„Wir können Käufe vorsichtig dosieren“ Interview mit dem Handelsblatt

Das Gespräch mit Jens Weidmann führten führten Kathrin Jones, Jan Mallien und Frank Wiebe.

Herr Weidmann, so langsam kehrt unser altes Leben zurück, die Wirtschaft erwacht aus dem Lockdown. Wie empfinden Sie das?

Wie wir alle freue ich mich, ohne größere Einschränkungen andere Menschen zu treffen, alltägliche Erledigungen zu machen oder in der Freizeit etwas Schönes zu tun. Die Wirtschaft dürfte sich nun recht rasch erholen. Überwunden ist die Pandemie zwar noch nicht, denken Sie nur an neue Virusvarianten. Aber insgesamt ist der Ausblick jetzt besser und nicht mehr ganz so unsicher.

Wann verlässt die Europäische Zentralbank (EZB) den Krisenmodus und kehrt zu einer normalen, strafferen Geldpolitik zurück?

Trotz der guten konjunkturellen Nachrichten für den Euroraum liegt der Preisanstieg gemäß unseren Prognosen 2022 und 2023 noch spürbar unter zwei Prozent. Daher ist eine lockere Geldpolitik derzeit weiterhin richtig. Ich halte aber auch eine etwas stärkere Preisentwicklung für möglich, und mit weiteren Fortschritten bei der Pandemiebewältigung werden hoffentlich bald die krisenbedingten Sondermaßnahmen zurückgeführt.

Trotzdem hat sich der EZB- Rat letzte Woche mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Anleihekäufe im Rahmen des Notfallprogramms PEPP, das auf ein Gesamtvolumen von 1,85 Billionen Euro ausgelegt ist, ungebremst weiterlaufen zu lassen. Haben Sie da zur Mehrheit gehört?

Für die Ausrichtung der Geldpolitik kommt es nicht so sehr auf das monatliche Auf und Ab der Käufe an, sondern auf das Gesamtvolumen. In der anschließenden Pressekonferenz klang ja an, dass es auch Stimmen gab, das Tempo im Sommer zu drosseln. Ich bin durchaus optimistisch, dass wir bei der Krisenbewältigung vorankommen und dann die Käufe vorsichtiger dosieren können.

PEPP soll ja mindestens bis Ende des kommenden März laufen. Wann muss die EZB den Märkten ein Signal geben, dass dieser Zeitpunkt nicht doch überschritten wird?

Angesichts der immer noch vorhandenen Unsicherheit in beide Richtungen erscheinen mir zum jetzigen Zeitpunkt längerfristige Vorfestlegungen weder hilfreich noch glaubwürdig. Meines Erachtens ist auch weniger entscheidend, wann genau wir kommunizieren, sondern vielmehr, dass wir dann klar und überzeugend kommunizieren. Wenn der Notfall vorüber ist, für den das PEPP geschaffen wurde, muss das PEPP beendet werden.

PEPP gibt der EZB besondere Flexibilität, etwa auch die Chance, bei Anleihekäufen vom Kapitalschlüssel, also der Gewichtung der Länder nach wirtschaftlicher Größe und Bevölkerung, abzuweichen. Wäre es denkbar, diese Flexibilität auf das Programm APP mit monatlichen Netto-Zukäufen für 20 Milliarden Euro zu übertragen?

Das PEPP ist ein Programm für eine Ausnahmesituation, die besondere Flexibilität erfordert und rechtfertigt. Wenn diese Ausnahmesituation vorbei ist, dann ist eine solch hohe Flexibilität nicht mehr angemessen.

Und wann ist der Notfall beendet?

Voraussetzungen sind nach meiner Meinung das Auslaufen der wesentlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und eine gefestigte Erholung der Wirtschaft. Sicherlich sollten wir die Unterstützung nicht zu früh entziehen. Ich gehe aber derzeit davon aus, dass wir im nächsten Jahr keine ungewöhnliche Unterauslastung der Kapazitäten mehr haben werden – und zwar auch dann, wenn wir die geldpolitischen Notfallmaßnahmen zurückfahren. Das wäre für mich dann kein Krisenjahr mehr. Letztlich wird der EZB-Rat über die Frage entscheiden.

Kann es ein Kriterium sein, dass die Inflationsprognosen der EZB wieder auf ähnlichem Niveau wie vor Corona- liegen?

Das überzeugt mich nicht. Es geht hier um ein außergewöhnliches Notfallprogramm, und der Notfall ist dann vermutlich schon längst vorbei.

Wäre es möglich, APP etwas zu erhöhen, um ein Auslaufen von PEPP abzufedern?

