"Wir setzen uns intensiv mit den Fragen zum digitalen Zentralbankgeld auseinander" Interview im Newsletter des BAI e.V.

24.06.2020 | Burkhard Balz

Das Interview führte Frank Dornseifer.

Die Diskussion über die Einführung von digitalem Zentralbankgeld ist ja nicht neu und es gibt eine einschlägige Taskforce der Zentralbanken. Im Fokus stehen dabei insbesondere technische, ökonomische und natürlich rechtliche bzw. regulatorische Fragestellungen. Wo lauern in diesen Bereichen die größten Fallstricke und welche Lösungsansätze gibt es?

An erster Stelle geht es für Zentralbanken darum, zu klären, unter welchen Bedingungen die Einführung digitalen Zentralbankgeldes erforderlich werden könnte. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht dabei ein digitales Zentralbankgeld, das – wie Bargeld – von der breiten Bevölkerung genutzt werden könnte. Zu den denkbaren Ausgangsszenarien gehören zum Beispiel ein dauerhafter Rückgang der Bargeldnachfrage oder eine starke Verwendung von Stablecoins wie Libra, die durch private Anbieter herausgegeben werden. Sollte man auf diese Szenarien mit der Ausgabe digitalen Zentralbankgeldes reagieren wollen, müssen in weiteren Schritten mögliche Ausgestaltungsformen und geeignete technische Umsetzungen erörtert werden. Auch rechtliche Fragen wären noch zu klären wie die Frage, ob das vertraglich festgelegte Mandat von EZB und Eurosystem für eine Ausgabe digitalen Zentralbankgeldes angepasst werden müsste. Mit diesen Fragen setzen wir uns im Eurosystem – wie auch zahlreiche andere Notenbanken auf der ganzen Welt – derzeit intensiv auseinander.

Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Wie werden die Arbeiten der Taskforce durch die Ankündigungen beziehungsweise Vorstöße aus China zum digitalen Yuan beziehungsweise von Facebook zu Libra beeinflusst?

Alle Zentralbanken beobachten die Entwicklungen bei jeder Art von digitalem Geld sehr genau. Das Libra-Projekt hat die Aufmerksamkeit für das Thema nochmal erhöht, für Regulatoren, Aufsichtsbehörden und Zentralbanken sind aber weiterhin viele Fragen offen. Dazu gehören auch Verbraucherschutzaspekte. Doch jetzt ist zunächst einmal die Aufsicht in der Schweiz gefordert. Denn dort hat die Libra Association einen Antrag auf Zulassung als Zahlungssystem gestellt. Aufgrund der globalen Dimension bindet die Schweizer Aufsicht weitere 20 Aufsichtsbehörden und Zentralbanken in das Verfahren ein. In China geht es dagegen um die Ausgabe digitalen Zentralbankgeldes. Die People‘s Bank of China befindet sich mit diesem Projekt schon in einer Pilotphase. Über die Ausgestaltung wissen wir bislang sehr wenig, deshalb fällt eine gründliche Einschätzung schwer. So ist bisher nicht klar, inwieweit die Nutzung des digitalen Yuan außerhalb von China möglich sein wird, und ob die Verwendung für Ausländer überhaupt attraktiv wäre. Auf absehbare Zeit sehe ich durch beide Entwicklungen keine Gefahr für den Stellenwert des Euro.

Welche Einsatzmöglichkeiten für den digitalen Euro sehen Sie im privaten Bereich, welche im institutionellen Bereich, auch mit Blick auf die Vermögensanlage? Der digitale Euro soll Bargeld ja nicht ersetzen, ist das richtig?

Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass alle Überlegungen derzeit rein analytischer Natur sind. Wir schauen uns zurzeit Szenarien an, in denen die Ausgabe eines digitalen, von den Zentralbanken geschaffenen Euro eine Option darstellen könnte. Keiner denkt dabei übrigens daran, mit digitalem Zentralbankgeld Bargeld abschaffen zu wollen. Bargeld sollte auch künftig weiter zur Verfügung stehen, um jedem die Freiheit bei der Wahl seines Zahlungsmittels zu lassen. Wenn Zentralbanken über digitales Zentralbankgeld reden oder schreiben, ist in erster Linie an Zahlungsmittel zu Transaktionszwecken gedacht, nicht zur Wertaufbewahrung. Denn eine der wesentlichen Risiken bei der Ausgabe digitalen Zentralbankgeldes sehen wir darin, dass Privatpersonen oder Unternehmen ihre Einlagen und Ersparnisse im großen Umfang von Geschäftsbanken abziehen könnten. Wir nennen dieses Phänomen strukturelle Disintermediation des Bankensektors. Die Geschäftsbanken haben aber eine wichtige Funktion im heutigen Finanzsystem. Sie sorgen für eine effiziente Kreditallokation und versorgen die Wirtschaft so mit Liquidität. Diese Funktion sollen sie auch weiterhin erfüllen können. Ein Einlagenabzug im großen Stil würde ihnen dafür die Grundlage entziehen. In Forschungspapieren wird deshalb vorgeschlagen, dieses Risiko durch Betragsgrenzen für digitales Zentralbankgeld abzumildern und Beträge über dieser Begrenzung durch eine schlechtere Verzinsung bewusst unattraktiv zu machen.

Kommen wir zu den Finanzmärkten und der Finanzmarktstabilität. Welche Szenarien möglicher Auswirkungen werden in der Taskforce diskutiert und wie wird sichergestellt, dass Zentralbanken auch in Zukunft ihr Mandat als Hüter einer stabilen Währungs- und Geldpolitik erfüllen können? Wie soll mit den im Vergleich zu CBDC höheren Ausfall-, Kontrahenten-, und regulatorischen Risiken von privaten Stablecoin Projekten (wie zum Beispiel Libra) umgegangen werden? Halten Sie die Hinterlegung von Sicherheiten wie im Fall Libra (100 Prozent: 20 Prozent Cash, 80 Prozent Staatsanleihen Kurzläufer) für ausreichend?

Ich möchte dem Bericht der Task Force hier nicht vorgreifen. Aber meine Ausführungen zeigen, dass digitales Zentralbankgeld je nach Ausgestaltung auch Risiken für die Finanzstabilität mit sich bringen kann. In Krisenzeiten besteht selbst bei unattraktiver Verzinsung das Risiko, dass Einleger ihre Einlagen in größerem Umfang in sicheres Zentralbankgeld umschichten. Das könnte zu einer Destabilisierung der Institute und im Extremfall zu einem „digitalen“ Bank-Run führen. Ein weiteres Risiko stellt die Ausweitung der Bilanz des Eurosystems dar, wenn die Nachfrage nach digitalem Zentralbankgeld sehr groß wäre. Das Eurosystem könnte gezwungen sein, den Banken zusätzliche Liquidität bereitzustellen – durch Zentralbankkredite oder Wertpapierkäufe. In der Konsequenz könnte dies eine Lockerung der Anforderungen an zentralbankfähige Sicherheiten oder von der Zentralbank zu kaufende Wertpapiere erfordern. Beides könnte die Risiken für die Bilanz des Eurosystems zunehmen lassen. All die genannten Auswirkungen müssen berücksichtigt und sehr sorgfältig abgewogen werden, wenn man über digitales Zentralbankgeld nachdenkt. Deshalb ist es derzeit noch zu früh für eine Einschätzung, ob und in welcher Form digitales Zentralbankgeld eingeführt werden kann und sollte. Auch Stablecoins, die von privaten Anbietern herausgegeben werden, können mit vielfältigen Risiken verbunden sein. Reden wir von Libra, dann hängt der Wert des Stablecoins unter anderem stark von der Menge und der Qualität der hinterlegten Sicherheiten, dem Sicherheitenmanagement und der Liquiditätssituation im Markt ab. Am Ende kommt es auch auf die Stabilität des gesamten Ökosystems an, das aus vielen Akteuren und Intermediären bestehen wird. Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch zu wenig darüber bekannt, wie dies in der Praxis funktionieren soll, welche Risiken dabei entstehen und welche Maßnahmen zur Risikoabsicherung getroffen werden müssen. Ohne eine befriedigende Antwort auf diese Frage darf nach meiner Auffassung – und auch nach Auffassung der EU-Behörden – Libra in der EU nicht an den Start gehen.

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