Bargeld ist geprägte Freiheit, und die geben wir nicht auf Interview mit Focus

Das Interview mit Burkhard Balz führte Carla Neuhaus.

Herr Balz, wenn Sie Brötchen holen: Zahlen Sie bar oder mit Karte?

Wenn ich die Wahl habe, zahle ich meist mit Karte oder Smartphone. In der Pandemie ist das zum Glück noch einfacher geworden ist. Bei meinem Bäcker musste ich vor Corona noch das Kleingeld rauskramen. Heute werde ich an der Brottheke fast schon schräg angeschaut, wenn ich mal nicht mit Karte oder Smartphone bezahle. Das zeigt, wie schnell sich Zahlungsgewohnheiten in Sondersituationen wie der Pandemie ändern können.

Tatsächlich sind viele Verbraucher in der Pandemie zur Kartenzahlung übergegangen. Hält dieser Trend nach Corona an?

Zuletzt haben die Deutschen mehr als 30 Prozent der Zahlungen an der Ladenkasse mit Karte getätigt. Das ist deutlich mehr als noch bei unserer letzten Umfrage vor drei Jahren. Die Corona-Pandemie war da sicherlich ein Beschleuniger. Ich erwarte, dass dieser Trend auch nach der Pandemie andauern wird. Verbraucher haben gemerkt, wie bequem etwa das kontaktlose Bezahlen per Smartphone oder Karte ist, und behalten das möglicherweise bei.

Müssen wir uns nun also langsam doch vom Bargeld verabschieden?

Nein, das nicht. Auch wenn immer mehr Verbraucher mit Karte oder Smartphone zahlen, behalten Geldscheine und Münzen ihre Berechtigung. Bargeld ist geprägte Freiheit, und die geben wir nicht auf. Es wird auch in Zukunft Situationen geben, in denen Menschen lieber mit Scheinen oder Münzen bezahlen wollen. Solange das so ist, werden wir als Zentralbank Bargeld in ausreichender Menge ausgeben. Daran würde sich auch nach der Einführung eines digitalen Euro nichts ändern.

Die EZB will in den nächsten zwei Jahren herausfinden, wie ein solcher digitaler Euro genau aussehen könnte. Sie sitzen als Vertreter für Deutschland in der zuständigen Taskforce. Warum brauchen wir einen digitalen Euro?

Wir leben in einer zunehmend digitalisierten Welt. In der Pandemie haben sich mehr Aktivitäten des Alltags in das Internet verlagert. Da müssen wir uns als Zentralbank fragen: Wie könnte eine digitale Variante des Euro aussehen? Und damit steht das Eurosystem nicht allein. Weltweit arbeiten rund 80 Zentralbanken an digitalen Währungen oder erforschen sie. Das heißt, fast jede große Zentralbank ist damit derzeit befasst. Das ist die Zukunft.

Welchen Zusatznutzen hätte ein digitaler Euro konkret für den Verbraucher? Im Netz können wir schließlich mit Kreditkarte oder PayPal zahlen, im Supermarkt über Google Pay oder Apple Pay auch per Smartphone.

PayPal, Google und Apple sind private Anbieter. Als Zentralbanken dürfen wir uns nicht einfach von ihnen verdrängen lassen. Verbraucher sollten auch in einer digitalen Welt weiterhin Zugang zu Zentralbankgeld haben, welches derzeit ausschließlich in Form von Bargeld für die Bürger verfügbar ist.

Das müssen Sie erklären.

Bargeld ist Zentralbankgeld: Nur Notenbanken können es erschaffen. Außerdem ist es ausfallsicher. Guthaben, das Verbraucher auf ihren Konten liegen haben, ist hingegen Geschäftsbankengeld. Die Bankkunden können es aber jederzeit in Zentralbankgeld – und damit bislang ausschließlich in Bargeld – umtauschen. Wenn sich nun das Leben verstärkt in das Internet verlagert, möchten wir als Zentralbank den Bürgern auch eine digitale Bezahlalternative anbieten. Vielleicht den digitalen Euro. Wie mit Bargeld könnte man mit ihm jederzeit bezahlen. Gespeichert werden könnte er dafür zum Beispiel in einem Wallet auf dem Smartphone.

