2020 | Jens Weidmann EN FR

Das Gespräch mit Jens Weidmann führte Gerald Braunberger.

Herr Weidmann, an den Finanzmärkten herrscht eine große Nervosität. Stehen wir vor einer Krise wie in den Jahren 2007 bis 2009? 

Wir befinden uns heute nicht in einer vergleichbaren Situation. Die Krise kommt nicht aus dem Finanzsystem. Es geht in erster Linie um die Eindämmung des Coronavirus. Insgesamt ist das Finanzsystem heute auch deutlich stabiler aufgestellt. 

Die Finanzmärkte haben mit Enttäuschung auf die heutigen Beschlüsse der Europäischen Zentralbank reagiert. Hätten Sie mehr tun müssen?

Nein, wir haben mit Blick auf unsere Rolle und Möglichkeiten angemessen reagiert. Es gab womöglich zu hohe Erwartungen an die Europäische Zentralbank, so wie es auch zu hohe Erwartungen an die Fed und an die Bank of England gab. Derzeit stehen die Notenbanken nicht in der ersten Verteidigungslinie. 

Was ist denn Ihre Rolle? 

Wir haben das getan, was eine Notenbank in einer Krise in erster Linie tun muss: Wir haben für eine großzügige Versorgung der Banken mit Liquidität gesorgt. Und das bei weiterhin außergewöhnlich niedrigen Zinsen. Damit treten wir der Gefahr einer Kreditklemme entgegen. Die geldpolitische Linie haben wir – auch über die Anleihekäufe – nochmal gelockert. 

Stehen wir vor einer Rezession?

Natürlich sind unsere bisherigen Konjunkturprognosen zu optimistisch. Kurzfristig wird es schon zu einem deutlichen Rückschlag kommen. Aber nach der Eindämmung des Virus wird sich die Wirtschaft wieder erholen. Allerdings ist derzeit schwer abzusehen, wann dies der Fall sein wird. 

Muss man sich Sorgen um die Stabilität der Banken machen? 

Nein. Die deutschen Banken haben ihr Eigenkapital gestärkt, und Liquidität ist im Bankensystem reichlich vorhanden. Und die europäischen Aufseher haben heute kommuniziert, dass vorhandene Puffer auch genutzt werden können. 

Wenn der Spielraum der Geldpolitik begrenzt ist: Wer soll nun handeln? 

Entscheidend sind vor allem die Gesundheitsversorgung und die Eindämmung der Epidemie. Und die Finanzpolitik ist gefordert: zunächst mit einem erleichterten Zugang zu Kurzarbeitergeld und Hilfen für Unternehmen, die vorübergehend in Schwierigkeiten geraten. Sie muss dafür sorgen, dass aus einem vorübergehenden Problem kein dauerhafter Schaden für die Wirtschaft entsteht. Das kann im weiteren Verlauf auch breitere konjunkturelle Hilfen erfordern. 

Steht in Deutschland die Schwarze Null zur Disposition? 

Das ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um dogmatisch über die Schwarze Null zu streiten. Gerade wegen der Haushaltsdisziplin der vergangenen Jahre verfügt Deutschland über einen weitgehenden Spielraum im Rahmen der bestehenden europäischen und nationalen Regeln. Wir müssen aber auch sehen, dass auf lange Frist und nach einer Überwindung der aktuellen Krise alleine schon wegen der demografischen Entwicklung Belastungen auf den Staatshaushalt zukommen.

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