„Zunehmende Verwundbarkeiten im Finanzsystem“ Interview mit dem Handelsblatt

Das Gespräch mit Claudia Buch führten Kathrin Jones und Jan Mallien.

Frau Buch, die Coronakrise spitzt sich mit Omikron gerade wieder zu. Die Banken in Deutschland haben aber schon sehr früh erklärt, dass sie die Pandemie quasi abgehakt haben. Sind Sie genauso entspannt?

Nein. Die Banken sind zwar bislang sehr gut durch die Pandemie gekommen. Aber letztlich haben die Fiskalmaßnahmen die Banken indirekt vor den Folgen der Pandemie abgeschirmt. Der Bankensektor zeigt sich stabil, es sind ausreichend Kapitalpuffer vorhanden. Obwohl das BIP im vergangenen Jahr stark zurückgegangen ist, mussten die Banken kaum Verluste realisieren. Wenn die Prognosen stimmen, dann wird die wirtschaftliche Erholung im nächsten Jahr kommen – und selbst mit einer verzögerten Erholung könnten die Banken gut umgehen.

Wie stabil würden Sie die Banken derzeit einschätzen – auf einer Skala von eins (sehr schwach) bis zehn (sehr stark)?

Ungefähr bei acht. Aber das ist natürlich immer nur eine Momentaufnahme.

Und wo liegen die verbleibenden Risiken?

Es geht um die mittelbaren Pandemie-Folgen und die Frage, ob das Finanzsystem insgesamt noch einmal unter Stress gerät. Das könnte zum Beispiel passieren, wenn die Marktzinsen abrupt steigen. Auslöser können höhere Risikoprämien sein, die aktuell sehr niedrig sind, nicht unbedingt die Geldpolitik der Notenbanken. Ein plötzlicher Anstieg der Zinsen wäre für alle schwierig: Banken, Versicherer, aber auch Fonds sind verwundbar.

Aber es gilt doch inzwischen als ausgemacht, dass zumindest die US-Notenbank Fed im kommenden Jahr die Zinsen anheben wird, einfach weil der Inflationsdruck viel größer ist als ursprünglich erwartet.

Ein Szenario, in dem die Zinsen langsam steigen, ist aber nicht so problematisch. Einige Finanzinstitute entlastet das sogar, nämlich dann, wenn sie nominale Zinsversprechen an die Kunden haben, Stichwort Lebensversicherungen. Auf einen langsamen Zinsanstieg können sich alle einstellen.

Was würden Sie der Europäischen Zentralbank empfehlen, die bei der Straffung eher langsam umsteuert?

Wir sind ja nicht nur räumlich getrennt – die EZB sitzt hier in Frankfurt am anderen Stadtende. Die Geldpolitik des Eurosystems wird unabhängig im EZB-Rat entschieden, da will ich mich gar nicht einmischen. Aber in jedem Fall unterstützt ein widerstandsfähiges Finanzsystem die EZB bei ihren Aufgaben. Finanzstabilität ist eine Voraussetzung für die Sicherung der Preisstabilität.

Hätten die Banken denn im schlimmsten Fall genug Puffer um coronabedingte Kreditausfälle und gleichzeitig Turbulenzen an den Märkten zu bewältigen?

In einem solchen extremeren Szenario wird es ganz entscheidend darauf ankommen, dass der Bankensektor die vorhandenen Kapitalpuffer nutzt, um die Kreditvergabe zu stabilisieren. Der antizyklische Kapitalpuffer sollte daher wieder aufgebaut werden. Das konserviert vorhandenes Kapital, so dass es im Krisenfall genutzt werden kann. Denn wir sehen im Moment zunehmende Verwundbarkeiten und ein nachlassendes Risikobewusstsein im Finanzsystem – überall steht die Suche nach Rendite im Vordergrund. Das macht mir Sorgen.