Menschen horten Bargeld, wenn sie Angst ums Ersparte bekommen. Tauschen wir in solchen Fällen künftig also Bankguthaben in digitale Euro um?

Theoretisch ist das denkbar. Natürlich muss man jederzeit tauschen können. Allerdings müssen wir aufpassen, dass es dabei nicht zu einem digitalen Bankrun kommt: Ziehen gleichzeitig zu viele Menschen extrem hohe Beträge von den Geschäftsbanken ab, könnten die Banken in Schwierigkeiten geraten. Dabei ist es egal, ob sich Schlangen vor den Geldautomaten bilden oder Verbraucher ihr Guthaben online in den digitalen Euro umtauschen. Deshalb müssen wir bei der Schaffung eines digitalen Euro die Finanzstabilität im Blick haben. Es darf nicht passieren, dass wir mit dem digitalen Euro das Bankensystem gefährden.

Deshalb ist ein Schwellenwert im Gespräch. Maximal 3.000 Euro sollen Verbraucher fürs Erste als digitalen Euro halten können.

Das ist ein Vorschlag, ja. Ob und wenn ja, in welcher Höhe wir einen Schwellenwert einführen, müssen wir aber noch diskutieren. Da ist noch keine Entscheidung gefallen.

Bräuchten wir denn überhaupt noch Banken, wenn wir unser Guthaben auch als digitale Euro bei der EZB parken können?

Wir werden in jedem Fall auch in Zukunft noch Banken brauchen. Denn sie haben die Erfahrung im Umgang mit den Kunden, mit Verbrauchern wie Unternehmern. Sie wissen zum Beispiel ganz genau, wann sie wem zu welchen Konditionen einen Kredit geben können. Das ist keine Kernkompetenz einer Zentralbank und wird es auch nie sein. Das können die Geschäftsbanken sehr viel besser.

Welche Rolle werden die Banken beim digitalen Euro spielen? Wer wird in Zukunft etwa das Wallet fürs Smartphone anbieten, in dem Verbraucher den digitalen Euro aufbewahren: die EZB, die Bundesbank oder die Geschäftsbanken?

Auch das ist eine der Fragen, die wir noch klären müssen.

Fünf Jahre könnte es noch dauern, bis der digitale Euro kommt. China ist da bei der Entwicklung einer eigenen Digitalwährung schon sehr viel weiter...

China steht in der Tat offenbar kurz davor, mit dem digitalen Renminbi live zu gehen. Zu den Winterspielen 2022 will es Aussagen zufolge so weit sein. Weltweit gibt es allerdings bislang nur ein Land, das seine Digitalwährung schon eingeführt hat: das sind die Bahamas mit ihrem Sand-Dollar. Das allerdings ist ein Spezialfall. Dort geht es vor allem um die finanzielle Inklusion. Menschen auf entlegenen Inseln können mit einer digitalen Währung leichter am Finanzsystem teilhaben.

Bereitet Ihnen denn Chinas Vorsprung Sorgen?

Nein. Natürlich werden die Chinesen versuchen, den digitalen Renminbi auch in die Welt zu tragen. Aber entscheidend ist am Ende nicht, wer als Erster mit seiner digitalen Währung am Start ist, sondern wie vertrauenswürdig diese Währung ist. Deshalb muss beim digitalen Euro für uns Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen. Wir können mit dem digitalen Euro nur live gehen, wenn wir vorher möglichst alle Risiken minimiert haben. Nur dann wird er ähnlich vertrauenswürdig sein wie das Euro-Bargeld. Und nur dann wird er von den Menschen auch angenommen werden.

Im Netz werden Kriminelle immer professioneller. Wie wollen Sie den digitalen Euro zum Beispiel vor Cyberangriffen schützen?

