"Wir sind in einer günstigen Ausgangsposition" Interview in der Welt

21.03.2020 | Jens Weidmann EN FR IT

Das Gespräch mit Jens Weidmann führten Anja Ettel, Olaf Gersemann und Ulf Poschardt.

Wie geht es dem Bundesbankchef im Homeoffice? Wie muss man sich Ihren Alltag jetzt vorstellen? 

Jens Weidmann:  Na ja, vermutlich so wie bei Ihnen auch. Mit vielen Papieren, vielen Telefonaten und den Blick immer fest auf dem Computerbildschirm. Ab und zu fahre ich aber auch noch ins Büro. 

Und dort halten Sie den empfohlenen Mindestabstand von zwei Metern ein? 

Natürlich. Die meisten Besprechungen, auch im Vorstand, finden als Telefon- oder Videokonferenz statt, selbst wenn die Kolleginnen und Kollegen eigentlich nebenan sitzen. Das ist eine der vielen Vorsichtsmaßnahmen, um sicherzustellen, dass wir arbeitsfähig bleiben. Die Bundesbank ist schließlich Teil der kritischen Infrastruktur.  

Wann wurde Ihnen zum ersten Mal klar, wie ernst das Corona-Problem werden könnte? 

Mitte Januar kamen die Zentralbankchefs bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel zusammen. Da war der Corona-Ausbruch in China schon ein wichtiges Thema. In den Gesprächen mit meinem chinesischen Kollegen schälte sich immer mehr heraus, dass es China mit einer gravierenden menschlichen und auch wirtschaftlichen Krise zu tun hatte. Aber alle waren wohl überrascht, wie schnell aus einem Problem in China ein Problem für die ganze Welt wurde. 

Am Mittwoch um kurz vor Mitternacht zückte die Europäische Zentralbank (EZB) dann die “Bazooka”, in Form eines Anleihenkaufprogramms im Umfang von 750 Milliarden Euro. Wie ist die Entscheidung im Rat der EZB, dem Sie ja qua Amt angehören, zustande gekommen? 

Bei einer Telefonkonferenz. Wir haben sehr ausgiebig diskutiert, es wurden unterschiedliche Sichtweisen vorgestellt und auch unterschiedliche Lösungsansätze. Aber am Ende haben wir entschieden. Ungeachtet von Unterschieden bei einzelnen Punkten sind wir uns einig, dass Handlungsbedarf besteht und umfangreiche Maßnahmen wichtig sind. Jetzt geht es darum, das Programm angemessen umzusetzen. 

Nur wenige Tage zuvor hatte der EZB-Rat bei seiner turnusmäßigen Sitzung ein wesentlich kleineres Nothilfeprogramm präsentiert.  

Ob ein Programm „klein“ oder „groß“ ist, kommt doch auf die Umstände an. Das erste Paket war zum Zeitpunkt, als es verabschiedet wurde, der Lage angemessen. Aber die Entwicklung ist eben sehr dynamisch, und die Bewertung ändert sich in kurzen Zeitabständen. 

Hat die EZB nun ihr Pulver verschossen? 

Nein, das hat man vor den letzten Entscheidungen auch schon gesagt.  

Aber ein international koordiniertes Vorgehen, etwa mit der Bank of England oder der amerikanischen Fed, gibt es offenbar nicht.  

Wir sind mit den Kolleginnen und Kollegen viel intensiver im Austausch als sonst. Wir informieren uns über unsere Maßnahmen und stimmen uns auch ab, wie die gerade vereinbarten Swap-Linien zeigen, durch die beispielsweise US-Dollar bereitgestellt werden. 

Eine Rezession in Deutschland ... 

… ist jetzt wohl unvermeidlich. 

Und wie schlimm wird die?  

Worauf es zunächst ankommt ist, dass die Ausbreitung des Virus gestoppt wird. Jeder einzelne ist gefordert, die sozialen Kontakte auf das Notwendigste zu beschränken. Ich hätte mir gewünscht, dass das funktioniert, ohne dass es angeordnet werden muss… 

… in Form von Ausgangssperren, die jetzt erst einmal gelten sollen.

 Das ist in der Tat eine einschneidende Maßnahme. Aber genau dafür ist die Politik da: Das Für und Wider solcher Maßnahmen abzuwägen und dann zu entscheiden.  