Warum? Rendite ist doch wünschenswert …

Natürlich müssen die Banken sehen, dass sie gute Erträge erwirtschaften. Aber relativ gesehen werden seit einiger Zeit mehr Kredite an relativ gesehen schwächere Unternehmen vergeben. Die guten Unternehmen können sich über Eigenmittel oder auch am Kapitalmarkt finanzieren. Die schwächeren Unternehmen sind viel stärker auf Bankkredite angewiesen. Die internen Modelle der Banken weisen aber leider nicht gut aus, wie sich makroökonomische Risiken auswirken würden. Banken könnten solche künftigen Risiken unterschätzen.

Aber man kann den Banken ja schlecht vorschreiben, wem sie Kredite geben?

Darum geht es auch nicht. Die Aufsicht kümmert sich darum, ob die Risiko-Modelle der Banken funktionieren. Leider schauen Modelle in der Regel in den Rückspiegel. Dieser Blick kann aber trügerisch sein. In der Pandemie zum Beispiel haben die Banken kaum höhere Kreditausfälle verzeichnet. Das heißt aber nicht, dass sie in zukünftigen Rezessionen verschont bleiben. Wir schauen auf das gesamte Finanzsystem, um zu erkennen, ob sich irgendwo größere Risiken zusammenbrauen. Zudem brauchen wir ein verlässliches Regime zur Abwicklung und Sanierung von Banken.

Der ultimative Test dafür steht ja noch aus.

Richtig, der Test steht noch aus. Aber es ist schon viel passiert. Wir haben neue Gesetze und neue Institutionen, wir haben das Single Resolution Board (SRB). Ich bin ganz optimistisch. Wir sind einen großen Schritt vorangekommen und wissen jetzt auch, wie wir das System weiter verbessern können.

Lassen Sie uns über den boomenden Immobilienmarkt sprechen, die Preise steigen und steigen. Braut sich da eine Blase zusammen?

Es gibt einige Zutaten, die uns Sorge bereiten. Das sind die Preise, die zuletzt um etwa sieben Prozent gestiegen sind. Auch die Kreditvergabe für Immobilien hat stark zugelegt. Außerdem erwarten laut unseren Umfragen etwa 90 Prozent der privaten Haushalte weiter steigende Preise.

Warum haben Sie nicht schon stärker regulatorisch eingegriffen?

Weil die Kreditvergabestandards bisher noch relativ stabil geblieben sind. Kennziffern wie Beleihungswerte, also das Verhältnis des Marktwerts einer Immobilie zum Kreditbetrag, die Verschuldung der privaten Haushalte oder der Schuldendienst im Verhältnis zum Einkommen sind nicht so auffällig. Das liegt allerdings auch an den aktuell niedrigen Zinsen.

Was ist, wenn die Zinsen plötzlich stärker steigen, wie vorhin schon diskutiert?

Vor diesem Problem warnen wir seit Jahren. Das würde die Schuldner natürlich treffen. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass etwa die Hälfte der Immobilienkredite inzwischen eine Laufzeit von mehr als zehn Jahren hat. Ein Zinsanstieg schlägt also nicht ganz plötzlich durch, aber in der Tendenz natürlich schon.

Aber es schlägt dann auf die Banken durch, die so lange Zinsbindungen eingegangen sind. Auch wenn Risiken weitergereicht werden, bleiben sie im Finanzsystem, oder?

Ja, eine Zinsbindung von zehn Jahren ist bei steigenden Zinsen gut für die Haushalte, die die niedrigen Zinsen für einen langen Zeitraum gesichert haben. Das Zinsänderungsrisiko liegt dann aber bei den Banken.

Und welche Banken sind davon besonders betroffen?

Vor allem Sparkassen- und Genossenschaftsbanken, die traditionell eine besonders starke Rolle bei der privaten Immobilienfinanzierung spielen. Das hat die Aufsicht sehr eng im Blick. Aber es gibt auch andere Banken, die dort stark engagiert sind. Wir sehen auch, dass die Versicherer in diesen Bereich expandieren. Darauf achten wir.