Die beiden Programme haben unterschiedliche Zwecke, und ich würde sie nicht derart verzahnen. Wichtig ist, das Notfallinstrument PEPP zu beenden, wenn dieser Notfall vorüber ist. Das APP zielt auf die allgemeine geldpolitische Ausrichtung und ist separat davon zu betrachten.

Kommen wir zur Inflation. Sie kann nach Prognose der Bundesbank in Deutschland in diesem Jahr vier Prozent erreichen und im Euroraum über zwei Prozent. Wie groß ist die Gefahr, dass sich dieser Trend verfestigt?

Die Preisaussichten sind natürlich nach einer solchen Krise besonders unsicher. Es ist aber ganz klar das Mandat des Eurosystems, eine dauerhaft hohe Inflation zu verhindern. Aus unserer Sicht ist der starke Preisanstieg in Deutschland vorübergehend, und es deuten sich in der mittleren Frist keine zu hohen Raten an. Eine hartnäckig überhöhte Inflation würde unter anderem überschießende Lohnabschlüsse voraussetzen. Dafür haben wir derzeit keine Anhaltspunkte.

Das ändert aber nichts daran, dass gerade in Deutschland die Sorge vor einer dauerhaft hohen Inflation groß ist.

Natürlich bedeutet für Verbraucherinnen und Verbraucher eine Inflationsrate von vorübergehend vier Prozent – wie wir sie zum Jahresende in Deutschland erwarten –, dass ihre Kaufkraft entsprechend sinkt. Das gilt aber gegenüber dem vergangenen Jahr. Und da ist unter anderem zu berücksichtigen, dass 2020 die Kaufkraft durch die temporäre Mehrwertsteuersenkung erhöht war. Im Übrigen bezieht sich die offizielle Preisstatistik auf einen repräsentativen Warenkorb. Er spiegelt nicht unbedingt jede individuelle Lebenswirklichkeit wider.

Wie lässt sich das verbessern?

Zum Beispiel indem wir die Kosten fürs Wohnen in den eigenen vier Wänden in den Harmonisierten Verbraucherpreisindex einbeziehen. Das habe ich bereits in der Vergangenheit gefordert, und es ist jetzt im Rahmen unserer Strategie-Überprüfung ein wichtiges Thema.

Viele Menschen haben im Lockdown eine Menge Geld gespart. Wenn die den Konsum nachholen, treibt das nicht die Preise hoch?

Das haben wir in unserer Prognose zu berücksichtigen versucht. Wenn eine erhöhte Nachfrage auf ein begrenztes Angebot trifft, könnten die Unternehmen ihre Preise anheben. Wie sich einzelne Unternehmen verhalten, wird sich aber von Bereich zu Bereich unterscheiden. Im Übrigen würden Nachholeffekte beim Konsum wieder auslaufen. Es gibt auch Bereiche, in denen während der Pandemie die Nachfrage zugenommen hat und wieder nachlassen könnte, zum Beispiel bei Möbeln oder Haushaltsgeräten. Und es gibt Unterschiede innerhalb des Euroraums. Aus unseren Befragungen wissen wir, dass in Deutschland viele Haushalte das zusätzlich Angesparte zum Teil wieder ausgeben möchten. In Italien zum Beispiel ist das anders. Dort scheint die Bevölkerung zurückhaltender zu sein.

Die Coronakrise ist anders als die Finanzkrise. Damals war die Inflation hinterher sehr lange gedämpft. Jetzt erwarten Ökonomen nach dem abrupten Einbruch 2020 eine starke Erholung der Wirtschaft. Besteht die Gefahr, dass die Notenbanken die Finanzkrise im Kopf haben und deshalb zu langsam die Geldpolitik straffen?

Die Pandemie ist für alle Politikbereiche sicher eine herausfordernde Zeit. Ich finde es wichtig, dass Notenbanken in beide Richtungen schauen: nicht nur auf Deflationsrisiken, sondern auch auf das Risiko, dass die Inflation doch höher ausfallen kann. Darüber hinaus sehe ich für die Geldpolitik die Gefahr, dass sie aufgrund zu hoher Staatsschulden unter politischen Druck gerät, die Zinsen länger als nötig niedrig zu halten.

In der Strategie-Debatte spielt auch das Inflationsziel eine Rolle. Können wir da erwarten, dass die Formulierung von „unter, aber nahe zwei Prozent“ geglättet wird?

Der Austausch mit verschiedenen Gesellschaftsgruppen im Rahmen der Strategieüberprüfung hat nochmals verdeutlicht, dass wir unser Ziel verständlicher formulieren sollten. Darauf habe ich auch bereits hingewiesen. Und der EZB-Rat wird hier sicher ansetzen.

Also „zwei Prozent“ als symmetrisches Ziel?