Was ist Ihr Eindruck von den bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung? 

Die Bundesregierung hat schnell und richtig gehandelt. Zentral erscheint mir, das Vertrauen der Bürger in das staatliche Handeln zu bewahren. In Bezug auf die Wirtschaftspolitik heißt das, dass der Staat die ökonomischen Folgen für die Menschen und die Unternehmen abfedert. Auch war es richtig anzukündigen, entschlossen bei der Wiederbelebung der Wirtschaft zu helfen, wenn die Epidemie eingedämmt ist. Die Geldpolitik unterstützt, sie kann aber diesmal bei der Verteidigung nicht an vorderster Front stehen. 

Wie lange können wir diesen Zustand überhaupt durchhalten?

Bis vor Kurzem haben wir hierzulande teilweise leidenschaftlich darüber diskutiert, wie sinnvoll solide Staatsfinanzen sind. Es zeigt sich nun sehr deutlich: Es war genau richtig, dass Deutschland den Staatshaushalt in Zeiten guter Konjunktur konsolidiert hat. Dadurch sind jetzt Spielräume da, um mit dieser schweren Krise umzugehen. Wir sind also in einer günstigen Ausgangsposition.  

In anderen, hochverschuldeten Euro-Ländern sieht das weit weniger günstig aus. Welche Konsequenzen wird das haben? 

Die Fiskalregeln stehen der Handlungsfähigkeit dieser Länder jedenfalls nicht im Weg. Denn es gibt Ausnahmeklauseln für solche Krisen. Und sollten zusätzliche Mittel nötig sein, ist es an der Politik in Europa, über solidarische Hilfen zu entscheiden. Instrumente dafür wurden in der letzten Krise geschaffen.    

In den USA werden in Kürze Konsumgutscheine für die Bürger ausgeteilt. Was halten Sie von einer solchen Maßnahme? 

Solche Maßnahmen, ebenso wie klassische Konjunkturprogramme, können erst dann ihren vollen Effekt entfalten, wenn die Pandemie eingedämmt ist. Wann das sein wird, weiß derzeit aber noch niemand. Die Menschen sollen ja gerade nicht ins Restaurant oder ins Konzert gehen, deshalb wird mehr Geld für die Bürger jetzt auch nicht dazu führen, dass dort mehr nachgefragt wird.  

Helikoptergeld bringt also nichts? 

Man muss da unterscheiden. Das, was in den USA aufgelegt wird, sind staatliche Transferzahlungen und keine Transfers der Notenbank. Das ist also kein Helikoptergeld im klassischen Sinne. In Deutschland haben wir einen gut ausgebauten Sozialstaat, und es werden im Rahmen der Krisenbekämpfung staatliche Transfers ausgeweitet. Wenn die Eindämmung der Pandemie gelungen ist, muss man entscheiden, welche weiteren Maßnahmen sinnvoll sind, um die Konjunktur nach diesem schweren Dämpfer wieder zu stimulieren. Jetzt geht es darum, den Menschen die notwendige Sicherheit zu geben, dass sie so gut wie möglich durch diese Krise kommen.  

Viele Bürger haben jetzt Angst um ihr Geld. Was sagen Sie denen? 

Die Situation ist herausfordernd, allerdings sind das Finanzsystem und die Banken dieses Mal nicht Ausgangspunkt der Krise, und sie sind deutlich stabiler aufgestellt als vor der letzten Krise. Entscheidend ist, dass wir die Pandemie überwinden und dann wirtschaftlich wieder zügig Tritt fassen.   

Geldpolitik basiert normalerweise auf klaren Regeln. Welche langfristigen Folgen hat es für unser Geldsystem, wenn Bürger und Politiker sehen, dass eben offenbar doch Geld gedruckt werden kann ohne Limit? 

In einer Krise wie dieser ist Entschlossenheit gefragt ist, und es müssen außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen werden. Es ist aber genauso wichtig, nach der Krise wieder konsequent und verlässlich aus dem Krisenmodus auszusteigen. Das gilt für das staatliche Handeln im Allgemeinen, aber auch für die Geldpolitik. So ist etwa das neue Programm zeitlich an die Pandemie gekoppelt. Das Vertrauen der Menschen in unsere Institutionen braucht eben beides: beherztes Handeln in der Krise und einen Kompass, den man nicht aus dem Auge verlieren darf.

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