Ist der starke Anstieg der Immobilienpreise in den vergangenen Jahren vor allem ein deutsches Phänomen, oder ist das im Euroraum ähnlich?

Es gibt durch die Niedrigzinsen einen gemeinsamen Faktor, der die Preise antreibt. Wir sehen überall, dass Anleger nach Investitionsobjekten suchen, die noch Rendite abwerfen, und es eine Flucht in Sachwerte gibt.

Was kann die Regierung dagegen tun?

Mit einem breiten Instrument allein, wie dem antizyklischen Kapitalpuffer, kann Risiken am Immobilienmarkt nicht zielgenau begegnet werden. Einen Ansatz gibt es im neuen Koalitionsvertrag der Ampel. Darin ist vorgesehen, die Rechtsgrundlage für weitere regulatorische Instrumente zu schaffen. Es geht um die Möglichkeit, zwei Kennziffern festlegen zu können: Die Gesamtverschuldung der privaten Haushalte im Verhältnis zum Einkommen und den Schuldendienst im Verhältnis zum Einkommen.

Warum ist das aus ihrer Sicht wichtig?

Bislang kann die BaFin als Aufsicht zwei Mindeststandards definieren, sofern dies nötig wird. Sie kann einen Mindestanteil an Eigenkapital festlegen und eine Mindesttilgung pro Jahr. Jetzt geht es darum, den Instrumentenkasten zu erweitern. Nicht unbedingt, um die neuen Instrumente unmittelbar einzusetzen, sondern um auf erhöhte Risiken vorbereitet zu sein.

Wenn es um Risiken im Finanzsystem geht, wird auch die Analyse von Klimarisiken immer wichtiger. Wie lassen sich diese messen?

Eine Möglichkeit haben wir in unserem Finanzstabilitätsbericht aufgezeigt. Dort haben wir uns angesehen, welche CO2-Preise nötig wären, um die Pariser Klimaziele zu erreichen und welche Bewertungsänderungen das zur Folge haben könnte.

Ist das denn so einfach möglich?

Wenn sie das auf einzelne Unternehmen runterbrechen wollen, sind Pflichten zur Offenlegung und zur Taxonomie nötig, also Regeln, die definieren, ob ein Unternehmen klimafreundlich wirtschaftet. Wir haben versucht abzuschätzen, wie einzelne Sektoren in der Realwirtschaft von Änderungen der CO2-Preise betroffen wären. Wir fokussieren uns auf die Kreditportfolien der Banken und die Wertpapierportfolien der Versicherer und Fonds.

Mit welchem Ergebnis?

Die Wertänderungen wären relativ gering, wahrscheinlich unter zehn Prozent der Portfolien. Das sind Verluste, mit denen die Banken und Versicherer umgehen könnten. Die Verluste kommen auch relativ zeitnah, weil das von den Märkten antizipiert wird und bauen sich dann langsam ab.

Aber es gibt auch andere Ansätze?

Eine andere Möglichkeit ist, physische Schäden durch einen Temperaturanstieg zu berücksichtigen, wie Hitzewellen, Dürren oder Überflutungen. Da geht es aber um eher langfristige Schäden. Die meisten Aktiva der Banken laufen nicht länger als zehn Jahre, im Durchschnitt sogar deutlich kürzer.

Werden also die Klimarisiken für das Finanzsystem überschätzt?

Unsere Analyse zeigt eher, wie wichtig es ist, sich frühzeitig mit dem Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu befassen. Wenn das jetzt gut gemacht wird, kann man mit den Risiken des Übergangs umgehen. Gute Klimapolitik schützt den Finanzsektor.

Nachfolger von Jens Weidmann an der Bundesbank-Spitze soll nun Joachim Nagel werden. Was wünschen Sie ihm?

Viel Glück und Erfolg natürlich! Joachim Nagel ist ein sehr geschätzter Kollege mit vielfältigen Erfahrungen. Auf die Zusammenarbeit mit ihm freue ich mich sehr. 

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