Das würde mir durchaus einleuchten.

Ein weiterer Grund zur Sorge für viele Bürger sind die hohen, schuldenfinanzierten Staatsausgaben zur Pandemie-Bekämpfung. Droht von dieser Seite Inflationsgefahr?

Zunächst einmal war es vollkommen richtig, dass die Staaten beherzt auf die Coronakrise reagiert haben. Wenn Maßnahmen nach der Pandemie auslaufen, sehe ich auch keine Überhitzungsgefahr.

Aber so geht Europa doch auch mit einer hohen Schuldenlast aus der Krise hervor.

Das Problem ist, dass schon vorher manche Staaten hochverschuldet waren. Nach der Krise sollten gerade die sehr hohen Schuldenquoten verlässlich zurückgeführt werden. Dabei helfen transparente und bindende Fiskalregeln. Das schützt auch die Geldpolitik. Sie darf nicht die Zinsen niedrig halten, nur um Regierungen die Finanzierung zu erleichtern. Die Geldpolitik darf sich der Finanzpolitik nicht unterordnen. Wenn es die Preisstabilität erfordert, müssen wir die Zinsen anheben.

Die EZB will bald den digitalen Euro auf den Weg bringen. Die Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem es einen regelrechten Hype um Kryptowährungen gibt. Was erhoffen Sie sich vom E-Euro?

In einem digitalen Umfeld werden Konsumenten und Unternehmen mit Zentralbankgeld bezahlen können. Entscheidend ist für mich, dass der digitale Euro einen echten Mehrwert bringt, indem zum Beispiel neue Dienstleistungen entstehen.

Ein digitaler Euro könnte zu einer Art Bargeld werden. Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Bürger in einer Krise ihr Geld von der Bank abziehen, es in digitale Euros umtauschen und es zu einem Bank-run kommt?

Ja, der digitale Euro kann auch Risiken bergen. Und die müssen wir durch seine Ausgestaltung einhegen. Im Gespräch sind zum Beispiel Obergrenzen für Guthaben oder gestaffelte Zinsen. Solche Einschränkungen würden allerdings gleichzeitig die Attraktivität des digitalen Euro schmälern. Und es gibt dabei viele offene Fragen, etwa ob Privatpersonen und Unternehmen den gleichen Schranken unterliegen sollen. Was die Ausgestaltung angeht, sind die Wünsche von Unternehmen und Konsumenten übrigens unterschiedlich. Viele Unternehmen wünschen sich zum Beispiel ein Zahlungsmittel, das in voll automatisierte Prozesse eingebunden werden kann.

Stichwort programmierbares Geld?

Ja, mit Hilfe der Blockchain-Technologie könnten Zahlungen automatisch ausgelöst werden, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind, also etwa eine Ware am Zielort angekommen ist. Dafür müsste das digitale Geld nicht unbedingt von der Notenbank ausgegeben werden, das ginge auch mit entsprechend gestaltetem Geschäftsbankengeld. Die Bundesbank arbeitet an ganz verschiedenen Lösungen, um den Zahlungsverkehr effizienter zu gestalten.

Ist Europa mit seinen Plänen zum digitalen Euro nicht spät dran im Vergleich zu anderen Ländern wie zum Beispiel China?

Angesichts der Risiken sollten derartige Pläne wohlüberlegt und gut vorbereitet sein. Wir brauchen eine Lösung, die auf die Bedürfnisse in Europa zugeschnitten ist. Und auch China bricht die Einführung nicht übers Knie, sondern geht hier vorsichtig und schrittweise vor.

Aber der Vormarsch von Bitcoin und anderen Kryptowährungen ist doch eine Herausforderung. Warum sollte die junge Generation auf den E-Euro warten, wenn sie den Bitcoin hat?

Mich beeindrucken Bitcoins als Zahlungsmittel überhaupt nicht. Fragen Sie mal Ihre Freunde oder Bekannten, ob sie ihre Einkäufe mit Bitcoins bezahlen! Die Transaktionen sind langwierig und verbrauchen viel Strom. Aufsehen erregen vor allem die starken Kursschwankungen. Genau deshalb ist dieser Krypto-Token auch nicht zur Wertaufbewahrung geeignet. Was bleibt, sind spekulative Motive.

Waren Sie schon mutig oder neugierig genug, in Bitcoins zu investieren?

Neugierig bin ich auf die Möglichkeiten der zugrundeliegenden Blockchain-Technologie, die sich ja stetig weiterentwickelt. Und darüber unterrichten mich meine Fachleute regelmäßig. Dafür muss ich keine Bitcoins kaufen. Und Geldanlagen sollten auch keine Mutproben sein.

© Handelsblatt. Alle Rechte vorbehalten.