Banken in der Digitalisierungs-Zange Interview mit dem Bonner General-Anzeiger

18.02.2020 | Joachim Wuermeling

Das Interview mit Joachim Wuermeling führte Martin Wein.

Vor 20 Jahren waren die gediegensten Neubauten in vielen Städten oft die Zentralen der Sparkassen und Volksbanken. Heute werden viele Filialen geschlossen. Was hat daran mehr Anteil: Die digitale Transformation oder die politisch gewollte Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank?

Das ist vor allem eine Reaktion auf ein verändertes Kundenverhalten. Die meisten Bankkunden wollen ihre Bankgeschäfte bequem online erledigen – früher am PC, heute vermehrt mobil. Die Filialen suchen sie schlicht immer seltener auf.

Die Banken argumentieren allerdings überwiegend mit dem Kostendruck durch die Geldpolitik.

Die Niedrigzinspolitik ist Folge einer seit vielen Jahren zu niedrigen Inflation. Sie soll die volkswirtschaftliche Nachfrage anregen und damit für eine mittelfristig höhere Inflation sorgen. Hier sind wir auf einem guten Weg. Aber es gibt erhebliche Nebenwirkungen, auch für Sparer und die Banken.

Könnte die ultralockere Geldpolitik nicht die Banken insgesamt gefährden?

Die Marge zwischen den Aufwendungen für die Geldbeschaffung und den Erträgen aus der Kreditvergabe ist geringer geworden. Dies konnten die Banken bisher durch eine Ausweitung des Kreditvolumens ganz gut kompensieren. Die Banken müssen allerdings ihre Geschäftsmodelle prüfen und gegebenenfalls anpassen, um dauerhaft rentabel zu bleiben.

Eine mögliche Maßnahme sind Negativzinsen auch für Privatkunden.

Eine Bank muss Erträge erzielen, schon um ihre aufsichtsrechtlichen Vorgaben zu erfüllen. Letztlich wird sich im Wettbewerb entscheiden, ob Banken negative Zinsen auf Kundeneinlagen erheben und auf welche. Erste Banken geben schon negative Zinsen an Firmenkunden oder sehr vermögenden Privatkunden weiter, meist auf Grundlage von individuellen Vereinbarungen. Viele Banken und Sparkassen werden Kleinsparer nicht belasten, weil diese sonst zu Konkurrenten wechseln.

Bringt der digitale Wandel den Geldhäusern eher Vorteile durch Kostenersparnis und vereinfachten Zahlungsverkehr oder Nachteile etwa durch steigende Sicherheitsauflagen?

Die Digitalisierung nimmt die klassischen Banken in die Zange: Von der einen Seite bekommen sie mit reinen Online-Banken, Robo Advisorn und Online-Bezahldiensten Konkurrenz. Von der anderen Seite greifen sie große Plattform-Betreiber wie Apple oder Google an. Das große Plus der klassischen Banken ist das Vertrauen ihrer Kunden. Darauf können sie auch in der digitalen Welt aufbauen, müssen aber trotzdem Anstrengungen unternehmen, um den digitalen Kundenbedürfnissen gerecht zu werden.

Inwieweit haben regional tätige Kreditinstitute in der digitalen Kreditwirtschaft mit teils weltweiten Online-Angeboten überhaupt noch ihre Berechtigung?

Beim Zahlungsverkehr werden die Online-Plattformen im täglichen Gebrauch sicher Boden gut machen. Größere Finanzgeschäfte wie einen Hauskauf oder die Altersvorsorge werden viele Menschen aber auch in Zukunft mit einem Berater vor Ort besprechen wollen. Die ökonomische Funktion der Banken – das Einlagen- und Kreditgeschäft – bleibt im Übrigen auch in der digitalen Ära bisher erhalten. Apps für Bankdienstleistungen stützen sich auf die klassische Finanzinfrastruktur mit der Bank im Mittelpunkt.

Andererseits steigen viele Händler inzwischen wieder bei alternativen Bezahldiensten wie PayPal aus und liefern ganz herkömmlich auf Rechnung, weil ihnen die Gebühren zu hoch sind. Können Banken davon profitieren?

Wir befinden uns in einem sehr dynamischen Wettbewerb. Dort wird es immer wieder Bewegungen in die eine oder andere Richtung geben. Neue Wettbewerber locken zunächst mit attraktiven Angeboten. Dann erhöhen sie die Preise. Schließlich kommen andere Wettbewerber hinzu. Für den Verbraucher und die Volkswirtschaft ist das gut, weil die Kostenbelastung insgesamt gering bleibt.

Werfen Sie bitte einen Blick in die Kristallkugel:  Wird es in den nächsten 20 Jahren eine Fusionswelle oder ein Bankensterben geben?

Für die Banken und Sparkassen ist es im Moment herausfordernd, durch die Gewässer von Digitalisierung, Niedrigzinsphase, aber auch hohen regulatorischen Anforderungen zu navigieren. Es kann durchaus sein, dass der eine oder andere in diesem Sturm aus dem Markt ausscheidet. Auf der anderen Seite stellen wir als Bankenaufsicht fest, dass gerade die kleineren und mittleren Banken angefangen haben, sich auf diese Situation mit teilweise schmerzhaften und unpopulären Maßnahmen einzustellen. Das kann ihr Überleben sichern.

Viele Bundesbürger sehen Online-Banking weiterhin kritisch oder sind damit überfordert. Wie wollen Sie eigentlich sicherstellen, dass diese Leute auch in 20 Jahren noch an Geld kommen?

Den Eindruck habe ich nicht. Aber solange es noch den klassischen Kundenbedarf gibt, wird es auch Institute mit analogen Bankdienstleistungen geben. Allerdings müssen die Verbraucher damit rechnen, dass sie dafür mehr bezahlen müssen. Denn wenn zum Beispiel ein Bankmitarbeiter Details einer Überweisung mündlich aufnimmt, macht das eben mehr Arbeit, als wenn der Kunde den Auftrag online selbst erteilt.

Die Endstufe der digitalen Transformation wäre die digitale Währung. Kommt das Ende des Bargeldes?

Hier ist die Haltung der Bundesbank eindeutig: Solange die Bevölkerung Bargeld verwenden möchte, werden wir es in ausreichendem Maße zur Verfügung stellen. Wenn die Nachfrage stark zurückgehen sollte – wie in einigen europäischen Ländern – werden wir uns auch darauf einstellen. Ob wir den Euro irgendwann auch als digitale Währung herausgeben wollen, ist eine offene Frage mit komplexen volkswirtschaftlichen wie ordnungspolitischen Aspekten. Die Diskussionen hierzu sind gerade erst angelaufen. Wir als Bundesbank setzen uns damit intensiv auseinander, vor allem unter dem Aspekt der Stabilität des Geldes und des Finanzsystems.

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