Auch das ist etwas, woran wir arbeiten. Klar ist, dass wir bei der Sicherheit keine Abstriche machen dürfen und werden. Wir brauchen also eine Art digitalen Tresor, den Kriminelle nicht knacken können.

Neben anderen Staaten arbeiten auch Techkonzerne bereits an eigenen Digitalwährungen – allen voran Facebook. Ist das eine Konkurrenz zum digitalen Euro?

Als Facebook seine Pläne erstmals vorstellte, war das eine Art Weckruf für die Zentralbanken auf der ganzen Welt. Da war auf einmal ein globaler Konzern mit Zugang zu knapp drei Milliarden Nutzern, der eine eigene Bezahlform anbieten und damit substanzielle Anteile am internationalen Zahlungsverkehr gewinnen wollte. Als Zentralbank darf man das nicht unterschätzen. Gleichzeitig glaube ich aber nicht, dass Facebook mit seinem neuen Projekt Diem einem digitalen Euro ernsthaft Konkurrenz machen würde. Dafür ist das staatliche Währungssystem zu stark.

Sie tun sich damit schwer, bei Facebooks Projekt von einer Währung zu sprechen, sondern nennen es lieber eine Bezahlform. Der Bitcoin ist dann für Sie vermutlich erst recht keine Währung?

Bitcoin ist für uns keine Währung. Es ist ein Spekulationsobjekt – und zwar ein sehr volatiles, noch dazu mit dem Risiko des Totalverlusts. Ob jemand Bitcoins kauft, ist natürlich jedem selbst überlassen. Man sollte nur wissen, worauf man sich da einlässt. Wenn man allein auf die Kursentwicklung schaut, dann ist das nichts für schwache Nerven. Damit erfüllt der Bitcoin schon die Grundfunktion einer Währung nicht: Er ist nicht wertstabil. Anders als der Euro und künftig, wenn er kommt, auch der digitale Euro.

Wenn Unternehmen erpresst werden, fordern Kriminelle Zahlungen häufig in Bitcoin. Wie wollen Sie verhindern, dass sie künftig Lösegeld in digitalem Euro verlangen?

Wir haben in Europa in den vergangenen Jahren sehr viel gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung getan. Natürlich darf das mit der Einführung eines digitalen Euro nicht obsolet werden. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir Nutzern des digitalen Euro eine vollständige Anonymität zusichern können. Es muss die Möglichkeit geben, unter bestimmten Voraussetzungen Transaktionen nachvollziehen zu können.

Damit unterscheidet sich der digitale Euro dann aber vom Bargeld, mit dem Zahlungen komplett anonym bleiben.

Das stimmt. Gleichzeitig werden wir strenge Vorgaben haben, wann die Anonymität aufgehoben werden darf. Ich kann mir vorstellen, dass das nur bei berechtigten Verdachtsmomenten und vermutlich auch nur mit richterlichem Beschluss möglich sein wird. Die Möglichkeit, die Anonymität aufzuheben, brauchen wir aber, um kriminelle Geschäfte mit dem digitalen Euro zu verhindern.

Nun haben wir nur über die private Nutzung des digitalen Euro gesprochen. Wäre er auch für Unternehmen interessant?

Durchaus. In der Fabrik der Zukunft kommunizieren Maschinen miteinander, da wird die eine Maschine die andere künftig auch bezahlen müssen. Der digitale Euro kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Allerdings müssten wir ihn dafür programmierbar machen. Und das ist komplex. Deshalb gibt es Stimmen aus anderen Ländern, die sagen, lasst uns erst einmal mit dem digitalen Euro für die Verbraucher starten und dann weitersehen.

Sie würden den digitalen Euro dagegen gerne von Anfang an auch in der Industrie im Einsatz sehen?

Ich halte es für sinnvoll, gleich beides umzusetzen. Unternehmen brauchen eine Lösung, mit der Zahlungen von Maschine zu Maschine möglich werden.
 

© FOCUS 30/21 vom 24. Juli 2021. Alle Rechte vorbehalten.